Der Bosnier und sein Komplize

Eine aufsehenerregende Gewalttat in Wien. Ein bewaffneter Supermarktüberfall, Schusswechsel, zwei Tote. Der Überfall auf eine Billa-Filiale vor zwei Wochen und die Berichterstattung darüber liefern ein eindrückliches Beispiel für eine bekannte Kritik. Der Räuber war Bosnier. Das erfahren wir aus so gut wie allen Berichten quer durch die österreichische Medienlandschaft (Kronen Zeitung, Kurier, Presse. Das wird sicher stimmen. Die Frage aber ist: ist es relevant?

Wer sich in diese Debatte einmischt, in die Diskussion, ob es nun richtig und wichtig oder schlichtweg irrelevant ist, Staatsangehörigkeit, „Herkunft“ oder Religion von (mutmaßlichen) TäterInnen in Artikeln und Berichten anzuführen, sieht sich selbst schnell der Kritik ausgesetzt. Man wolle etwas verheimlichen, der Öffentlichkeit Informationen vorenthalten. Aus falsch verstandener „political correctness“, wahrscheinlich, weil es der eigenen politischen Anschauung widerspricht. Was aber den Tatsachen entspricht, müsse man auch schreiben dürfen. Punkt.

Eine der Aufgaben des Journalismus ist es, wichtige von unwichtiger Information zu trennen. Zu entscheiden, was (in einem konkreten Zusammenhang) bedeutungsvoll und was bedeutungslos ist. Zu filtern. Und daraus eine Meldung aus wenigen Zeilen und einen Bericht von nur wenigen Minuten zu machen. Wir wissen nicht, was der Täter zu Mittag gegessen hat, wir wissen nicht, welche Schuhgröße er hat, wir wissen nicht, in welchem Sternzeichen er geboren wurde.

„49-jähriger Wassermann“, „arbeitsloser Löwe“

Wer meint, die „Herkunft“, der Geburtsort oder die Staatsangehörigkeit des Täters müsse erwähnt werden, schreibt diesen Fakten eine relevante Bedeutung zu. Will uns damit sagen, dass es den Täter beschreibt, unterstellt implizit, dass wir uns sein Handeln und seine Tat dadurch vielleicht besser erklären können. Und wenn man noch einen Schritt weiter gehen will: stellt in den Raum, dass wir relevante Schlüsse für unser eigenes Handeln oder für eine bestimmte Politik daraus ziehen könnten.

Wer diesen Überlegungen nichts abgewinnen kann, darf ein Experiment wagen: Für jede Nationalität, die im nächsten Chronik-Artikel angeführt wird, einfach mal ein Sternzeichen einsetzen. Das liest sich dann zum Beispiel so: „Bei dem Raubüberfall, bei dem ein 49-jähriger Wassermann einen Polizisten tödlich verletzte…“, „der Verdächtige, ein arbeitsloser Löwe (Aszendent Waage), …“. Absurd? Wer Sternzeichen anführt, geht davon aus, dass wir aus der Zufälligkeit des Geburtsdatums einer Person etwas über ihren Charakter herauslesen können. Dass wir mehr über jemanden wissen, wenn wir das Sternzeichen kennen. Und wer die nationale „Herkunft“, die Abstammung oder die Staatsangehörigkeit anführt, behauptet genau dasselbe über den Geburtsort.

heute - 05.07.2016 - Bosnier und Komplize


"Österreich" - 05.07.2016 Fotos: Helge Fahrnberger, Twitter: ‏@Helge

Was unerwähnt bleibt

Besonders interessant aber wird es, wenn wir uns ansehen, was tatsächlich nicht gesagt wird und unerwähnt bleibt. Und damit sind wir wieder zurück bei dem Supermarktüberfall. Der „Bosnier“ hatte nämlich einen „Komplizen“. Der mutmaßliche Mittäter soll den Räuber zum Tatort gefahren haben, er wird ein paar Tage später von der Polizei in seiner Wohnung verhaftet. Seine Staatsangehörigkeit bleibt in vielen Artikeln unerwähnt. Er ist Österreicher.

Besonders anschaulich demonstrieren uns das die zeitungsähnlichen Blätter „heute“ und „Österreich“. In ihren Artikeln wird der Haupttäter durchgehend als „Bosnier“, der mutmaßliche Mittäter als „Mann“ und Komplize“ bezeichnet. Nicht weniger interessant ist aber auch der online-Bericht der „Kleinen Zeitung“. Der Artikel ist nahezu deckungsgleich mit einer APA-Meldung, nur ganz wenige stilistische Änderungen wurden vorgenommen und lediglich zwei Sätze wurden zur Gänze und ersatzlos gestrichen: sie wiesen auf die österreichische Staatsbürgerschaft und den angeblichen Beruf des vermeintlichen Mittäters hin.

Textgegenüberstellung Kleine Zeitung (05.07.2016) – APA (APA 0366/05.07.2016)

 

Aus „irrelevant“ wird hier also „irrelevant und selektiv“. Und das nicht nur im qualitätsfernen und hetzerischen Boulevard. In einem Diskurs, der wie kaum ein anderer von der medialen Berichterstattung dominiert wird und von der Rede über „gefühlte“ Kriminalität und Sicherheit geprägt ist, eine höchst gefährliche und problematische Kombination.

 

Beitragsfoto: BMI, Egon Weissheimer
Helge Fahrenberger: https://twitter.com/Helge/status/750419191900102656

1 Reaktion

  1. Gerd Haslinger sagt:

    Danke für diesen Blog.

    Während ich im von Ihnen beschriebenen Fall Absicht dahinter sehe, frag ich mich bei ähnlichen Berichten (ohne kriminellen Hintergrund), z.B. über einen verunglückten Türken (der aber in Österreich lebt und arbeitet) was damit suggeriert werden soll.
    Dass um ihn nicht „schad“ ist?
    Auffallend auf alle Fälle wie sehr das mittlerweile in der Pressebranche um sich greift, umso wichtiger dass mal darüber geschrieben wird.

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