„Feminismus shala la la la la“

Petra Permesser interviewt Sarah Kanawin

Diesen Demogesang können Teilnehmer_innen und Passant_innen am Dienstag im 2. Bezirk hören, wenn anlässlich des internationalen Frauen*tags lautstark durch die Straßen gezogen wird. Zu Protestformen bei Frauen*tags- und Frauen*rechts-Demonstrationen in Wien hat die Medienwissenschafterin Sarah Kanawin im Rahmen ihrer Diplomarbeit geforscht. Sie hat dazu die erste Demonstration 1911 sowie die beiden Demonstrationen 2011 – die alljährliche FrauenLesben-Demo am 8. März sowie die Jubiläums-Demo vom Bündnis „20.000 Frauen“ am 19. März – und deren Protestformen untersucht.

Welche Art von Protest kann eine Demonstration erfüllen?

Am internationalen Frauen*tag ist die temporäre Raumnahme im öffentlichen Raum – vor allem für die autonome FrauenLesben-Demo am 8. März – besonders wichtig. Es wird aber auch versucht, Messages rüberzubringen. Bei der Demonstration am 19. März 2011 ist es auch gelungen, die Presse mehr anzusprechen. Allerdings ist fraglich,  ob das nicht mehr über die gesamte Pressearbeit wie z.B. Flashmobs erfolgte. Nur die Demo hätte wahrscheinlich nicht gereicht.

Breite Forderungspalette schon 1911

1911 war es noch viel eher möglich, Messages über eine Demonstration rüberzubringen, weil es nicht so viele Alternativen gab sich auszudrücken. Das Spannende ist auch, dass die Demo 1911 eine der frühen war, die Tafeln mit Schrift benutzt hat, auf denen Messages standen. Es hatte schon davon Tafeln mit Schrift gegeben – auf denen war allerdings z.B. der Sektionsname gestanden. Das war eine der ersten, die damit Botschaften rüberbrachte – auch, weil es eine Schweigedemo war. Die Medien haben diese Botschaften übernommen: In den Zeitungen gibt es lange Auflistungen, was auf den Plakaten stand.

Ich dachte immer, 1911 ging es nur ums Frauenwahlrecht. Nun habe ich aber in deiner Diplomarbeit gelesen, dass die Forderungen viel breiter sind, z.B. gegen Sperrung der Grenzen oder für Waisenversorgung.

Das ist schon auch verknüpft. Das waren die dringenden Fragen, die es damals für politisierte Frauen gab. Mit dem Frauenwahlrecht wollten sie diese dann durchsetzen, weil sie das Gefühl hatten, von Männern würden ihre Forderungen zu wenig beachtet. Deshalb war das Frauenwahlrecht ganz eng verknüpft mit diesen Forderungen. Um ihre eigenen Forderungen umzusetzen, mussten sie teilhaben.

Streng, bunt oder radikal?

Inwiefern unterscheiden sich die beiden Großdemos 1911 und 2011 in ihrer Protestform?

Sarah KanawinGanz stark. Die 1911-er Demo war schweigend und sehr vornehm. Die Demonstrierenden hatten ihre besten Kleider angezogen und sind als riesige Menschenmenge schweigend und extrem geordnet gegangen. Es hatte im Vorfeld der Demo auch Treffen gegeben, in denen ausgemacht worden war, wie Ordnung gehalten werden konnte und OrdnerInnen definiert wurden. Das war Teil der Message, da es zu beweisen galt, dass Frauen diszipliniert sein können – diszipliniert genug, um in die Politik gehen zu können.

Die Demo 2011 wurde vom Bündnis „20.000 Frauen“ organisiert. Sie war in der Organisationsstruktur viel bunter und weniger strukturiert. Bei der Demo gab es davor und danach Reden – wie auch 1911. Aber es gab auch viel Musik währenddessen. Auch die Kleidung war eine ganz andere: Viele Menschen kamen in Kostümen, in Hüten, mit Tüchern, in pink und silber. Und es gab ganz viele Luftballons. Es war bunter und happy.

Und inwiefern haben sich die beiden Demos 2011 unterschieden? Also die autonome FrauenLesbenMädchen-Demo und die Frauenrechtsdemo?

Vom Auftreten und von den Formen her war die autonome Demo radikaler. Sie war natürlich viel kleiner – auch weil die Forderungen viel klarer kommuniziert wurden.

Bei der anderen wurde versucht, alle zu integrieren. Sie konnten daher wenige gemeinsame Forderungen haben. Wenn man z.B. religiöse Gruppen dabei haben will, kann man schlecht Abtreibungsrechte fordern. Es gab letztendlich einen riesigen Forderungskatalog, in dem jede Gruppe mit ihrem Forderungen präsent war. Es war ihnen auch sehr wichtig, viele Frauen und Männer auf die Straßen zu bringen und das Bunte in den Vordergrund zu stellen.

Wie radikal ist die Demo am 8. März denn wirklich?

Ich glaube, dass das eher eine Ästhetikfrage ist. Also, dass sie sich radikal gibt und das auch eher eine Selbstbestätigung der Radikalität ist.

Seite 1 des Aufrufs zur Demonstration am 8. März 2016

Seite 1 des Aufrufs zur Demonstration am 8. März 2016

Hängt das auch mit der Selbstdefinition des FrauenLesben-Kampf-Tags zusammen?

Der Frauen*tag ist in vielen Ländern ein Feiertag. Und ich glaube, dass mit der Definition eine Abgrenzung erzielt werden soll. Ganz klar zu sagen: wir haben nichts zu feiern. Wir kämpfen an diesem Tag für Rechte, die wir noch nicht haben, für Dinge, die verbessert werden müssen. Wir wollen keine Blumen sondern Gesetze, die was ändern.

Frauen, Lesben, Trans, Inter … und Männer?

Wie war denn der Diskurs zur Einladungspolitik 2011? Die Frauenrechtsdemo am 19. März war ja offen für alle, jene am 8. März eine Frauen-, Lesben- und Mädchen-Demo.

Bei der „20.000 Frauen“-Demo war ursprünglich auch geplant, eine Demonstration nur für Frauen zu machen. Bei einem Plenum wurden dann Frauen aus dem FZ-Umfeld überstimmt und die Entscheidung für Männer auf der Demo getroffen. Das hatte dazu geführt, dass auch viele andere Frauen keine Lust mehr hatten mitzumachen und auch gegangen sind. Die „20.000 Frauen“ wurden oft für diese Entscheidung kritisiert. Ich glaube, sie wollten eine größere Masse haben. Außerdem gab es im Bündnis Frauen, die nicht ohne ihre Männer zur Demo kommen wollten.

Bei der autonomen Demo ist die Einladungspolitik schon lange ein Thema. Ich glaube aber, dass es einen Konsens darüber gibt, sie nicht für Männer zu öffnen. Da ist aber immer wieder die Frage: Was ist mit Trans-/Inter-Personen? Die Öffnung wurde in Wien durch eine größere Gruppe Aktivist_innen schon lang forciert und letztendlich auch durchgesetzt. Aber noch nicht 2011. Das wird aber sicher noch länger eine Diskussion sein, weil es in der Organisationsgruppe Frauen gibt, die der Meinung sind, dass nur biologische Frauen bei der Demo am 8. März sein sollen.

Die Wiener FrauenLesben-Demo mit F*L*I*T*-Block startet am 8. März um 17:00 Uhr am Praterstern.

 

Fotos: Sophie Oczlon

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.