Das kleine Reisetagebuch oder Vom Zugehören

Nun bin ich also auf Rhodos. Der Name zerrt seit Kindheit märchenhafte Bilder vor mein geistiges Auge: Breite kopfsteingepflasterte Gassen – umsäumt von Rosensträuchern und Zypressen –, in denen kleine Gruppen von dunkelhaarigen Männern in Leinenanzügen und jungen Frauen in knielangen Kleidern lachend umherschweben. Eigentlich ist es nur eine junge Frau, nämlich die Mutter von Serdar, meines Freundes seit der Volksschule, die da lacht und zum duftenden Garten ihres Elternhauses eilt. In meiner Vorstellung sind auf Rhodos immer die 1950er Jahre, die Luft riecht immer nach Flieder und Jasmin, und die Menschen sehen glücklicher aus.

Ich rufe Serdar an, der selbst nicht kommen konnte, obwohl es halb vereinbart war. Ich erzähle es dir später, sagt er. Er sitze derzeit in Istanbul, habe viel zu tun. Wie sehr ich diesen Ort immer schon mit ihm und seiner Familiengeschichte in Verbindung gebracht habe! Rhodos: ein griechisch-italienisch-türkisches Märchen.

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Der Besitzer des Lederwarenladens schwört, sein Geschäft sei das älteste auf der ganzen Insel. Den Rauhlederblazer, den ich mir schon lange wünsche, kann er mir leider nicht anbieten. Es gibt keine Nachfrage für dieses Modell, sagt er, die Mode ist längst vorbei! Meine Nachfrage scheint nicht zu zählen. Er versucht, mir ein anderes Exemplar zu verkaufen, das allerdings in der Innentasche ein türkisches Etikett aufweist. Ich spreche ihn darauf an; ach das, sagt er, diese Jacken lasse ich in der Türkei nähen, in Izmir. Aber meine Schwester, setzt er an … Die Geschichte ist lang, unser beider englischer Wortschatz hingegen klein. Ich werde ein weiteres Geschäft aufsuchen müssen.

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Die Frau, die im Hotel das Frühstück serviert, hat uns sofort liebgewonnen. Jeden Tag gibt es eine Spezialität. Heute ist es Baklava – oder was wir hier darunter verstehen, sagt sie und lächelt nett. Von ihr erfahren wir, dass heute zwei Kreuzschiffe anlegen sollen. Das bedeutet, dass alle Läden in der Altstadt aufsperren werden, obwohl die Saison erst in zwei Wochen anfängt.

Große Betriebsamkeit herrscht in den steingepflasterten Gassen. Wir setzen uns auf dem Hauptplatz in den Schanigarten eines Lokals, das frisch gezapftes Rhodos-Bier anbietet. Der junge Kellner mit hellblauen Augen beginnt einen müden Small Talk mit uns, der bald ins Stocken gerät. Dann spricht ihn seine Kollegin auf Türkisch an, und wir erfahren, dass er der türkischsprachigen Minderheit auf Rhodos angehört. Ich bin Grieche, sagt er, aber Osmane, also Muslim. Er informiert mich über die Moscheen auf der Insel : welche noch als Gebetshaus diene, welche heute offen habe … Ich sage ihm, dass ich kein Moslem bin. Daraufhin beschreibt er mir den Weg zur Synagoge. Die Kirchen zieht er bei mir gar nicht in Betracht.

Später, unterwegs zum Hotel, stoßen wir zufällig auf die Murad-Reis-Moschee. Auf deren Grund ist ein islamischer Friedhof untergebracht, und in einem dahinter stehenden Häuschen habe der britische Schriftsteller Lawrence Durell einige Jahre gewohnt, wie eine Tafel kundtut.

Aus dem Zaungitter des Friedhofs lugt eine Rose hervor. Sie ist wunderschön. Mir kommt vor, als würde sie mich anlächeln. Ich erfahre aus dem Reiseführer, dass die weitverbreitete Annahme, der Name der Insel leite sich aus Rose ab, einfach falsch sei. Sei’s drum!

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Heute gibt es zwei Überraschungen der Sorte „racial profiling“. Ich muss dem hiesigen Türkenbild klischeehaft entsprechen, werde jedenfalls zweimal als solcher entlarvt.

In Lindos, dem seinerseits griechischsten Städtchen der Insel, erkundigt sich der Restaurantbesitzer nach unserer Herkunft. Beim Zahlen fragt er dann noch einmal, ob wir wirklich auch „originally from Austria“ seien. Meine Frau ist aus Österreich, ich bin aber in der Polis geboren, antworte ich. Er lacht triumphierend auf, ich habe es doch gewusst, ruft er und verkündet seinen zwei Tische weiter sitzenden Freunden lautstark: Es stimmt, er ist wirklich ein Istanbuler!

Am späten Nachmittag setze ich meine Suche nach Lederjacke in Rhodos-Stadt fort. Ein altes Herrenbekleidungsgeschäft zieht meine Aufmerksamkeit auf sich und lässt mich das Leder für einige Minuten vergessen. Während ich drinnen einen Übergangsmantel anprobiere und der Besitzer in der Hinterkammer nach weiteren Waren in meiner Größe kramt, fragt mich sein Freund, der die ganze Zeit im Laden sitzt und mit uns plaudert, ob wir denn „originally from Austria“ seien, und bekommt von uns die gleiche Antwort wie heute Mittag der Restaurantbesitzer.

Ich habe sofort gewusst, dass du ein Türke bist, sagt er auf Türkisch, stellt sich mir als Mustafa vor und ruft seinem griechischen Freund die Frohbotschaft meiner Herkunft zu. Der lacht mit seiner tabakheiseren Stimme und sagt, da schau, ein Landsmann! Ab diesem Moment redet er nur mehr Griechisch mit mir. Dass ich nur einen Bruchteil davon verstehe und meine Antworten in einem Kindergartengriechisch formuliert sind, rüttelt keineswegs an seiner Sprachpolitik. Auf die Frage, was ich denn vom Beruf sei, gebe ich der Einfachheit halber die Antwort: Philosoph. Das bringt den Ladenbesitzer fast zum Ersticken: Hahaha – ein Grieche, der obendrein Philosoph ist, ruft er, das ist wie ein Witz!

Wer aus der Polis stammt, ist für diesen sympathischen Menschen offenbar ein Grieche und somit sein Landsmann. Ich muss gestehen, mir gefällt diese friedvolle Strategie des Einschlusses.

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Am Abend sehe ich fern. Ich bleibe bei zwei deutschsprachigen Talk-Sendungen über die Integration von Deutsch-Türk_innen respektive Austro-Türk_innen hängen. Die ganze Zeit über fragen die Moderator_innen ihre Gäste (mittlerweile heißen sie „Türkeistämmige“), ob sie sich als Deutsche (bzw. Österreicher_innen) oder als Türk_innen fühlten. Die Gäste antworten unterschiedlich und versuchen, ihre Emotionen wortreich zu rechtfertigen. Die eingeladenen „Mehrheits-Expert_innen“ konstatieren anhand der eigenen Erhebungen, dass sich soundsoviel Prozent der Türkeistämmigen als Türk_innen fühlten, also sei deren Integration nicht erfolgt. Andere, selbst türkeistämmige Expert_innen wiederum führen gegenteilige Prozentzahlen an, um zu beweisen, dass die Leute großteils integriert seien.

Ich frage mich, warum denn Integration eine Sache des Gefühls sein muss. Ich hatte immer gedacht, dass man in eine Gesellschaft integriert ist, wenn man bürgerschaftliche Rechte und Pflichten hat, die jenen der Mehrheit entsprechen. Fragt denn jemand einen geborenen Österreicher, ob er sich als Österreicher fühlt? Was tut man mit ihm, wenn er einfach Nein sagt? Was bedeutet es eigentlich, dass sich jemand als Türkin oder als Österreicher fühlt? Fühlt es sich wie Schmerz an oder wie Freude? Warum bin ich dazu verpflichtet, über meine Gefühle in der Öffentlichkeit zu reden? Muss ich mich über Ethnie, Kultur und Religion definieren, damit ich beweisen kann, dass ich integriert bin? Muss ich als Einwanderer in die Vormoderne zurückkatapultiert werden, um in einem postindustriellen Nationalstaat wie die Eingeborenen leben zu dürfen?

Diese Fragen machen wohl nie Urlaub.

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In der Früh schaue ich aus dem Hotelfenster und sehe mehrere militärische Lastwagen vor der Tür. Einige Soldaten stehen herum und rauchen. Die haben auch hier geputscht, scherze ich.

Die Frühstücksfrau erklärt, heute sei Nationalfeiertag. Tag des Beginns der Revolution, erklärt sie. Der Aufstand gegen die Türken habe an diesem Tag vor 196 Jahren begonnen. Ich frage sie, ob es heute wieder Baklava gibt. Heute gibt es Spinatstrudel. Eine Parade werde es draußen auch geben.

Wir legen uns an den Strand und lassen uns von der Sonne verwöhnen. Aus der Ferne höre ich die obligatorischen Trommeln, die wohl eine Gruppe von Gymnasiast_innen rührt. Unendlich viele festlich gekleidete Menschen, darunter viele Kinder, ziehen oberhalb des Strandes mit Fahnen vorbei. Die Parade zum Jahrestag der Revolution gegen die Türken.

Am Handy gibt es Nachrichten aus Österreich. Der Integrations- und Außenminister Kurz habe gestern in einer Rede auf Malta das Ende des „NGO-Wahnsinns“ gefordert. Durch ihre Rettungsaktionen würden mehr Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken, so Kurz.

Ich blicke auf die andere, die türkische Seite des Meeres, auf die Steilküste vor der Marmaris-Bucht, die heute besonders klar sichtbar ist. Wer weiß, denke ich, wann ich wieder werde dorthin fahren können ohne Angst und Sorgen, in jenes Land, in dem ich geboren und aufgewachsen bin?

Im Reiseführer steht, dass der Ritterorden der Johanniter, der während es ersten Kreuzzuges in Jerusalem gegründet wurde und die Geschicke von Rhodos mehrere Jahrhunderte lang bestimmt hatte, nach der Okkupation der Insel durch die Osmanen nach Malta geflüchtet sei. Aus den Johannitern sind die Malteser geworden.

Was wird wohl aus uns werden und aus unseren Kindern? Aus mir? Die Rauhlederjacke werde ich mir jedenfalls woanders kaufen müssen.

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