„2015 verliere ich meine Zähne, 2022 feiere ich Ramadan!“

Houellebecq gezeichnet von Luz

Charlie Hebdo, Cover vom 7. Jänner 2015

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„2015 verliere ich meine Zähne, 2022 feiere ich Ramadan!“, lauten die Sprechblasen jener Karikatur des Zeichners Luz, die Michel Houellebecq als Wahrsager darstellt, und „Charlie Hebdo“ auf dem Cover hatte, als am 15. Jänner 2015 ein islamistischer Anschlag einen Großteil der Redaktion auslöschte. Diese Karikatur ziert in Großformat die Rückwand der Bühne im Wiener Theater Werk X, das Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ in einer grandiosen österreichischen Erstaufführung zeigt. Der brisante Stoff wurde von Ali M. Abdullah und Hannah Lioba Egenolf für die Bühne bearbeitet und ist bis Ende April noch sechsmal in Werk X zu sehen: ein Must See!

Michel Houellebecq entwirft in „Unterwerfung“ (2015) eine politische Fiktion für das Jahr 2022, in der Frankreich von einem muslimischen Präsidenten regiert wird. Die Fiktion einer gemäßigten muslimischen Partei, die nach korrekten Wahlen, Taktieren und Koalieren schließlich den Staatspräsidenten stellt, beginnt mit dem Umbau des Staates – langsam, antisemitisch, antifeministisch, anti-aufklärerisch. Zuerst werden die Ministerien für Bildung, Schule und Familie umgestaltet, dann folgen die Universitäten. Das politische System einer Koalition von Mitte Rechts und Mitte Links, das Frankreich jahrzehntelang getragen hatte, implodiert.

Wie reagieren Intellektuelle und Universitätsangehörige auf die Veränderungen? Der Professor für Literaturwissenschaft François (gespielt von Marc Fischer) bekennt, dass er sich bis dahin weder für Politik interessiert, noch sich darum gekümmert habe, wie das Politische in sein universitäres Umfeld hineinreicht. Er genießt seinen Status und nutzt ihn für zahllose Liebschaften mit Studentinnen. Anfänglich ist er unfähig, den politischen Umbruch zu erkennen. Später, als die Umwälzungen in vollem Gange sind, reagiert François erst fassungslos, dann mit wiederwilligem Akzeptieren der neuen politischen Wirklichkeit. Sein Eskapismus mündet in einen kurzfristigen Aufenthalt auf dem französischen Land. Bevor er sich sein Scheitern eingesteht und weitere berufliche wie intellektuelle Erfolge verlustig gehen sieht, stimmt er der Konversion zum Islam als Voraussetzung für eine weitere Lehrbefugnis zu.

Das Provokative an „Unterwerfung“ ist nicht das Religionsbekenntnis des neuen französischen Präsidenten oder das zu einem schlechten Witz reduzierte Sexleben des eitlen und selbstgefälligen François, sondern der ewig verführbare „Intellektuelle“. Sämtliche männliche Kollegen an der Universität konvertieren zum Islam. Sie nehmen die Rückkehr des Patriachats und das Ausscheiden der Frauen aus dem universitären Kollegium ebenso in Kauf, wie eine Art intellektuelle Diktatur, die sich durch die Finanzierung der Sorbonne durch die Saudi-Arabische Regierung abzeichnet.

Die Bühnenfassung des Romans provoziert als negative Utopie einer soften Diktatur, die vor allem die männlichen Bedürfnisse befriedigt und die Sehnsucht nach einem patriarchalen System affirmiert. Was einen fassungslos in den Bann zieht, ist die schwindelerregend schöne Sprache, mittels derer Marc Fischer als François die Dichte an Ideen vorträgt.  Seiner schauspielerischen Glanzleistung ist es geschuldet, dass die Provokation von Sarkasmus, Ironie und Realismus den ganzen Abend über durchgehalten wird. Das Publikum wird völlig unvorbereitet in einen von anarchischem, unkorrekten Humor getragenen Dialog hineingezogen und schließlich Zeuge zustimmender Unterwerfung aller. Die aber nicht als Folge des Wahlergebnisses eintritt, sondern bereits vorher als soziales Phänomen die Gesellschaft tiefgreifend geprägt hatte, und zwar in jenen „zahnlosen“ Eigenschaften, die François negativ auf sich vereint.

Hanna Binder und Marc Fischer als Myriam und François

© Chloe Potter

Ob man will oder nicht, Houellebecqs „Unterwerfung“ nimmt in der aktuellen europäischen Debatte zur Rolle des „politischen“ Islam einen strategischen Punkt ein. Das Unzeitgemäße an seinen Betrachtungen dieser Frage ist ein routiniert in Szene gesetzter Perspektivenwechsel der Protagonisten, die 2022 bereits aus dem politischen und gesellschaftlichen Selbstverständnis einer islamisch transformierten Gesellschaft argumentieren.

Das Stück versammelt die Bestandteile einer politischen Diskussion, die sich grundlegend von denjenigen Debatten unterscheidet, die Frankreich in den zurückliegenden Jahrzehnten gekannt hatte und ein Zustandsbild der Gegenwart kommentiert: Es macht klar, dass es einen Graben zwischen dem „Volk“ und jenen, die in seinem Namen sprechen — also die Politiker und Journalisten, gibt. Es zeigt auf provokante Weise, dass die politische Debatte über eine offene Gesellschaft nicht mehr diskursiv von den Intellektuellen getragen wird: Stattdessen führen Populisten und rechtskonservative Medien eine Art Pseudo-Debatte, eine Art künstliche Diskussion, die für den harmonischen Betrieb der Medien unbedingt erforderlich ist. Und womöglich sogar relevant für die Existenz eines zumindest formalen Gefühls von Demokratie in der Bevölkerung.

Doch wer verteidigt die Werte einer offenen, aufgeklärten Gesellschaft? Wer den in der Vorlage zum Stück verteidigten atheistischen Humanismus, auf dem laizistisches Zusammenleben beruht? Wer bewahrt die Frauen vor dem Rollback in traditionelle Familienrollen? Die Verliererinnen in Houellebecqs Fiktion wären die Frauen. In einer Gesellschaft, die auf Status, Geld und Polygamie baut, sind Frauen die ersten, die ins Abseits geraten. Die Frauen, die sich nicht abfinden wollen, werden in Frühpension geschickt, wie die Professorin für Genderforschung Marie-Françoise Tanneur (Doppelrolle Hanna Binder, die auch die junge Studentin Myriam spielt).

Als die jüdische Myriam erkennt, dass ihr – doppelt so alter – Geliebter François ihr weder Halt noch Schutz bieten will, wandert sie nach Israel aus. Charakteristisch für das ganze Stück gilt ihr Resümee über François: „Nicht deprimiert, nein irgendwie schlimmer, du hattest immer so eine Art von anormaler Ehrlichkeit, eine Unfähigkeit all die Kompromisse einzugehen, die den Leuten letztlich erlauben zu leben. Nehmen wir einmal an, du hättest recht mit deiner Meinung über das Patriarchat, dass es das einzig lebensfähige System ist. Trotzdem habe ich studiert. Ich wurde dazu erzogen, mich als Individuum zu betrachten, das über ein dem Mann gleichwertiges Reflexions- und Entscheidungsvermögen verfügt. Und was passiert nun mit mir? Bin ich für die Tonne?“

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Unterwerfung (Soumission) von Michel Houellebecq. Österreichische Erstaufführung. Inszenierung/Ausstattung: Ali M. Abdullah, Musical Director: KMET. Mit: Hanna Binder, Dennis Cubic, Christian Dolezal, Marc Fischer, Arthur Werner, Zeynep Alan, Elif Bilici, Ayşe Bostancı, Jonathan Fetka, Tanju Kamer, Onur Çağdaş Şahan, Dilan Sengül

Werk X, Oswaldgasse 35A, 1120 Wien

Termine: 20. und 21. März, 8., 9., 21. und 23. April 2016, jeweils um 19.30 Uhr

http://www.werk-x.at

 

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