Das minoritäre Modell 2

Warum noch den verstaubten Begriff „Minderheiten“ benutzen, der seinen Höhepunkt bereits im Völkerrecht nach dem Ersten Weltkrieg hatte? Warum obendrein die Gesellschaft aus einer minoritären Perspektive betrachten wollen, wo doch „Schwarz-weiß“ das gegenwärtige Erklärungsmuster für die sozialen Verhältnisse abgeben soll?

In der letzten Stimmlage bekannte ich mich dennoch zu diesem unzeitgemäßen Konzept und nannte dafür zwei Gründe. Den politiktheoretischen versuchte ich dort zu schildern. Hier möchte ich jenen Grund erörtern, der die politische Agenda betrifft.

Ich erwähnte (in Anlehnung an Jean-François Lyotard) zwei strukturelle Modelle, welche die Gesellschaft als ein zweigeteiltes Gebilde (etwa Marxismus) respektive als ein funktionales Ganzes (etwa Systemtheorie) analysieren. Auf der konjunkturellen Ebene zeigt sich ein weiterer Gegensatz: zwischen Global und Lokal. Hier lautet die Frage: Was verursacht die aktuelle politische Lage?

Angeführt werden globale Entwicklungen, die von Klimawandel über Finanzkrise bis hin zu Migration reichen. Sozialwissenschaftliche Zeitdiagnosen werden gestellt: Wir leben in einer Informations-, Risiko-, Abstiegs-, Singularitäten- oder Angstgesellschaft, sie ist vulnerabel, beschleunigt oder postnational. Politische Analysen wiederum nehmen die Postdemokratie, den steigenden Autoritarismus, die Oligarchie der Tech-Milliardäre, den Siegeszug des (Rechts-)Populismus ins Visier.

Neben dieser Liste globaler Trends gibt es Deutungsversuche, die eher dem Lokalkolorit entspringen: Trump hat die US-Demokratie zerstört; die EU ist viel zu schwach; in Österreich wurde die NS-Geschichte nicht ausreichend aufgearbeitet usw.

Das minoritäre Modell ermöglicht, so meine These, auf struktureller wie konjunktureller Ebene einen anderen Blick auf die Gesellschaft – trotz eines akuten Problems der „Übertragung ohne Übersetzung“.

Mit Critical Race Theory, Critical Whiteness Studies und Postcolonial Studies entstand vor allem in den USA erneut ein „Hauptwiderspruch“, wie einst „Klasse“ in der marxistisch geprägten Linken, diesmal entlang der Kategorie race. Bald wurde dieser als „Schwarz-weiß“-Dichotomie von der „Neulinken“ weltweit übernommen, ohne dass allerdings sein spezieller sprachlich-gesellschaftlicher Kontext ausreichend beachtet wurde. Die einzelnen Elemente, Themen, Kontrahenten und Begriffe wurden also übertragen, ohne übersetzt zu werden.

Ein gutes Indiz für die Besonderheit der meisten US-amerikanischen sozialen Kämpfe und deren theoretischer Niederschläge besteht darin, dass die wichtigsten Kategorien dieser Theoreme nicht gut in andere Sprachen übersetzt werden können: race, class, queer, whiteness, wokeness etc. werden etwa im deutschsprachigen Kontext fast ausschließlich im Original verwendet – ganz zu schweigen vom dazugehörigen Jargon. Das bedeutet nicht, dass sie nicht übersetzbar sind, aber bei jeder Übersetzung verlieren sie ihren spezifischen Kontext, sie werden dann oft unverständlich. Die Folge ist der zusammenhanglose und willkürliche Gebrauch.

Das gilt auch für die Akronym-Politsprache. Die inklusive, intersektionale, queerfeministische Strömung hat Initialwörter wie LGBTIQ*, FLINTA* oder TERF hervorgebracht, die sogar als Akronyme auf Englisch gehalten sind. Das Fehlen dieser Schlüsselwörter (etwa im Deutschen) ist ein Verweis auf die fehlende Lebenswelt, den abwesenden (politischen) Erfahrungsraum der Termini in dieser Sprache.

Zwei seltsame Phänomene als Beispiel. Erstens: Nicht wenige Autor*innen oder Aktivist*innen benutzen auch in Österreich in Bezug auf die hiesigen diskriminierten Gruppen das Kürzel BIPoC. B steht für „Black“, PoC für „People of Colour“ – das I wiederum bezeichnet „Indigenous“, indigene Personen. Wer bitte ist denn indigen in der Alpenrepublik? Tiroler Schützen, steirische Bauern, oder haben einige Kelt*innen unbemerkt im südlichen Burgenland überlebt?

Zweitens: Der zentrale Text „neulinker“ Theorie zum Thema „Intersektionalität“, Demarginalizing the Intersection of Race and Sex (1989) von Kimberlé Cranshaw, wurde seit seiner Veröffentlichung nicht ins Deutsche übersetzt. Wenn man nicht oder nicht gut Englisch kann, muss man sich aus zweiter Hand über diesen wichtigen Analyseraster informieren.

Jenseits von importiertem, invasivem Politvokabular und globalen/lokalen Gegenwartsdiagnosen liegt das minoritäre Modell. Es ist zwar universell, weil es ein Verhältnis (Mehrheit-Minderheit) verallgemeinert – aber dieses Verhältnis gestaltet sich in jeder Region, jedem Land, ja, manchmal jedem Teil eines Landes unterschiedlich. So gibt es etwa im amerikanischen Kontinent tatsächlich Indigene, in Indien Hijra, in Österreich Kärntner Slowen*innen und in Deutschland (ebenso in Österreich) die sogenannten Gastarbeiter, deren Geschichte in Vergessenheit geraten ist, bevor sie jemals Anerkennung fand.

Die minoritäre Perspektive einzunehmen bedeutet, eine verschüttete Ebene des Politischen sichtbar zu machen. Sowie eine Geschichte, die vergessene politische Kämpfe wie Treibgut mit sich führt und mit den gegenwärtigen verbinden kann.


Die Kolumne “Stimmlage” erscheint in der STIMME 138/2026

Chefredaktion: Gamze Ongan

Illustration: Fatih Aydoğdu

Hakan Gürses ist in der politischen Erwachsenenbildung tätig. Von 1993 bis 2008 war er Chefredakteur der Zeitschrift Stimme von und für Minderheiten, von 1997 bis 2011 Lektor und Gastprofessor für Philosophie an der Universität Wien. Seine Kolumne “Stimmlage” erscheint regelmäßig in der STIMME.