Vorweihnachtlicher Jahresrückblick in der U-Bahn oder: Werte stehen hoch im Kurs

Ich habe ein sehr einfaches Gemüt. Sieht man von meinen Angststörungen und den dadurch verursachten psychosomatischen Beschwerden ab, die ihrerseits mitunter sehr komplexe Stimmungsschwankungen nach sich ziehen können, bin ich ein offenes Kinderbuch in leichter Sprache.

Die Tatsache seelischer Bescheidenheit (O sancta simplicitas!) drückt sich in meinem Fall im jährlichen Rückblickkonsum aus. Immer wenn Kälte die Mitbürger_innen auf die Straße treibt, damit sie durch heftiges Punschtrinken einerseits die Kälte selbst (wobei es zu Hause eh schon warm gewesen wäre) bekämpfen, andererseits dem Hunger und der Ungerechtigkeit im globalen Maßstab Einhalt gebieten (für die gute Sache trinken), fange ich an, mich der Umwelt zu entfremden und einer simplen Tätigkeit nachzugehen. Diese rettet keine Hungernden, führt keinen Weltfrieden herbei, ist überhaupt nicht für eine gute Sache geeignet, sondern eigentlich ganz und gar nutzlos. Ich kann nichts dafür, der Punsch schmeckt mir nicht, der Glühwein macht mich kotzen, und die Kälte ist der natürliche Feind des Südländers.

Also fange ich an, ab Anfang Dezember die Jahresrückblicke in Zeitungen, im Fernsehen und vor allem Internet mit peinlicher Neugier zu studieren. Keine fashionable Bücher über postkoloniale Raumeinnahme, keine komplizierten Artikel zu Leiblichkeitskonzepten in phänomenologischen Fachzeitschriften, nicht einmal philosophisch parfümierte Lebensführungsratgeberliteratur! Nur asketische Aneinanderreihung von Daten, Fakten, Zahlen und Ereignissen, das ist meine Welt und sonst gar nichts.

„Da schau, das hat’s auch gegeben! Ich dachte, das war vor zwei Jahren“ oder „Da schau, das habe ich ja gar nicht mitgekriegt, echt jetzt?“. So lauten meine Ausrufe im Dezember.

Während meine Mitmenschen mit gesteigertem olfaktorischem Selbstwertgefühl und halbleeren Pfandhäferln bewaffnet die öffentlichen Verkehrsmittel in Beschlag nehmen, setze ich Jahr für Jahr meine Lesebrille auf und versuche dem Zerquetschtwerden durch Alkoholträger_innen in der U-Bahn geistig zu entkommen – indem ich mich der Jahresrückblick-Lektüre am Smartphone widme. Mehr Risikogesellschaft geht nicht!

Heute war es wieder so weit. Vor circa einer Stunde habe ich in der U1 den ersten Jahresrückblick zu (einfältigem) Gemüte geführt. Und: Selten war ich so erstaunt, bin ganz baff, bumsti! Was 2017 nicht alles passiert ist, allein schon in Österreich, oida! Ich gebe am besten einiges Datenmaterial ohne Kommentar wieder. Erinnern wir uns gemeinsam:

10. Jänner: Die Wochenzeitung Falter veröffentlicht einen Bericht zur Dr. Erwin Pröll Privatstiftung.

13. Jänner: Der ehemalige FPÖ- und BZÖ-Politiker Peter Westenthaler wird am Wiener Straflandesgericht wegen schweren Betrugs und Untreue als Beteiligter zu zweieinhalb Jahren teilbedingter Haft verurteilt.

11. Februar: Ein 36-Jähriger tötet in Deutsch-Wagram seinen 55-jährigen Vater und seine 52-jährige Stiefmutter mit einem Küchenmesser. Er sticht auch mehrmals auf seine 38-jährige Frau ein und droht beim Eintreffen der Polizei, auch seinem elfjährigen Sohn Gewalt anzutun.

27. Februar: Der Ausseer Fasching wird zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO erklärt.

26. April: Der Nationalrat beschließt Änderungen im Versammlungsrecht. Eine der neuen Demonstrationsregeln ist eine 48-stündige Frist für die Anmeldung und ein Mindestabstand zwischen gegnerischen Kundgebungen.

3. Juli: Österreich droht, die Grenze zum Brenner wegen „Flüchtlingsstroms“ zu schließen. Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil teilt mit, man werde Pandur-Radpanzer zum Absperren von Straßen ins Grenzgebiet verlegen.

1. Oktober: In Österreich tritt das Anti-Gesichtsverhüllungsgesetz (Bundesgesetz, mit dem ein Integrationsgesetz und ein Anti-Gesichtsverhüllungsgesetz erlassen sowie das Niederlassungs- und Aufenthaltsgesetz, das Asylgesetz 2005, das Fremdenpolizeigesetz 2005, das Staatsbürgerschaftsgesetz 1985 und die Straßenverkehrsordnung 1960 geändert werden) in Kraft, auch „Burkaverbot“ genannt. Wer in der Öffentlichkeit seine Gesichtszüge durch Kleidung oder andere Gegenstände in einer Weise verhüllt oder verbirgt, dass sie nicht mehr erkennbar sind, muss mit Geldstrafen rechnen. Das gilt auch im öffentlichen Verkehr und in öffentlichen Gebäuden. Das Verhüllungsverbot gilt aber nicht für das Tragen von Masken bei Faschingsfeierlichkeiten oder Perchtenläufen.

1. Oktober: Mit Inkrafttreten desselben Gesetzes müssen Asylberechtigte und subsidiär Schutzberechtigte sogenannte Werte- und Orientierungskurse absolvieren.

Ach ja, die Wertekurse! Beim Lesen dieses Wortes musste ich aus der U-Bahn aussteigen, um nicht Opfer eines Geruchsangriffs dreier jugendlicher Glühweinleichen zu werden. Ich setzte mich auf die Bank, die sich mir auch nicht ohne eine süßliche Duftnote öffnete, und googelte das Ding. Der Herr der Werte, Außeninnenintegrationskanzler Kurz, hat bereits 2013 die Veröffentlichung einer Fibel mit dem Titel „Zusammenleben in Österreich“ veranlasst, in der „1 Grundlage, 6 Prinzipien, 18 Werte“ (was ist das für 1 life?) präsentiert werden. Im Geleitwort betont Kurz:

„Ein harmonisches Miteinander aller liegt in der Verantwortung jedes Einzelnen. Denn trotz vieler Unterschiede bauen wir auf einem gemeinsamen Fundament: unseren Werten – der Grundlage für das Zusammenleben in Österreich.“

Ich wurde verdammt neugierig; was waren diese nützlichen Werte? 18 an der Zahl obendrein, Zahlenmystik, dreimal sechs. Die Chinesen haben ihre acht Schätze, wir haben gleich 18 davon. Ich las: Selbstbestimmung, Verantwortlichkeit, Selbstdisziplin, Gerechtigkeit, Anerkennung, Respekt, Teilnahme, (Kultur-)Bildung, Offenheit, Gemeinwohl, Einsatzbereitschaft, Freiwilligkeit, Vielfalt, Eigenverantwortung (hamma des ned scho ghabt?), Leistung, Sicherheit, Konfliktkultur, Zivilcourage.

Natürlich, ich hätte es gleich wissen müssen! Typisch österreichische Eigenschaften sind das, die Kurz da aufzählt. Es war auch an der Zeit, diese Wertedings endlich ministeriell festzuhalten und den Neuankömmlingen ins Stammbuch zu schreiben. Aber hallo, Konfliktkultur, Zivilcourage, Vielfalt, Offenheit und Anerkennung – das sind andere Namen für uns Alpenrepublikaner_innen!

Apropos Alpen. Den bisher letzten Eintrag im Internet-Jahresrückblick habe ich vorhin vergessen zu erwähnen:

12. November: Ein Perchtenlauf in Völkermarkt läuft aus dem Ruder. Einige der Maskierten attackieren Zuschauer_innen, sechs Personen werden verletzt. Die Polizei braucht eine Stunde, um die Perchten unter Kontrolle zu bringen.

Frohes Fest im Land der wertgeschätzten 18 Werte!

1 Antwort

  1. Helga sagt:

    Na dann, oh du fröhliche Wertezzeit!
    Liebste Grüße Helga

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