Ideen zum Postmigrantischen

Bild: Moschee am Stachus, aus: migrantenstadl

So wie das Postkoloniale die Stimme der Kolonisierten zum Ausdruck bringt, präsentiert das Postmigrantische die Stimme der Migration, macht marginalisierte Wissensarten sichtbar, wirkt irritierend auf nationale Mythen, zeigt neue Differenzauffassungen und erzeugt ein neues Geschichtsbewusstsein. Daher versteht es sich als eine politische Perspektive, die auch subversive, ironische Praktiken einschließt und in ihrer Umkehrung provokant auf hegemoniale gesellschaftliche Verhältnisse wirkt.

Migranten der zweiten und dritten Generation, die selbst nicht eingewandert sind, beginnen ihre eigenen Geschichten zu erzählen. Darin werden unterschiedliche Elemente zu hybriden Lebensentwürfen zusammengefügt, ergeben kulturelle Überschneidungen, Irritationen, Grenz- und Zwischenräume und simultane Zugehörigkeiten. Ihre Lebenswirklichkeit deutet darauf hin, dass sie mit den von außen zugeschriebenen ethnischen Sortierungen kreativ und subversiv umzugehen wissen. Die vermeintliche Herkunftskultur wird von ihnen praktisch neu erfunden, indem sie eigene imaginäre Bezugsräume entwerfen.

Aus der Auseinandersetzung mit der Migrationsgeschichte ihrer Eltern und mit der Gesellschaft, in der sie aufgewachsen sind, entstehen neue symbolische Welten. Diese Rekonstruktionsarbeit fungiert als eine Art ›Erinnerungsarchäologie‹, in der Geschichten, die bisher nicht erzählt, bagatellisiert oder abgewertet wurden, in das öffentliche Gedächtnis geholt werden. Auf diese Weise werden binäre Zuordnungen aufgebrochen und neue Perspektiven auf die Gesellschaft eröffnet.

So setzen sie sich sowohl mit der Migrationsgeschichte ihrer Eltern und Großeltern als auch mit ihren eigenen Lebensbedingungen auseinander, entwickeln neue Lebensentwürfe und Strategien zur gesellschaftlichen Verortung. Auf diese Weise schaffen sie auch ihre eigenen Räume, die beschränkten Vorstellungen zu ›Migration‹ und ›Integration‹ entgegenstehen. Dieses neue Verständnis und die Strukturen, die daraus hervorgehen, könnte man als ›postmigrantisch‹ bezeichnen.

Eine postmigrantische Verortungsstrategie ist u.a. die ›Selbstethnisierung‹, welche zum Teil als ein subversives Moment gegen Prozesse der Fremdethnisierung eingesetzt wird. Diese symbolische Identifikation mit vermeintlichen Traditionen der Herkunftsländer ihrer Eltern oder Großeltern ist eine gezielte Reaktion auf die gesellschaftlichen Machtverhältnisse. Man kann das an der kontrovers diskutierten Kopftuchthematik demonstrieren. Viele junge Frauen, die in Deutschland oder Österreich geboren und aufgewachsen sind, tragen nicht ausschließlich aus streng religiösen Motiven Kopftücher, wie ihnen immer wieder unterstellt wird, vielmehr übernehmen sie die von außen zugeschriebenen Eigenschaften und drehen sie in ihrer Funktion um. Frauen, die nicht anerkannt und diskriminiert werden, stilisieren sich selbst als Fremde und stellen sich polemisch der Gesellschaft entgegen. Auf diese Weise werden Räume des Widerstands gegen eine hegemoniale Normalisierungspraxis und gegen die ›Marginalisierung‹ bestimmter Gruppen geschaffen. Dieser Widerstand besteht in der Absicht, das vorherrschende Wissen der Dominanzgesellschaft in einem Prozess kreativer Auseinandersetzung zu dekonstruieren.

Ein anderes Beispiel für diese subversiv ironische Umdeutung oder Transkodierung, wie Stuart Hall es nennt, ist das Weblog migrantenstadl (10.10.2017). Das Selbstverständnis der Autorinnen und Autoren lautet: »migrantenstadl ist ein blog von und für grenzüberschreitende dadaisten und textterroristen, mit provokativen, subjektiven und politischen ansichten und geschichten aus dem migrantenmilieu und darüber hinaus, in münchen und anderswo. migrantenstadl ist die stimme mitten aus der peripherie«.

Ein Autor des Blogs definiert sich als »gebürtiger Schwabe mit palästinensischem Migrationshintergrund«, zurzeit sei er damit beschäftigt, »sich zu integrieren«. Eine andere Autorin stellt sich als »bekennende Gastarbeitertochter mit tscherkessisch-türkischem Hintergrund« vor.

Die genannten Beispiele zeugen davon, dass die Jugendlichen und Erwachsenen der zweiten und dritten Generation sich nicht passiv in eine Opferrolle fügen, sondern gegen Dominanzverhältnisse aufbegehren. Solche Alltagsstrategien dienen dazu, sich mit der eigenen Lebenswirklichkeit auseinanderzusetzen und ihr einen positiven Sinn abzugewinnen. Durch die Erzählung neuer Geschichten und die Umdeutung zugeschriebener Negativmerkmale werden einerseits Machtverhältnisse offengelegt und andererseits eine Anerkennung gleichzeitiger und widersprüchlicher Lebenswirklichkeiten gefordert. In diesem Sinn ist das Postmigrantische implizit herrschaftskritisch und wirkt politisch provokativ und irritierend auf nationale Erzählungen und Deutungsmuster.

Die postmigrantische bzw. kontrapunktische Deutung gesellschaftlicher Verhältnisse suspendiert soziale Sortierungen, die auf kategorialen Klassifikationen basieren und rückt dafür hybride, mehrdeutige und postmigrantische Vielheiten ins Blickfeld, ohne jedoch Dominanzverhältnisse und strukturelle Barrieren zu übersehen, eine Denkart, die den Fokus auf gesellschaftliche Überlappungen, Überschneidungen und Verflechtungen richtet und gesellschaftliche Phänomene zusammendenkt, die gewöhnlich isoliert betrachtet wurden.

Postmigrantische Lebensentwürfe und alternative Räume wie Migrantenstadl öffnen den Blick für gesellschaftliche Vielheit und regen zu kritischem Denken an. Als wissenschaftliche oder künstlerische Ausdruckformen inspirieren sie durch neue, überraschende Sichtweisen und eröffnen kreative Möglichkeitsräume.

Mehr zum Thema: Hill, Marc/Yildiz, Erol (2018): Postmigrantische Visionen. Erfahrungen – Ideen – Reflexionen. Bielefeld: transcript (10.10.2017)

 

 

 

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