Die jugoslawischen GastarbeiterInnen. 50 Jahre Anwerbeabkommen zwischen Österreich und Jugoslawien.

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Die jugoslawischen GastarbeiterInnen in Österreich

Ein kurzer Rückblick

50 Jahre ist es her, als am 4. April 1966 zwei Staaten, Jugoslawien und Österreich, das Anwerbeabkommen zur Beschäftigung jugoslawischer ArbeitnehmerInnen in Österreich unterschrieben haben. Damit begann eine noch nie dagewesene und beispiellose Geschichte der Arbeitsmigration von Jugoslawien nach Westeuropa, die bis in die Gegenwart alle ehemaligen jugoslawischen Staaten und deren Gesellschaften stark prägen sollte. Aber auch aus heutiger österreichischer Sicht, machen die Gastarbeiter der 60er und 70er Jahre, die nach Österreich kamen, um hier zu arbeiten und auch blieben, einen wichtigen Teil der sozialen Geschichte Österreichs aus. Bereits seit Beginn der 60er Jahre stellen jugoslawische ArbeitnehmerInnen die größte Gruppe ausländischer Arbeitskräfte in Österreich dar. Im Übrigen gehören die Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien, zusammengerechnet, heute zur stärksten nicht-deutschsprachigen Bevölkerungsgruppe mit Migrationshintergrund in nahezu allen Bundesländern Österreichs. Da ist es also nicht zu weit hergeholt, Serbisch/Kroatisch/Bosnisch als die am zweithäufigsten gesprochene Sprache Wiens zu bezeichnen. Zur kulturellen Geschichte Wiens trug diese Gruppe in der Vergangenheit, bereits in den Jahrhunderten vor dem 20. Jahrhundert, und bis in die Gegenwart einen nicht unwesentlichen Teil bei. Vor diesem Hintergrund ist es von besonderer Wichtigkeit, dieser bedeutenden Geschichte einen würdigen Raum, eine Öffentlichkeit zu schaffen. Die Initiative Minderheiten nahm sich diesem Thema bereits 2004 an, als in Zusammenarbeit mit dem Wien Museum, der Stadtbücherei Wien und dem Filmarchiv Austria eine großartig recherchierte Ausstellung unter dem Titel „Gastarbajteri“ entstand.
Zum 50-jährigen Jubiläum des Anwerbeabkommens zwischen Jugoslawien und Österreich war die Initiative Minderheiten Mitveranstalterin einer Konferenz, die am 7. 4. 2016 im Filmcasino mit zahlreichen Vortagenden, AktivistInnen und Zeitzeugen, stattfand. Zwei Videointerventionen an zwei Wiener Bahnhöfen, am Wiener Hauptbahnhof und am Westbahnhof, wurden in der Zeit zwischen dem 4. und 10. April ausgestrahlt sowie eine Ausstellung unter dem Titel „Raum für Selbstorganisation“ auf die Beine gestellt: Das „Heim der Jugoslawen in Wien 1979-1988“ fand von 7. Bis 26. April ebenso im Filmcasino statt.

Die GastarbeiterInnen im Herkunftsland

Welche soziale Rolle spielen die GastarbeiterInnen in ihrem Herkunftsland?
Die GastarbeiterInnen der ersten Stunde sind mittlerweile längst in Pension und pendeln zwischen Österreich und ihrer Heimat. Manche haben Österreich gänzlich den Rücken gekehrt, einige blieben aber hier, jeweils abhängig von ihrer familiären Situation. Jene, die in Österreich ohne ihre Kinder lebten, kehrten nach dem Pensionseintritt wieder zurück und gelten in der Familie als eine stabile Stütze. Nicht selten sind gerade diese Großeltern die Garantie für eine gute und höhere Ausbildung ihrer eigenen Enkelkinder.
Aber nicht nur innerhalb der Familie spielen die GastarbeiterInnen eine entscheidende Rolle. Beispielsweise profitierten, auf die letzten Jahrzehnte der Migration zurückblickend, einige Gemeinden Serbiens, vor allem jene aus Ost-Serbien, die einschneidend von der Auswanderung in Richtung Österreich betroffen waren, von den ehemaligen GastarbeiterInnen stark.
Gesellschaftspolitisch betrachtet, stellen die GastarbeiterInnen, zusammen mit jenen Migrationsgruppen der 1990er Jahre aus dem ehemaligen Jugoslawien, mittlerweile eine besondere Gruppe dar. In den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens werden unter der Bezeichnung „Gastarbajteri“ (oder modern und abgekürzt „Gastus“) paradoxerweise besonders Gruppen einer jüngeren Migrationsgeschichte des Balkans, besonders jener der 1990er Jahre, benannt. Die Migration der 1960er und 1970er Jahre scheint in diesem Diskurs vergessen worden zu sein. Beide Migrationsgeschichten, auf der einen Seite die der 60er und 70er Jahre und auf der anderen Seite die der 90er Jahre, beide hatten gänzlich unterschiedliche Ausgangspunkte, werden jedoch oft irrtümlich in einer gemeinsamen Migrationsgeschichte zusammengefasst.
Vor diesem Hintergrund erreicht das Phänomen der GastarbeiterInnen eine weitere Dimension aus der Sicht des Herkunftslandes. Diese Gruppe ist exklusiv, d. h. sie tritt exklusiv im eigenen Herkunftsland auf, oftmals als eine homogene Gruppe, dessen Merkmal gerade die Auswanderung in ein fremdes Land ausmacht. Eigene Spielregeln werden erfunden, die ihr soziales Verhalten dominieren, wenn sie „zu Hause“ in ihrer alten Heimat Urlaub machen. Denn diese Spielregeln waren lange Zeit nur dort möglich und finden mittlerweile auch im Auswanderungsland Anklang, angesichts einer über Jahrzehnte andauernden familiären Migrationsgeschichte, der mehrere Generationen angehören und die es erst möglich macht, Teil dieser großen homogenen Gruppe mit eigenen Regeln zu sein. Der Austausch innerhalb der Gruppe findet an beiden Standorten statt, sowohl in Österreich als auch im Herkunftsland. An beiden Orten agiert sie exklusiv. Weder dort noch da scheint sie Interesse an der Mehrheitsgesellschaft zu haben. Vielleicht verdeutlicht dieser Umstand die Bedeutung des, in diesem Zusammenhang oft gebrauchten Wortes „Diaspora“. Es steht für Zerstreuung, Zerstreutheit: Man ist also weder das eine noch das andere. Man lebt zwischen zwei Welten. Man ist weder In- noch AusländerIn, man ist WeltbürgerIn. Dies ist die eigentliche Besonderheit aller GastarbeiterInnen – ein Umstand, dessen Bewältigung aufgrund seiner Komplexität zeitlebens andauern muss.

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