Bloggy Thursday oder Der erste runde Geburtstag

Es ist gut, einen intellektuell-elitären Text mit einem lateinischen Zitat zu beginnen. Das macht Eindruck, und der Nachwuchs lernt etwas dazu. Schließlich geht es diesmal um Kindererziehung; aber alles der Reihe nach!

Si ta­cu­is­ses, phi­lo­so­phus man­sis­ses, sagte der alte Boethius. Eigentlich hat er das ein bisserl anders gesagt, außerdem war er gar nicht so alt, als er den schönen Satz niederschrieb. Man sagt freilich aus intellektuell-elitären Gründen gerne alt, wenn es um antike Philosophen geht. Oft höre ich auch Alt-Achtundsechziger, als gäbe es noch eine neue Version davon. Alles gut. Hätte der Boethius seine Sätze nicht im Kerker geschrieben, relativ kurz vor seiner Hinrichtung, wäre er heute auch postfaktisch ganz schön alt.

„Hättest du geschwiegen, wärest du Philosoph geblieben“, heißt der Satz auf gut Deutsch. Einerseits im Sinne von: Wieso machst’n deine Goschn auf, da kommt eh nix G’scheits raus! Andererseits im Sinne von: Man soll nicht immer damit angeben, dass man so viel weiß. Darum ist es besonders raffiniert, mit einem lateinischen Zitat anzugeben, und das Zitat möchte justament Angeber_innen vorführen (eigentlich möchte es nicht das Zitat, sondern der alte Boethius, aber wir wollen nicht auf einmal kleinlich werden).

Die Autor_innen dieses Blogs haben nicht über alles und jede_n ihren Senf gegeben, da sind sie wahre Philosoph_innen geblieben, Hand aufs Herz! Manchmal muss man  wirklich auch über Dinge schweigen, da es vielleicht zu früh ist, ein neues #Hashtag zu setzen, oder zu spät, um noch a Schäuferl draufzulegen. Wir haben hier über Dinge geschrieben, von denen wir wirklich eine Ahnung haben, lateinisches Zitat hin oder her. Wir haben des Weiteren Leute zu Wort kommen lassen, die wirklich etwas davon verstehen, was sie reden oder schreiben. Wir haben soweit auch versucht, zur richtigen Zeit das Wichtige zu sagen, zumal in unserem „Bereich“.

Mit Worten wurde dabei nicht gespart, mit Alleswisserei aber schon. Was haben wir alles thematisiert: Mode & Politik, Mehrsprachigkeit, Kölner Silvesternacht, Behinderung & Sexualität, Flucht & Asyl, Bundespräsidentenwahl, Shoah, Homophobie, jugoslawische Gastarbeiter_innen, Bilderbücher, mediale Sprache, Wege der Geflüchteten, Bettelverbote, „Generation Migration“, Barrierefreiheit, Hasspostings, Rechtsextremismus, BDS; Kunst & Kultur mit minoritärem Bezug; das Ganze auch von Gastautor_innen unterbreitet. Es sind lauter Themen, die irgendwie miteinander zu tun haben. Beiträge, die noch Inhalt und Sinn vorweisen können. Autor_innen, die immer noch auf das Politische pochen, das zur umfassenden Gleichheit, Freiheit und globaler Gerechtigkeit führen mag. Der IM BLOG (manche sagen auch das Blog) ist allmählich zu einer Herberge geworden für Sätze, die sich im hippen und schicken Diskurs der Design-Medienwelt nicht mehr aufhalten dürfen. Das ist Willkommenskultur vom Feinsten!

Warum ich jetzt so auf Bilanz mache, als hätte soeben der Rechnungshof angerufen und mein Name beginnt mit Erwin P.? Oder haben wir schon Öxit? Hallo, bekommt ihr denn gar nix mit, Leute, muss man es euch mit Analog-Spam nach Hause schicken? Unsere minoritäre Verschwörung hier hat sein erstes Jahr hinter sich gebracht! Ein minderer Schritt für die Menschheit, ein Dyno-Schritt für uns im medialen Jurassic-Park. Alles gut.

Das erste Jahr eines Kindes wird auf einer deutschen Ratgeber-Webseite folgendermaßen geschildert (eigentlich hasse ich solche Baby-Metaphern, aber einmal geht’s):

„Ihr Baby entwickelt sich mit Lichtgeschwindigkeit. Im ersten Jahr können Sie dabei zusehen, wie aus Ihrem hilflosen Neugeborenen ein neugieriges, aufgewecktes Kleinkind wird.“

Nun, wir wollen es nicht übertreiben. Voll schnell kommt’s mir schon vor, gefühlte drei Monate maxi! Aber Lichtgeschwindigkeit? Hilflos war das Neugeborene schon, wurde auch neugierig mit der Zeit – aber „aufgeweckt“? Lassen wir die Kirche (resp. anderskonfessionelles Bethaus) im Dorf – aufgeweckt ist auch postfaktisch anders. Am Ende des Tages kann gesagt werden: Wir haben das Jahr überlebt, und das haben sogar verhältnismäßig viele Leute mitbekommen. Was will man mehr, wenn man obendrein – im wahrsten Sinne des Wortes – ein Minderheitenprogramm anzubieten hat!

Die Baby-Seite sagt noch:

„Wenn Sie ein Frühgeborenes haben, dann werden Sie vielleicht feststellen, dass es etwas mehr Zeit braucht als andere gleichaltrige Kinder.“

Ich tu’ jetzt ein bisserl darthvadern: Frühgeborenes passt überhaupt nicht zum IM BLOG, es war sogar schon bei der Geburt zu alt. „Was ist das für 1 Life!“ wird sich unser Blog wohl gedacht haben, als er das erste Mal aus dem Kurzschlaf erwachte: „Ich bin bereits als Alt-Achtundsechziger geboren, und hätte ich geschwiegen, wäre ich Philosoph geblieben.“

Das wollte ich damals, vor einem Jahr, auch mit meinen – ziemlich kulturpessimistischen – Sätzen ausdrücken:

„Aber zugegebenermaßen ist es kein leichtes Unterfangen, just heute, in der Hochsaison des Facebook und Twitter (…), einen neuen Blog in die Welt zu setzen. Einen politisch angehauchten zumal.“

Wir haben es aber gut hinbekommen, oder? Was meint ihr, geschätzte Poster_innen?

Gewiss, Erfolg hat nicht nur positive Seiten, wir sind vor allem mit einem neuen Problem konfrontiert: Da wir das erste Jahr relativ cool abgeschlossen haben, müssen wir nun weitermachen. Das bedeutet wieder urviele Donnerstage, die eben Woche für Woche mit Content zu füllen sind. Alles gut.

Ein ganzes Jahr IM BLOG! Das war zach. Aber wir sind ja am Fly. So muss Blog. Nein, das war nicht Latein.

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