Denn sie wissen, was sie tun. Rebel With a Cause

In den letzten Tagen und Wochen ist ein bisher völlig unbekannter Ort in das Zentrum der internationalen medialen Berichterstattung gerückt. Das griechische Dorf Idomeni direkt an der Grenze zu Mazedonien wurde zu einer Art Kristallisationspunkt des provozierten Versagens der europäischen Asylpolitik. In dem Grenzort mit knapp 120 EinwohnerInnen leben derzeit mehr als 10.000 Menschen in Zeltlagern, Anfang März sollen es über 14.000 gewesen sein. Auf ihrer Flucht stecken sie an der plötzlich versperrten griechisch-mazedonischen Grenze fest. Verursacht wurde diese Krise von der Politik unter maßgeblicher Beteiligung Österreichs, das mit seiner Dominostrategie im Wesentlichen darauf abzielte, Panikreaktionen am Balkan zu provozieren. Die Balkanstaaten sollten ihre Grenzen für Flüchtlinge schließen, damit die österreichische Regierung die willkürlich festgesetzte Obergrenze von Asylanträgen einhalten kann, ohne an der eigenen Grenze Menschen auf der Flucht menschenrechtswidrig abweisen zu müssen.

Der Blick der Medien nach Idomeni ist daher ein äußerst wichtiger. Mit Idomeni ist es wieder einmal ein Ort an der Peripherie EU-Europas, an dem die Konsequenzen der europäischen Politik am deutlichsten spür- und sichtbar werden. Aufgabe der Medien ist es, diese Bilder von der Peripherie ins Zentrum zu holen, damit sie nicht ignoriert werden können. Interventionen wie jene des ehemaligen CDU-Politikers und deutschen Ministers Norbert Blüm oder des Künstlers Ai Weiwei können vielleicht als eitle Selbstdarstellung kritisiert werden, lenken den Blick aber letztlich in die richtige Richtung.

Politisch instrumentalisierte Flüchtlinge

Elend und Not sind aber nicht die einzigen Geschichten, die uns Medien aus Idomeni erzählen wollen. Vor allem mit der kurzzeitigen Verhaftung einer Österreicherin, die die flüchtenden Menschen im Lager an der griechische-mazedonischen Grenze unterstütze, mischten sich noch ganz andere Töne in die Berichterstattung. Und das nicht nur im Boulevard (auf den hier besser nicht verlinkt wird). Mitgespielt dabei hat sicherlich auch eine Presseaussendung der ÖVP, die den Tod dreier Flüchtlinge für parteipolitische Propaganda im Bundespräsidentschaftswahlkampf zu missbrauchen versuchte, indem sie anderen genau das faktenwidrig unterstellte. Damit war die Figur des politisch instrumentalisierten Flüchtlings reaktiviert. Wir kennen ihn schon von früher. Beispielsweise als sich im November 2012 Refugees aus Traiskirchen auf einen Protestmarsch nach Wien aufmachten und danach das Refugee Protest Camp vor der Votivkirche errichteten. Die Protestierenden verbrachten zuerst im Zeltlager, danach in der besetzen Votivkirche mehrere Wochen in eisiger Winterkälte, nicht wenige traten in den Hungerstreik. Dennoch war es einigen JournalistInnen wichtig, uns zu erzählen, dass sie das alles nur täten, weil ihnen linke PolitaktivistInnen Flausen in den Kopf setzten, oftmals zu ihrem eigenen Schaden.

Nicht anders vor wenigen Tagen, als der ORF von der griechisch-mazedonischen Grenze berichtete. Da war es wichtig zu betonen, dass Transparente auf Karton erst nach dem Auftauchen der Fernsehkamera hochgehalten wurden. Eines zudem verkehrt herum, was als Beweis dafür präsentiert wurde, dass die Flüchtlinge die Forderung („Open the Border“), die sie hier stellten, ja gar nicht verstünden. Einen Schritt weiter in diese Richtung geht eine Analyse im Standard vor zwei Wochen, in der kritisiert wird, dass Flüchtende „instrumentalisiert“ und für „kraftvolle Bilder“ in Gefahr gebracht würden.

Paternalistisch bis naiv

Die Flüchtlinge werden also zu Opfern. Nicht der Politik, die Grenzen schließt und Hilfe und Unterstützung versagt. Sondern von AktivistInnen, die eine politische Agenda verfolgen. Dass Menschen auf der Flucht Menschen mit politischen Forderungen sein können, scheint undenkbar. Dass Menschen, die zwar ihre eigene Flucht vor Krieg, politischer Verfolgung oder wirtschaftlicher Not erfolgreich organisieren konnten, aber nicht merken, wenn sie ausgenutzt und instrumentalisiert werden, ist paternalistische Überheblichkeit. Und zu glauben, dass Menschen, die Wochen und Monate unterwegs und gefährlichsten Situationen ausgesetzt waren, leichtfertig Risiken für die politischen Interessen anderen eingingen, ist geradezu naiv.

Jede Pressekonferenz, jeder Fernsehauftritt ist inszeniert. Bei jeder zweiten Plenarsitzung im Parlament halten PolitikerInnen Tafeln hoch, weil sie wissen, dass das wertvolle Sekunden in der Zeit im Bild bringt. Aber wenn flüchtende Menschen die dringen notwendige Aufmerksamkeit der internationalen Presse nutzen, um ihre politischen Forderungen zu präsentieren, sind sie plötzlich unauthentisch, fremdgesteuert und instrumentalisiert.

 

Foto: http://livetickereidomeni.bordermonitoring.eu/

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