Wie viel Leben passt in einen kleinen Koffer?

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Diesen Koffer habe ich seit ich mich erinnern kann und vor einigen Tagen habe ich ihn wieder entdeckt – seither begleitet er bzw. seine Geschichte meine Gedanken.

Ursprünglich gehörte er meiner Mutter, die ihn 1942 wiederum von ihrer Mutter bekommen hat, als sie drei Jahre alt war. Nicht als Geschenk, sondern mit der Aufforderung schnell ihre Sachen hier hinein zu packen, da die Soldaten schon warteten. Die Familie meiner Mutter hatte eine halbe Stunde Zeit, um ihr Leben in Koffer zu packen und zu gehen, ähnlich den Erlebnissen der Familie Ressmann, die kürzlich im ORF „Universum History – Unser Österreich“ gezeigt wurde.

Der Koffer hat meine Mutter drei lange Jahre begleitet: Auf dem LKW der Soldaten, die sie, ihre Schwester und Eltern in ein Lager nahe Klagenfurt brachten. Er war in ihrer Hand als sie eingepfercht in einem Viehtransport weit weg nach Deutschland verschleppt wurde. Im Arbeitslager Hesselberg war der Koffer auch da, als sie nicht auf der Wiese sitzen durfte, da der Lagerführer meinte, dass sie das Gras kaputt mache. Er war wohl auch an ihrem Bett in den Baracken, wo viele Menschen in Stockbetten auf ihren Lagern schliefen. Vielleicht hat sie auch die Lagermarke mit ihrer Erkennungsnummer darin verstaut. Der Koffer hat sie aber auch wieder nach Hause begleitet, im Jahr 1945, wo sie und ihre Familie endlich wieder ihr altes Leben neu beginnen konnten.

Er ist noch immer da und erinnert mich gerade in dieser heutigen Zeit, dass es immer ein von Grund auf traumatisches Erlebnis ist, vertrieben zu werden.

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