Anlässlich des Todes von Prof. Rudolf Sarközi (1944-2016) ein Interview, das die Initiative Minderheiten im Rahmen von „Romane Thana“ mit ihm geführt hat

Die Initiative Minderheiten trauert um Rudi Sarközi, Vorsitzender des Volksgruppenbeirats der Roma und Sinti und Roma-Aktivist der ersten Stunde, der am 12. März 2016 verstorben ist.

Hier ein Auszug des Interviews, das Cornelia Kogoj mit ihm im Rahmen der Ausstellung „Romane Thana – Orte der Roma und Sinti“ (Wien Museum 2015) mit ihm geführt hat:

„Nach dem Attentat in Oberwart hab ich nur gesagt‚ aber das gibt’s doch nicht, wir haben ja keine Feinde, wir haben uns doch mit niemanden angelegt?“

Rudi, Du warst eine der wichtigen und treibenden Kräfte für die Anerkennung der Roma als Volksgruppe. Warum?

Naja, der Beginn war ja eigentlich, dass junge Roma aus Oberwart Probleme gehabt haben, in Lokale reingelassen zu werden. Die wollten sich das nicht mehr gefallen lassen und haben sich beim Bundespräsidenten beschwert. Das war 1987. Dann sind die ersten öffentlichen Diskussionen entstanden. (…) Dann gab es zeitgleich im Burgenland die Diskussionen um die Gründung eines Vereines. Ich war – ehrlich gesagt – am Anfang eher dagegen. Denn ein Verein braucht Mitglieder und ein Verein braucht zahlende Mitglieder. Man braucht Geld. (…) Ich habe damals schon über 20 Jahre in Wien gelebt und mir gedacht, da kommen jetzt junge Leute, die wissen was sie wollen. Sie haben überhaupt keine Erfahrung, aber eine große Wut im Bauch. Ja, und dann hat man gesagt, man braucht einen Verein, der die Sache der Roma auch juristisch vertreten kann. Ja, und dann wurde 1989 der erste Romaverein in Oberwart gegründet und man wollte mich zum Obmann machen. Aber die Entfernung Wien-Oberwart war für mich zu weit. Und dann ist der liebe Ludwig Papai zum ersten Obmann gewählt worden. Wichtig war auch die junge Susi Baranyai. Sie hat gekämpft wie eine Löwin. Mit ihren 24 Jahren damals ist sie voll Kraft und Überzeugung an die Sache herangegangen. Ja, und die Vereinsgründung in Oberwart ist über die Bühne gegangen und dann hab ich mir gedacht, jetzt gründe ich einen Verein hier in Wien.

Um auch in Wien Lobby für Roma-Angelegenheiten machen zu können?

Ja, dann hab ich in Wien den Kulturverein österreichischer Roma gegründet und gleichzeitig ist das Romano Centro entstanden. Also unmittelbar hintereinander. (…) Ja, und dann habe ich mit der Arbeit an der Anerkennung (als österreichische Volksgruppe, Anm.) begonnen. So habe ich über meine Partei, die SPÖ, einen Antrag gestellt, der ist dann von der Bezirksebene bis rauf zur Bundesebene gegangen. Und in Linz wurde dann beim SPÖ-Bundesparteitag beschlossen, Roma und Sinti als österreichische Volksgruppe anzuerkennen. Damit hat dann das juristische Verfahren begonnen.

Wie ist es dann weiter gegangen? Terezija Stoisits von den Grünen hat ja mehrere Anfragen im Parlament dazu gestellt?

Ja, es hat mehrere Anfragen von den Grünen gegeben, warum die Roma nicht als Volksgruppe anerkannt sind. Es ist aber kein Verfahren gelaufen. Es ist zu keinem Entschließungsantrag gekommen und wurde halt abgeschmettert. Und so ist es dann auch geblieben. Wir haben dann mit dem Volksgruppenzentrum eine Petition erstellt.

Wann war das?

Das war 1991. Dann haben wir ein Schreiben von der Parlamentsdirektion gekriegt. In dem stand, dass man für eine Petition 500 Unterschriften brauchte, oder die Stimmen von zwei Nationalratsabgeordneten. Ich hab mich für die zwei Abgeordneten entschieden, denn wo kriegt man 500 Unterschriften her? Und Gott sei dank hab ich die dann auch gefunden. Ernst Piller von der SPÖ und Paul Kiss von der ÖVP haben dann diese Petition ins Parlament eingebracht. Nachdem die Anerkennung durch war, hat es noch 18 Monate gedauert, bis wir einen eigenen Volksgruppenbeirat hatten. Die erste Sitzung war am 5. September 1995.

Und dazwischen war dann das Attentat in Oberwart, am 4. Februar 1995.

Ja, das war ein Schlag. Das hat uns dann alle aus den Socken gehoben. Ich hab nur gesagt, „aber das gibt’s doch nicht, wir haben ja keine Feinde, wir haben uns doch mit niemanden angelegt?“ (…). Darüber könnten wir jetzt noch lange reden. Aber was für mich noch wichtig ist, dass man uns „Roma“ nennt, und nicht „Zigeuner“. Das Wort sollte man heute nicht mehr verwenden. Denn „Roma“, das ist unsere Eigenbezeichnung. Mich hat es schon in der Schule gestört, dass ich dort nicht der Rudi Sarközi war. Wir waren drei Sarközis an der Schule. Und es hat immer geheißen:  der „Zigeuner-Rudi“, der „Zigeuner-Toni“, der „Zigeuner-Alex“. Ja, verdammt noch einmal, wir haben doch alle einen Familiennamen! Nur einen einzigen hat es gegeben im Ort, der hat immer „Sarközi“ gesagt. Einen einzigen!

 

Auszug aus: Romane Thana – Orte der Roma und Sinti. Hg. von Andrea Härle, Cornelia Kogoj, Werner Michael Schwarz, Michael Weese, Susanne Winkler. Czernin Verlag, 2015. Transkription: Ljiljana Marinković und Jelena Jovanović

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