Kategorie: Kultur

An jedem verdammten Sonntag

In diesem Text geht es nicht um American Football, sondern um eine andere Sonntagstradition. Um 20.15 Uhr beginnt fast wöchentlich eine neue Folge „Tatort“ und damit auch die  Diskussion auf der dazugehörigen Facebook-Seite. Für die nächste  Erstausstrahlung aus Köln erwarte ich auf Facebook etwas Kritik für den schlechten Ton und vor allem Lob für das „typisch deutsche“ Thema. Was ist mit „typisch deutsch“ hier gemeint? Bei den...

Alltagsobjekte erzählen Migrationsgeschichte

Ein Schreibheft mit braunem Umschlagpapier. Brüchig an den Rändern. Man merkt auf den ersten Blick: Das Heft hat Geschichte. Auf den Innenseiten finden sich Tabellen und Notizen in türkischer Sprache. Sie dokumentieren Gülseren Ağcas Ausbildung zur Buchhalterin im Istanbul der frühen 1980er Jahre. Gülseren Ağca hat das Heft mit ihrer Mitschrift zur Buchhaltung mit nach Österreich genommen, begleitet von der Hoffnung, auch hier in ihrem erlernten Beruf...

Willkommen im Bilderbuch

„In Zeiten wie diesen nehme ich das Buch in jeden Workshop mit und baue es irgendwie ein“, sagte unlängst eine Literaturvermittlerin über Michael Rohers „Zugvögel“, das schon 2012 erschien, aber sich so liest, als wäre es gerade erst geschrieben worden. Anlässlich des Weltflüchtlingstags, der am 20. Juni als Aktionstag begangen wurde, musste ich an dieses Bilderbuch denken, das auf beispielhafte Weise von Migration für jüngste Leser_innen erzählt....

„I am musician, I don’t understand any reason to kill“

Es ist Mitte April, ein sonniger Tag. Ich fahre durch ein kleines Wäldchen. Das zu kurzfristige Kommando des Routenplaners hat mich ein wenig von meinem Weg abgebracht. Genau wie das Projekt „MusikerInnen aus aller Welt in Tirol“, für das ich unterwegs bin, ein wenig vom herkömmlichen musikalischen Mainstream abweicht. Das Projekt der Initiative Minderheiten Tirol versucht, der musikalischen Vielfalt von Menschen unterschiedlichster Herkunft mittels einer Webpräsenz und...

Wenzgasse 12, April 2016, oder Versuch, meinem Sohn das Haus seines Urgroßonkels zu erklären

Die Brüder Robert, Julius und Richard Beer, geboren respektive 1881, 1884 und 1892, die ersten beiden noch in Mähren, der jüngste dann bereits in Wien, erbten von ihrem Vater zahlreiche Gummifabriken, sie waren also Unternehmer, spezialisiert auf Gummisohlen, später –reifen und -waren aller Art. Erfolgreiche Fabrikanten, aus einer der aufstrebenden, assimilierten jüdischen Familien, wie sie für das Wien der Jahrhundertwende bis weit in die Zwischenkriegszeit typisch waren. Zu...

Christian Dolezal und Marc Fischer

„2015 verliere ich meine Zähne, 2022 feiere ich Ramadan!“

                        „2015 verliere ich meine Zähne, 2022 feiere ich Ramadan!“, lauten die Sprechblasen jener Karikatur des Zeichners Luz, die Michel Houellebecq als Wahrsager darstellt, und „Charlie Hebdo“ auf dem Cover hatte, als am 15. Jänner 2015 ein islamistischer Anschlag einen Großteil der Redaktion auslöschte. Diese Karikatur ziert in Großformat die Rückwand der Bühne im Wiener Theater Werk...