Autor: Hakan Gürses

Vorweihnachtlicher Jahresrückblick in der U-Bahn oder: Werte stehen hoch im Kurs

Ich habe ein sehr einfaches Gemüt. Sieht man von meinen Angststörungen und den dadurch verursachten psychosomatischen Beschwerden ab, die ihrerseits mitunter sehr komplexe Stimmungsschwankungen nach sich ziehen können, bin ich ein offenes Kinderbuch in leichter Sprache. Die Tatsache seelischer Bescheidenheit (O sancta simplicitas!) drückt sich in meinem Fall im jährlichen Rückblickkonsum aus. Immer wenn Kälte die Mitbürger_innen auf die Straße treibt, damit sie durch heftiges Punschtrinken einerseits...

geflüchtete im mittelmeer

Farbenlehre in der Wahlkabine. Zur Nationalratswahl 2017

Wieder Nationalratswahl also. Diesmal ist sie, wie es offiziell heißt, außerordentlich und vorgeschoben. In der Tat! Außerordentlich, da ich mich an kein größeres Medienspektakel erinnern kann, das je im Zusammenhang mit Wahlen veranstaltet wurde. Täglich gibt es gefühlte achtzig Fernsehduelle auf jedem österreichischen Kanal. Ich gehe Nacht für Nacht von Elefanten zertrampelt ins Bett. Vorgeschoben, weil wir im riesigen Schatten des Wahlkampfes alle anderen Sorgen und Freuden...

Ein postmigrantisches Theater des Verlernens probt – oder: Die Wiener Festwochen 2017 sind vorbei

Theatermanager, Schauspieler und Tänzerin im Proberaum. Der Theatermacher und die Dramaturgin treten links ein; er trägt ein Gemälde mit sich, so, dass es für alle Anwesenden sichtbar ist. Theatermacher: Mich macht das alles krank, sage ich. Ich werde auswandern. Wir alle sollten auswandern. Dramaturgin: Ich bin ja schon einmal ausgewandert, weshalb ich hier eingewandert bin. Theatermacher: Man kann eben noch einmal auswandern, wenn man merkt, man ist...

friedhofsrose auf rhodos

Das kleine Reisetagebuch oder Vom Zugehören

Nun bin ich also auf Rhodos. Der Name zerrt seit Kindheit märchenhafte Bilder vor mein geistiges Auge: Breite kopfsteingepflasterte Gassen – umsäumt von Rosensträuchern und Zypressen –, in denen kleine Gruppen von dunkelhaarigen Männern in Leinenanzügen und jungen Frauen in knielangen Kleidern lachend umherschweben. Eigentlich ist es nur eine junge Frau, nämlich die Mutter von Serdar, meines Freundes seit der Volksschule, die da lacht und zum duftenden...

boethius

Bloggy Thursday oder Der erste runde Geburtstag

Es ist gut, einen intellektuell-elitären Blog-Beitrag mit einem lateinischen Zitat zu beginnen. Das macht Eindruck, und der Nachwuchs lernt etwas dazu. Schließlich geht es diesmal um Kindererziehung; aber alles der Reihe nach! Si ta­cu­is­ses, phi­lo­so­phus man­sis­ses, sagte der alte Boethius. Eigentlich hat er das ein bisserl anders gesagt, außerdem war er gar nicht so alt, als er den schönen Satz niederschrieb. Man sagt freilich aus intellektuell-elitären Gründen...

zahnbürste und -,pasta

Des Volkes Maul

Trump und Strache, „Hasspostings“ und schmutzige Politkampagnen – in Wahlzeiten nimmt sich die Menschheit eine Auszeit von guten Sitten. Manche Beobachter_innen halten solch verbale Enthemmung für einen Auswuchs des Internets, das Anonymität und Tarnung anbietet. Andere weisen darauf hin, dass Politik zunehmend von Populismus beherrscht werde, weil „normale“ Politiker_innen zu elitär seien. Das Problem hat offenbar, wie so oft, mehrere Seiten. Ich mag Harald Martenstein. Er bringt...

uhu_stick

Briefwahl in Zeiten der Flucht

Während die halbe Welt in Trümmern liegt, Blut und Asche menschliche Körper bedecken, versinkt die Republik Österreich in einer Klebstoffkrise. Die nicht gut pickenden Wahlkartenumschläge führten dazu, dass die Wiederholung der bereits erfolgten Stichwahl für den nächsten Bundespräsidenten vor ihrer Abhaltung verschoben wurde – Zores in Raten, kurz gesagt. Liebe Welt in Trümmern, ‘tschuldigen, aber wir haben momentan andere Probleme, wir diskutieren die nicht schließenden Briefwahlkuverts. Aber...

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Selbstzweifel und Größenwahn

Eine der merkwürdigsten Eigenschaften unseres „bildungsnahen“ Bevölkerungssegments ist die Neigung zur Selbstzerfleischung. Die meisten medialen Intellektuellen hierzulande lieben es etwa, sich genüsslich über die Abgründe der österreichischen Seele auszubreiten. Sie prangern die landläufige Autoritätshörigkeit an. Auch die nie eindeutigen Aussagen der Österreicher_innen bilden ein notorisches Dauerthema. Neidgenossenschaft, Kleinkariertheit, übermäßiger Hang zum Alkohol oder lebenslanges Nörgeln stehen auf der Selbstzweifelsliste ebenfalls ganz oben. Lange Zeit habe ich diese...

Mehl, Brösel, Ei

Wir sind uns ähnlich

Letzten Monat sind 35 Jahre vergangen, seit ich in Wien zu leben anfing. Für einen Lebenslauf ist das eine lange Zeit. Für die Mitmenschen hingegen uninteressant. Die wahre Bedeutung dieser Zahl tritt erst zutage, wenn ich das Datum ausschreibe: März 1981. Es war ein halbes Jahr nach dem Militärputsch in der Türkei am 12. September 1980. Tage, in denen die Existenz von unzähligen jungen Menschen vernichtet wurde....

Als Vorspeise: Die unbeachteten ersten Worte

Statt der berühmten letzten Worte sollten eigentlich die unbeachteten ersten Worte gesammelt und publiziert werden. Das wäre ein echter Beitrag zum Weltkulturerbe. Mit diesen unbeachteten ersten Worten hatte ich vor fast genau zehn Jahren versucht, die Menschheit auf eigene Faust mit einem „minority blog“ zu beglücken. Es war die Hochsaison von Weblog und Second Life. Darum wurde auf Konferenzen vom „Mitmach-Internet“ oder vom „Web 2.0“ geredet. Heute...