Wusstest ihr, dass ich aus England komme?

London, © Wilfried Permesser

Ich habe letzte Woche erfahren, dass ich aus England komme. Und zwar so: Als ich auf den Bus warte, hat mich ein unbekannter Mann angesprochen. Unser Gespräch begann mit folgendem Dialog:

Mann: Hallo. Entschuldigung. Woher kommen Sie?
Ich: Aus Wien.
Mann: Ich dachte, Sie wären aus England. Wissen Sie warum? Wegen Ihrer Haut.
Ich: Weil sie so hell ist?
Mann: Ja, sie ist so weiß.

Unsere nachfolgende Unterhaltung während der Wartezeit und der Busfahrt drehte sich um Beruf und Gott. Als ich aus dem Bus ausgestieg, war mir immer noch nicht klar, was wohl seine Intention gewesen war, diese Herkunftsfeststellung aufgrund meiner Hautfarbe zu treffen. Da seine Hautfarbe nicht so weiß wie meine ist, könnte es durchaus sein, dass er solche Dialoge aus einer anderen Perspektive heraus regelmäßig führt.

Mir fallen drei Gründe für diesen Gesprächsbeginn ein:

  1. Er ist so gut „integriert“, dass er einen Fremdzuschreibung-aufgrund-der-Hautfarbe-Habitus übernommen hat.
  2. Er wollte eigentlich, dass ich die Gegenfrage „Und wo sind Sie her?“ stelle. Das hab ich aber aus Prinzip nicht gemacht.
  3. Er wollte den Rassismus, der ihm durch derlei Gespräche regelmäßig entgegenschwappt, aufzeigen und konterkarieren. Dieser Grund gefällt mir am besten und bietet vor allem Raum weiterzudenken, was so eine kleine politische Intervention auslösen könnte.

Mich hat der Dialog anfänglich vor allem irritiert. Wie kann sich eine völlig fremde Person erlauben, mich aufgrund meiner Hautfarbe einer Nation zuzuordnen? Als weiße Mehrheitsösterreicherin war mir das in Österreich bisher noch nie passiert. Personen aus Minderheiten passiert das wahrscheinlich ständig.

Als ich den oben genannten Grund 3 als meinen Lieblingsgrund identifiziert hatte, wechselte meine Irritation schlagartig in Begeisterung. Ein kleiner Dialog hat mich zum Nachdenken über eine Situation gebracht, mit der ich mich bisher nur theoretisch und mit wissenschaftlicher Literatur auseinandergesetzt hatte. Dieser irritierende Gesprächsbeginn hat das Thema unmittelbar in meinen Alltag gebracht. Ich frage mich also: Gibt’s weitere Dialoge, die durch ihre umgekehrte Wiederholung, einen theoretischen Minderheiten-Diskurs in den Alltag der Mehrheitsösterreicher_innen holen können? Und welches Potential, die Welt damit positiv zu verändern, steckt darin?

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