Visualisierung bewegter Biografien

Biografieprotokoll 2012, Bewegte Biografien, Orte & Verbindungen

Im Folgenden wird eine Übung vorgestellt, welche bereits im Unikontext und Schulunterricht sowie mit Personal eines global tätigen Wirtschaftsunternehmens erprobt wurde. Dabei geht es um die Anfertigung eines Biografieprotokolls und zwar in Form einer Zeichnung. Die Übung findet in mehreren Schritten statt und verfolgt das Ziel, sich ein Bild davon zu machen, inwieweit unsere »Soziosphären« (Albrow 1997: 311) von Migration beeinflusst und durch Bewegungen gestaltet sind. In der Studie »Nach der Parallelgesellschaft« (Hill 2016) lege ich dar, dass Wanderungsbewegungen soziale Lebensverhältnisse gestalten, urbane Räume und marginalisierungskritische Kompetenzen bilden. Aber wie lässt sich ein solcher Migrationsprozess konkretisieren und sichtbar machen?

Anhand eines Biografieprotokolls können genannte Vorgänge am eigenen Beispiel visualisiert und diskutiert werden. Besonders nützlich ist diese Übung zum gegenseitigen Kennenlernen in Workshops oder Seminaren, welche Themen wie Internationalität und Globalisierung aufgreifen. In diesem Fall visualisieren alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu Beginn der Veranstaltung ihre Biografie. Das Setting und die Herangehensweise sind variabel und richten sich nach der Intention des jeweiligen Kurses. Allerdings ergibt sich erfahrungsgemäß durch das Anlegen von Biografieprotokollen in Bildungsarrangements unterschiedlichster Formate generell ein reger Austausch über Perspektiven auf Migration, Vielfalt und Bildung.

Die nachfolgende Anleitung soll zum Experimentieren einladen:

Nehmen Sie für diesen Selbstversuch ein großes Blatt Papier zur Hand und visualisieren Sie Ihr eigenes Biografieprotokoll in drei Schritten.

• Schritt 1

Zeichnen Sie zunächst die Gebiete und Orte ein, die in Ihrem Leben eine wichtige Rolle gespielt haben bzw. aktuell von persönlicher Bedeutung sind. Diese geografische Mobilität lässt sich mit Punkten u.ä. auf einer imaginierten oder tatsächlich vorgezeichneten Weltkarte symbolisch erfassen (s. auch unten: A. Leitfragen zur geografischen Mobilität). Jetzt verbinden Sie diese Markierungen und beginnen Ihre bisherigen Eintragungen zu kommentieren. Tragen Sie beispielsweise Familienmitglieder ein oder zeichnen Sie Ihre Freundinnen und Freunde, Bekannte, beruflichen Kontakte und Urlaubsreisen auf. Wenn Sie Schritt 1 des Biografieprotokolls abgeschlossen haben, ist bereits ein Bild über Ihre geografische Mobilität entstanden.

• Schritt 2

Skizzieren Sie nun Ihre zukünftigen Pläne und halten Sie internationale Bezüge ihrer Biografie fest (s. auch unten: B. Leitfragen zur biografischen Mobilität). Dieser dritte Anfertigungsschritt bezieht sich auf Ihren Lebensentwurf und soll hervorheben, inwieweit ihr bisheriges Leben und Ihre weiteren Pläne mit dem Thema Migration verbunden sind. An eigenen Interessen und Vorhaben wird oftmals deutlich, dass Biografien in global-lokalen Zusammenhängen stehen.

• Schritt 3

In einem letzten Schritt sind Fragen zur städtischen Mobilität von besonderem Interesse (s. auch unten: C. Leitfragen zur städtischen Mobilität). Dabei steht das Thema Urbanität im Mittelpunkt. Bitte überlegen Sie, inwieweit Sie die migrationsbedingte Vielfalt ihres Wohnortes auf dem Papier dokumentieren können. Jetzt ist Ihr Biografieprotokoll fertig und Sie können sich eine passende Überschrift dazu überlegen (z.B.: »Meine Welt«, »Bienvenido«, »Lisa travels around the world«). Es würde mich sehr freuen, wenn Sie mir zur Weiterentwicklung der Idee des Biografieprotokolls eine Kopie Ihrer fertigen Zeichnung im PDF-Format zukommen lassen (Kontakt: Marc.Hill[At]uibk.ac.at).

A. Leitfragen zur geografischen Mobilität

Wo befinden Sie sich gerade? Von welchem Erdteil haben Sie heute eine E-Mail bekommen? Wo haben Sie schon gelebt? Welche Sprachen haben Sie wie, wann und wo gelernt? Wo leben Freundinnen, Freunde und Bekannte oder Vorbilder? Was waren Ihre bisherigen Reiseziele? Wo haben Sie bereits gearbeitet? Wo studieren/leben/arbeiten Ihre Kinder? Woher kommt Ihre (Ehe)partnerin/Ihr (Ehe)partner, Ihre Nachbarin/Ihr Nachbar, Ihre Arbeitskollegin/Ihr Arbeitskollege? Wo lebten Ihre Vorfahren? Was verstehen Sie unter offenen Grenzen?

B. Leitfragen zur biografischen Mobilität

Fühlen Sie sich mehrheimisch? Was sind Ihre Interessen und zukünftigen Pläne? Mit welchen Orten auf der Welt fühlen Sie sich verbunden? Lesen Sie internationale Publikationen? Essen Sie gerne internationale Gerichte? Woran denken Sie, wenn von Paris die Rede ist? Was fällt Ihnen zu anderen großen Städten ein? Wo möchten Sie einmal leben? Welche Reiseziele sind noch offen? Schauen Sie internationale Filme? Besuchen Sie Veranstaltungen im Ausland? Haben Sie schon einmal an einem internationalen Austauschprogramm teilgenommen? Wie lange ist der letzte Umzug her? Treiben Sie Sport und nehmen an Meisterschaften teil? Träumen Sie von fernen Ländern? Wie stellten Sie sich den Orient vor? Verfolgen Sie Wahlen im Ausland? Von welchen Weltereignissen fühlen Sie sich betroffen? Welche Schlüsseltechnologien fallen Ihnen ein? Was verstehen Sie unter transnationaler Mobilität?

C. Leitfragen zur städtischen Mobilität

Wie hat sich in den letzten zehn Jahren Ihre unmittelbare Lebensumgebung durch Migration verändert? Woran lässt sich die Weltoffenheit Ihrer Stadt erkennen? Welchen Einfluss hat die Globalisierung auf Ihren Wohnort? Was verstehen Sie unter global-lokaler Vielfalt?

Tipp

Für die Zeichnung sind einfache Symbole wie z.B. die Friedenstaube oder auch Kürzel wie NYC hilfreich. Weiterhin lassen sich Gegenstände wie Koffer (Urlaub) und Bücher (Schule) oder berühmte Wahrzeichen (z.B. Eiffelturm) in die Zeichnung eintragen. Für die Kommentierung von bestimmten Plätzen können Benennungen wie beispielsweise »Stadt der Liebe« verwendet werden.

Literatur

Albrow, Martin (1997): Auf Reisen jenseits der Heimat. Soziale Landschaften in einer globalen Stadt. In: Beck, Ulrich (Hg.): Kinder der Freiheit (S. 288- 314). Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Anleitungstext zur „Visualisierung bewegter Biografien“ aus:

Hill, Marc 2016: Nach der Parallelgesellschaft. Neue Perspektiven auf Stadt und Migration. Bielefeld: transcript.

 

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