„I am musician, I don’t understand any reason to kill“

Es ist Mitte April, ein sonniger Tag. Ich fahre durch ein kleines Wäldchen. Das zu kurzfristige Kommando des Routenplaners hat mich ein wenig von meinem Weg abgebracht. Genau wie das Projekt „MusikerInnen aus aller Welt in Tirol“, für das ich unterwegs bin, ein wenig vom herkömmlichen musikalischen Mainstream abweicht. Das Projekt der Initiative Minderheiten Tirol versucht, der musikalischen Vielfalt von Menschen unterschiedlichster Herkunft mittels einer Webpräsenz und einer Sendereihe auf FREIRAD, dem freien Radio Innsbruck, mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen.
Am Ende des Wäldchens in einem kleinen Weiler erwartet mich ein Einfamilienhaus in Kirchdorf in Tirol, mein vorläufiges Ziel.

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Dort werde ich Nonybone treffen, einen senegalesischen Rapper, der der Liebe wegen sich hier niedergelassen hat. Die Schwiegermutter winkt mir schon von der Einfahrt her und begrüßt mich im breiten Dialekt, ein Kätzchen schnurrt mir um die Beine. Die hochschwangere Frau von Babacar Kandji, so sein bürgerlicher Name, bietet Kaffee und Saft an, während ich mit dem hochgewachsenen Rastafari ein Gespräch über Hiphop und die Kraft der Musik führe. Wenig später werde ich weiter nach Scheffau fahren und Taisir Haj Hussein treffen. Hussein ist ein jesidischer Kurde aus Syrien, der vor einigen Monaten mit seiner Frau über die Balkanroute nach Österreich geflohen ist und nun in einem zum Flüchtlingsheim umfunktionierten Hotel untergebracht ist. Er singt und spielt mit seiner Saz kurdische Lieder und beschreibt die Saz als seinen treuen Freund. Allein in diesen beiden Begegnungen spiegelt sich die Vielfalt des Projekts. Hier, der aus Dakar stammende Nonybone, der in der senegalesischen Metropole früh mit Hiphop in Berührung kam, der Liebe wegen nach Tirol ausgewandert ist und nun versucht über die Entfernung seine Band aufrecht zu erhalten. Dort, Taisir Haj Hussein, der traditionelle kurdische Lieder singt, vor einem unvorstellbar grausamen Krieg fliehen musste und nun versucht in Österreich anzukommen.

Man muss hier gar keine Gegensätze zwischen Moderne und Tradition konstruieren, Hussein trat im Rahmen des artacts ’16, dem Festival für improvisierte Musik in St. Johann, mit dem Free Music St. Johann auf, einem Ensemble, das unter der Leitung des Tiroler Komponisten und Gitarristen Gunter Schneider die Klänge und Welten der freien improvisierten Musik auslotet.

Zwei andere MusikerInnen, die die Vielfalt repräsentieren, sind Baiba Dēķena und George Naser. Baiba Dēķena studierte Kulturmanagement und Creative Writing in Lettland, ist Singer/Songwriterin und kam als europäische Freiwillige nach Innsbruck, um hier in der Bäckerei, der Kulturbackstube, zu arbeiten. Eines ihrer Projekte in der Bäckerei ist die Organisation der monatlichen Open Mic Sessions, wo sie zumindest anfangs gern die Openerin gab. Die Open Mic Sesssions sind aber auch Gelegenheit für George Naser eine Bühne zu finden. Und über dieses Format ist inzwischen eine Freundschaft zwischen Dēķena und Naser entstanden.

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Ich könnte noch von einigen MusikerInnen erzählen, wie z.b. von Gina Dueñas, kubanische Sängerin, die vor einigen Jahren gern in ihrer damaligen Bar hinter dem Tresen Lieder vom Buena Vista Social Club sang oder von Demba Diatta, senegalesischer Meister der Perkussion oder von Bands, wie Latin Oriente, Balkan Fratelli Band und Orient Okzident Express, die in sich Musiker aus verschiedenen Ländern vereinen und ihre Einflüsse zu etwas Neuem vermischen. An dieser Stelle möchte ich aber gern ein bisschen mehr von George Naser erzählen.

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George Naser spielt Oud. Die Oud ist eine orientalische Kurzhalslaute, die als Vorläufer der europäischen Laute über die Mauren in Andalusien und heimkehrende Kreuzfahrer nach Europa kam und sich letztlich in Spanien zur Gitarre weiterentwickelte. In jüngerer Vergangenheit erlangte aber auch die klassische, orientalische Oud wieder internationale Präsenz. Naser nennt dabei den irakischen Musiker Munir Baschir, seinen Schüler Naseer Shamma und Marcel Khalifé aus dem Libanon als seine Vorbilder, die allesamt modern komponieren und auch international reüssierten.

Schon im ersten Gespräch mit dem syrischen Musiker wird klar, wie interessiert George Naser an allen möglichen Musikstilen ist und wie er versucht, Einflüsse aus Jazz und Flamenco beispielsweise in seine Musik einzuflechten. Wobei er sich der unterschiedlichen westlichen und östlichen Hörgewohnheiten sehr bewusst ist und die für westliche HörerInnen ungewohnten Vierteltöne sparsam verwendet. Gibt es in der klassischen westlichen Musik 12 Intervalle in einer Oktave, können es derer bis zu 24 in der orientalischen Musik sein. Das ergibt unter Umständen 12 Töne innerhalb einer Oktave, die unseren vom Musikunterricht und sämtlicher westlicher Musiktradition trainierten Ohren falsch erscheinen. Grund für George Naser sensibel mit den Vierteltönen und damit mit seinem jetzigen Publikum umzugehen.

Das Haus und die Familie, in der er aufwächst, ist musikbegeistert. Beethovens Symphonien, Bach, Mozarts „kleine Nachtmusik“, orientalische Musik, Beatles – das Haus ist von morgens bis abends von Musik erfüllt. Naser betont, dass seine Eltern und sein Bruder ausschließlich arabisch sprechen und sich trotzdem für ganz unterschiedliche Musikstile interessierten. Und er spricht davon, dass dies eine gute Grundlage für seinen eigenen musikalischen Werdegang war.

Mit 10 Jahren beginnt er zu spielen. Der Vater bemerkte, dass George beim Musikhören mittrommelte und ein tiefergehendes Interesse für Musik entwickelte. Er fragt ihn, welches Instrument er spielen möchte und erzählt gleichzeitig von den großen Meistern. Aufgrund der Faszination des Sohnes für Marcel Khalifé wird die Oud sein Instrument. In Homs und Damaskus lernt er bei mehreren Meistern. Da das Auslangen als Musiker in Syrien (wie auch sonstwo auf der Welt) schwierig ist, ergreift er noch einen weiteren Beruf. Er wird Volksschullehrer.

Er arbeitet mit den Kindern, macht mit ihnen Theater, doch bald beginnt der Krieg. Plötzlich stürzt seine Welt zusammen. Musik hat wenig Platz im Krieg, auch wenn er davon überzeugt ist, dass sie den Leuten helfen kann, die Hoffnung nicht zu verlieren. Was es aber für einen persönlich heißt, im Krieg zu leben, können wir uns hier vermutlich kaum vorstellen.

Ich stelle trotzdem die Frage nach den Gründen für seine Flucht nach Österreich und bekomme eine Antwort, die mich nachhaltig beeindruckt. Sie beeindruckt mich so, dass sie ausschlaggebend dafür ist, George Naser in den Mittelpunkt dieses Beitrags zu stellen:

„The reason for escape, I am musician, I am teacher, I don’t understand any reason to kill or don’t kill. I don’t see this is right or this side is right or this group has right. I can understand music, I can understand teaching, maybe I am also interested about very great masters from here, from Austria, called Sigmund Freud, this is a very great teacher about psychology. So I can understand this, but this is war, what can I make? How can I compose music when I feel I will have maybe some bomb here? I am a Christian. Jesus said: Don’t kill. If I am teacher, I say everything has a solution without violence, without killing. If I am musician, I say the music, I say to be good, to love each other. What I know at this life, what I teach at this life, no thing tell me to stay. “

Über die Flucht möchte George keine Einzelheiten erzählen, seine Familie lebt noch in Syrien. Seit acht Monaten ist er in Österreich und wartet noch immer auf das Gespräch mit den Behörden. Inzwischen spielt er und knüpft Kontakte. Dies ist ein weiterer Grund, warum ich ihn hier etwas genauer vorstelle. Ich war überrascht, in welch kurzer Zeit er ein großes Netzwerk in Innsbruck bzw. Österreich aufbauen konnte. Angefangen damit, dass er zuerst zu einem Instrument kommen musste. Ein ehemaliger Schüler war einige Zeit früher geflüchtet und hat Kontakt zum palästinensischen Musiker Marwan Abado in Wien. Der überließ George Naser sein Zweitinstrument. Marwan Abado ist übrigens selbst als Grenzgänger zwischen den Musiktraditionen bekannt. Ich bin das erste Mal auf ihn aufmerksam geworden, als 2005 das Album „’s geht eh“ gemeinsam mit Krzysztof Dobrek (polnischer Akkordeonist), Aliosha Biz (russischer Violinist), Alegre Corrêa (brasilianischer Gitarrist) und Roland Neuwirth (Wiener Extremschrammler) erschien.

Inzwischen spielte George Naser Konzerte in Salzburg und Linz, umrahmte zwei szenische Lesungen von syrischen Gedichten im Freien Theater Innsbruck, ist regelmäßig auf der Bühne der Open Mic Sessions in der Bäckerei zu sehen, gibt für drei Euro Unterricht auf der Oud und pflegt Kontakte u.a. mit dem Pfarrer in Inzing, zufällig meine Heimatgemeinde. Mit Pfarrer Andreas Tausch spielt er dann schon auch einmal „Tirol isch lei oans“, so etwas wie die zweite, inoffizielle Landeshymne. Man merkt, wie wissbegierig er einerseits ist und andererseits mit welchem Ernst er sein musikalisches und privates Vorankommen in Österreich betreibt. So kontaktiert er mich z.B. vor der Ausstrahlung der Sendung noch einmal um ein Foto im Studio aufzunehmen, das er für Eigenwerbung auf Facebook postet. Oder bittet mich am Vortag der Ausstrahlung noch drei zusätzliche Lieder für die Sendung aufzunehmen. Einer seiner Wünsche, ist es mit anderen MusikerInnen zusammen zu spielen, speziell mit österreichischen MusikerInnen, wie er betont. „I want to say all the world, the music, it’s international language and everybody loves the music, we can stay together, we can live together, we can be good together.“

Wie der sonnige Apriltag in Scheffau zu Ende ging? Nach dem Interview mit Taisir, nimmt er seine Saz (das Instrument bekam er über das Ensemble Free Music St. Johann) und singt einige kurdische Lieder. Schon die ganze Zeit duftet es in der Küche, Eva tischt ein syrisch-kurdisches Ofengericht auf, dazu gibt es Joghurt, selbstgemacht aus der Milch des Nachbarbauerns. Normalerweise, erzählt mir Taisir, koche er dieses Gericht, aber er käme direkt vom Zahnarzt zu unserem Gespräch, eine Spätfolge einer zweiwöchigen Inhaftierung.

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Die Sonne ist beim Untergehen, ich fahre heim, mit dem schönen Gefühl wieder Menschen kennengelernt zu haben, die mit ihrer Musik der Welt etwas zurückgeben wollen, aber auch mit Schaudern an die Erzählungen, was Menschen einander antun.

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