Man kann keine Ausstellung zum Thema Sex machen, ohne selbst zum Voyeur zu werden.

Ein Gespräch mit Andreas Brunner zur Ausstellung „Sex in Wien„, die ab 15. 09. im Wien Museum zu sehen ist. Für alle ab 18.

Jessica Beer: Du warst 2005 Kurator der Ausstellung „Geheimsache Leben. Schwule und Lesben im Wien des 20. Jahrhunderts“. Diese Ausstellung versuchte erstmals, schwul-lesbische Lebenswelten, ihre Unterdrückung, Marginalisierung, Kriminalisierung, aber auch ihre Lust und die vielfältigen Wege zu ihrer Verwirklichung – oftmals im Geheimen – darzustellen. Wie unterscheidet sich dieser damalige Blick aus einer minoritären Position, dieses fokussierte Sichtbarmachen der Lebensrealität einer gesellschaftlichen Minderheit von dem, was ihr jetzt thematisiert: Sex in als gesamtgesellschaftliches, kulturelles Phänomen, als das Mehrheitsthema schlechthin, wenn man so will? Und wie stellt sich das Verhältnis der gesellschaftlich sanktionierten zu den diskriminierten Praxen in diesem Zusammenhang dar?

Andreas Brunner: Die „Geheimsache“ 2005 sollte vor allem zeigen, dass es überhaupt eine Geschichte von Lesben und Schwulen gibt und dass man sich nur die Mühe machen muss, diese zu recherchieren und zu erzählen. Wir wollten auch zeigen, wie reich und vielfältig diese Geschichte ist, wenn man es zulässt sie darzustellen. Die Ausstellung war ein Akt der Selbstdarstellung und der Selbstvergewisserung  (es war die schwarz/blaue Regierung im Amt!) – frei nach dem Motto: Face it! Hier sind wir, es gibt uns und es hat uns immer gegeben, trotz aller Verfolgung, Verleugnung und Marginalisierung. Es ging um Sichtbarkeit.

Bei „Sex in Wien“ geht es um etwas ganz anderes, eben um Sex als gesellschaftliches Phänomen. Wir begreifen Sexualität als Lebensenergie, als Teil des Menschseins überhaupt. Sexualität wird im 18. Jh. im Zuge der Aufklärung, von einem Thema, das einer göttlichen Ordnung unterworfen ist, zu einem Thema der bürgerlichen Öffentlichkeit und zu einem Spielball der Machtpolitik im Sinn Foucaults. Sex wird zu einem Regulierungsfaktor der bürgerlichen Gesellschaft. Von den Machtinstanzen wird bestimmt, welche Formen von Sexualität grundsätzlich als gesellschaftlich wertvoll angesehen werden, wobei es da nicht nur um hetero oder homo geht.

Matthias Hermann: Untitled, 1999

Matthias Hermann: Untitled, 1999

Wer darf überhaupt Sex haben und zu welchem Zweck? Sex ist lange Zeit nur in der Ehe gestattet und darf nur der Fortpflanzung dienen, wobei sich dabei auch der Frage stellt, wer überhaupt heiraten und damit Sex haben darf. Es darf eigentlich nur ein kleiner Teil der Bevölkerung Sex haben. Es gibt zahlreiche Ausschlüsse: soziale (Dienstboten, Militärs, viele Berufsgruppen wie Lehrerinnen oder Beamtinnen); unterschiedliche Religionen oder Nationalität, etc., etc…. Der Sexualitätsdiskurs ist im 19. und in weiten Teilen des 20. Jahrhunderts das Herrschaftsinstrument schlechthin.

JB: Bei den Recherchen zu diesem Gespräch bin ich auf folgende interessante Information gestoßen: Bereits 2001, anlässlich des Europride in Wien, war eine thematisch verwandte Ausstellung („Der andere Blick. Lesbischwules Leben in Österreich. Eine Kulturgeschichte“) für denselben Ort geplant gewesen – das Projekt scheiterte am Einspruch des damaligen Leiters des Wien Museums, der der Meinung war, das Thema eigne sich nicht für eine historische Ausstellung. Heute, 15 Jahre später, sollte die „Sex“-Ausstellung sogar die Eröffnungsausstellung des neuen Museumsdirektors sein, und es scheint selbstverständlich, dass lesbischwule Perspektiven hier miteinbezogen werden. Wie beurteilst du als langjähriger Aktivist, aber auch als Historiker diese Entwicklung?

AB: Für den seinerzeitigen Direktor war Homosexualität schlicht keine Ausstellungsthema. Seither hat sich aber auch der Museumsdiskurs geändert (wobei wohl auch Kos keine Ausstellung zu diesem Thema gemacht hätte). Matti Bunzl ist nicht nur selbst ein offen schwuler Mann, er ist auch ein Kulturwissenschaftler, der an Universitäten in den USA den aktuellen Forschungsstand rezipiert und gelehrt hat. Eines seiner Spezialgebiete ist Sexualitätsgeschichte in der theoretischen Nachfolge von Foucault mit einer Fokussierung auf Machtdiskurse und sexuelle Minderheiten.
Homosexualtät_en, queere oder LGBTI-Themen sind inzwischen (auch in Wien) im akademischen Feld angekommen. Ohne die Erfindung/Definition der Homosexualität gäbe es bekanntlich auch keine Heterosexualität. Das bedingt einander. Als langjährigen Aktivisten freut mich das natürlich, weil man als Forschender zu diesen Fragen nun nicht mehr von allen komisch angeschaut wird – obwohl es gibt noch genug Stimmen, die sagen: Wozu brauchen wir denn das?

JB: „Sex in Wien“ – das Thema klingt nach Voyeurismus, Populismus, aber auch nach Subversion, nach dem Zulassen subkultureller Bilder in einem Raum, der üblicherweise einer hochkulturellen, museumspädagogischen Erzählung vorbehalten ist.  Wie geht ihr mit der voyeuristischen Neugierde, die das Thema erzeugt, um? Wie nutzt ihr sie und wie trickst ihr sie möglicherweise aus?

AB: Der voyeuristische Blick war für uns ein wichtiges Thema in der Vorbereitung, weil praktisch allen Objekten (auch den subkulturellen) dieser Blick in irgendeiner Form immanent ist. Man kann keine Ausstellung zum Thema Sex machen, ohne selbst zum Voyeur zu werden. Deshalb gibt es einen Prolog zur Ausstellung, in dem wir diesen Blick thematisieren. Sub- oder Hochkultur waren für uns keine Themen. Unsere Trennlinien verlaufen zwischen den Instanzen der Macht, die versucht, Sexualität zu regulieren und reglementieren, und einer widerständischen Position der sexuellen Lust. Wurscht, was verboten war, getrieben haben sie es immer – könnte ein etwas salopp formuliertes Motto der Ausstellung sein.

"Wiener Nackedeien", 1906

„Wiener Nackedeien“, 1906

Klar spielt das Museum als Institution mit der voyeuristischen Neugierde des Publikums (die Altersbeschränkung mit 18, die einem § des Wiener Jugendschutzgesetztes zu verdanken ist, wird auch werbetechnisch entsprechend betont), aber wirkliche Voyeure werden von der Ausstellung wohl eher enttäuscht sein.

JB: Eine Frage noch zu den Objekten: Objekte der Lust, Dokumente der Unterdrückung – wie geht ihr mit beidem um? Wie unterscheiden sich hier hetero- und homosexuelle Zusammenhänge? Und vor allem: Woher stammen die Exponate, die nicht nur den Herrschaftsdiskurs, sondern vor allem die Gegenerzählung dokumentieren? Im Vorfeld der Ausstellung hattest du über Facebook mal „Objekte zu schwulem Cruising in Parks in Wien“ gesucht – war diese Suche erfolgreich?

AB: Wir stellen Objekten der Macht solche der sexuellen Subversion gegenüber, wobei wir nicht zwischen hetero oder homo unterscheiden. Im Kapitel über die sexuelle Topografie der Stadt stehen etwa heterosexuelle neben homosexuellen definierten Orten, auch in anderen Kapiteln stehen die Objekte einfach nebeneinander. Nur ein Kapitel widmet sich im Bereich „Welcher Sex ist verboten?“ ausschließlich der Verfolgung von Homosexualität. In anderen werden heteronormative Körperbilder durch queere aufgebrochen.
Die Recherche der Objekte war sehr aufwändig, weil Sexualität in so viele Lebensbereiche hineinspielt. Für keine Ausstellung hatte das Wienmuseum so viele Leihgeber_innen wie für diese. Objekte des Herrschaftsdiskurses stammen dabei vornehmlich aus klassischen Archiven, wie dem Wiener Stadt- und Landesarchiv, dem Polizeiarchiv und aus Bibliotheken wie der Nationalbibliothek. Die Wienbibliothek im Rathaus hat eine sehr vielfältige und wichtige Erotika-Sammlung, die bislang aber eher versteckt wurde. Ihre kulturhistorische Bedeutung wurde auch erst in den letzten Jahren erkannt und dementsprechend werden wir auch eine Reihe von Objekten von dort haben. Dazu kommen viele private Leihgeber_innen und natürlich auch unser Archiv bei QWIEN.
Dazu kommt die Vielfalt der Materialien: Gedrucktes, Bücher, Akten, Fotos, Objekte, Kunst, Privates und Offizielles, wertvolle Objekte und Alltagskram, Sexspielzeug und Verhütungsmittel, natürlich auch pornografisches Material (wobei das in der Fülle der Objekte fast untergeht und wir bei der Auswahl auch sehr restriktiv waren), und nicht zu vergessen: Audio und Film!
Mit meiner Facebook-Suche hatte ich nicht wirklich Erfolg. Die subversive Aneignung öffentlicher Orte ist sehr spärlich dokumentiert, und wenn überhaupt nur durch Objekte der Verfolgung und nicht aus der Perspektive der – von uns ja grundsätzlich positiv gemeinten – Subversion. Aber es ist uns vor allem auch mit Kunstwerken gelungen manche dieser Orte zu erzählen, weil wir mit diesen Objekten auch Fantasieräume öffnen konnten.

(Andreas Brunner ist Co-Kurator der Ausstellung und Leiter von QWIEN – Zentrum für schwul/lesbische Kultur und Geschichte in Wien.)

Schild Sex = Arbeit, um 2010 © Verein LEFÖ

Schild Sex = Arbeit, um 2010 © Verein LEFÖ

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