Das minoritäre Modell 1

Zu Anfangszeiten dieser Zeitschrift stand in einem redaktionellen Veranstaltungsbericht folgender Satz, über den wir Mitarbeiter*innen der Initiative Minderheiten selbst laut lachen mussten und der für uns bald zum geflügelten Sinnspruch wurde: „Und im Publikum waren die Minderheiten zahlreich vertreten.“

Es war lustig, obwohl oder gerade, weil der zitierte Satz, im landläufigen Sinn ein Oxymoron, für uns keineswegs widersprüchlich klang. Denn „Minderheit“ war aus unserer Sicht vorerst keine numerische Kategorie; nicht die Anzahl der Angehörigen der betreffenden Bevölkerungsgruppe war für ihren minoritären Status ausschlaggebend, sondern die Machtverhältnisse, die sie benachteiligten. Viele Diskussionsstunden und Druckerschwärze haben wir aufwenden müssen, um diese umfassendere Definition von „Minderheit“ in die politische Praxis zu integrieren – was uns nicht mehrheitlich (wieder so ein Kalauer!) gelungen ist.

Irgendwann dann kamen die 2010er Jahre. Der Gegensatz „Schwarz versus weiß“ [sic!] etablierte sich rasch als Kraftlinie, sodass seither keine weiteren dichotomen Begriffspaare mehr gebraucht werden. Darum stellt sich auch die Frage: Hat das Konzept „Minderheit“ (somit auch „Mehrheit“) heute noch eine politische Bedeutung? Hat es nicht schon längst ausgedient wie andere Dino-Ausdrücke à la „Arbeiterklasse“, „Frauenbewegung“ und „Ideologiekritik“?

Ich stelle mir diese Frage nicht selten. Jedenfalls vor der Planung jeder „Stimmlage“. Warum noch über Minderheiten schreiben? Geschweige denn, aus minoritärer Perspektive eine Zeitschrift gestalten, ja, nach knapp 35 Jahren versuchen, eine Organisation wie die Initiative Minderheiten trotz aller materiellen und politischen Schwierigkeiten, die uns übrigens derzeit besonders heftig zusetzen, am Leben zu erhalten? Es mag dickköpfig anmuten, aber meine Antwort lautet jedes Mal – zwar nach einer langen Erwägung – Ja. Das hat zwei Gründe. Der erste ist eine politiktheoretische Überlegung. Der andere wiederum betrifft die politische Agenda. Ich fange mit dem ersten an.

Das Modell eines Kräfteverhältnisses zwischen zwei Gruppen, das die Gesellschaft durchkreuzt und darin eine zentrifugale Dynamik auslöst, existiert wahrscheinlich schon lange, wenn auch in verschiedenen Gestalten. Waren es im 18. Jahrhundert zwei einander fremde „Rassen“, deren unerbittlicher Widerstreit eine Feldlinie bildete, so wurde im 19. Jahrhundert der Kampf zwischen zwei antagonistischen Klassen zum Modell eines unsichtbaren „Motors“ – nicht nur der Gesellschaft, sondern nach Marx auch der Geschichte.

Eine Zeitlang übernahmen die neuen sozialen Bewegungen dieses Modell einer „zweigeteilten Gesellschaft“, wie es der Philosoph Jean-François Lyotard in seinem begriffsprägenden Bericht Das postmoderne Wissen Anfang der 1980er Jahre formulierte. So organisierte sich etwa die zweite feministische Bewegung entlang der dichotomen Linie „männlich-weiblich“. Bald jedoch rückten die Differenzen innerhalb der beiden Pole ins Blickfeld, und im Rahmen der „intersektionalen Analyse der Diskriminierungen“ wurde der Mann-Frau-Dualismus bald aufgelöst, besser: durch weitere Differenzachsen verschoben.

Lyotard sprach in seinem Buch von einem zweiten Modell, die Gesellschaft zu erfassen. Dieses erblicke in der Gesellschaft ein „funktionales Ganzes“, das sich selbst reguliert – angesprochen wird hier die Systemtheorie. Wenn wir uns heute eine weitere Bewegung ansehen, nämlich jene, die auf das Klima fokussiert, so wird deutlich, dass sie eher diesem zweiten Modell entspricht, oder einer Super-Form davon. Obwohl die Interessenkämpfe die Gesellschaft auch demnach in Gruppen aufspalten, in Gewinner und Verlierer, so nur kurzfristig. Die nahende Klimakatastrophe wird total sein, so dieser apokalyptisch anmutende Diskurs, und wird ohnehin die Gesamtgesellschaft, ja, viel schlimmer noch: die gesamte Menschheit und die Erde zerstören.

Zwischen diesen beiden „großen Erzählungen“, der zweigeteilten Gesellschaft und der Gesellschaft als organisch-funktionalem Ganzen, liegt ein Modell, das ich als minoritär bezeichnen will. Eine solche Perspektive auf die Gesellschaft erblickt darin weder eine organische Einheit noch einen unversöhnlichen Gegensatz zweier Kontrahenten. Es sind vielmehr Verhältnisse von Macht, die einerseits stets ihre Position wechseln, andererseits ihre Proponenten.

Denn niemand ist in jeder Hinsicht Angehörige*r einer Minderheit und kann in einem anderen Verhältnis durchweg in eine Mehrheitsposition geraten oder umgekehrt. Ein „Weißer“, der gegenüber Schwarzen privilegiert ist, hat etwa als schwuler Mann einen minoritären Status. Eine Migrantin wiederum kann als körperlich „unversehrte“ Person gegenüber einer „weißen“ Rollstuhlfahrerin auch Privilegien genießen.

Dieser minoritäre Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse ist kein Modell der Totalität, sondern ein dynamisches und komplementäres Konzept, eine Ergänzung zu den totalisierenden Beschreibungen. Lyotard nannte es „Patchwork der Minderheiten“.

Ich werde diese Gedanken in der nächsten Kolumne fortsetzen.


Die Kolumne “Stimmlage” erscheint in der STIMME 137/2025

Chefredaktion: Gamze Ongan

Illustration: Fatih Aydoğdu

Hakan Gürses ist in der politischen Erwachsenenbildung tätig. Von 1993 bis 2008 war er Chefredakteur der Zeitschrift Stimme von und für Minderheiten, von 1997 bis 2011 Lektor und Gastprofessor für Philosophie an der Universität Wien. Seine Kolumne “Stimmlage” erscheint regelmäßig in der STIMME.