Im Schatten der Schieflage

Das Denkmal steht schief, die Verhältnisse stehen schief, wie so vieles in unserer Gesellschaft. Das Denkmal soll die Geschichte nicht länger aufrecht und ungebrochen erzählen, so haben sich das einige gedacht und entschieden. Die Schieflage des Lueger-Denkmals in Wien soll ein Zeichen dafür sein, dass der öffentliche Umgang mit Karl Lueger heute ein anderer ist, als vor einhundert Jahren. Und doch zeigt gerade der Umgang mit dieser Schieflage, wie wenig sich manche gesellschaftlichen Realitäten verändert haben.

Der jüdische Künstler Alon Ishay stellte im Rahmen eines künstlerischen Rundgangs des Angewandte Festivals 2026 sein Projekt Von 3.5 auf 135° – Wie man ein Lueger-Denkmal stürzte vor. Er versprühte mit wasserlöslicher Sprühkreide Fußspuren, die zum Denkmal hinführen, eine vergängliche Intervention, der ein unverhältnismäßiger Polizeieinsatz folgte.  Zwanzig Polizeibeamte rückten am ersten Tag des Rundgangs an, angerast in Polizeiwagen, mit laut quietschenden Reifen gebremst. Eine öffentlichkeitswirksame Inszenierung, frage ich mich? Gegen den Künstler, Alon Ishay und die Vize-Rektorin der Universität für angewandte Kunst, Gerhild Steinbuch, wurden Anzeigen wegen des Verdachts der Störung der öffentlichen Ordnung erstattet. Laut Zeugenaussagen, forderte die Polizei Ishay auf, das Denkmal sofort zu reinigen und kündigte an, ihm die Kosten des Einsatzes in Rechnung stellen zu wollen. Gleichzeitig wurde der Künstler von Passanten antisemitisch beschimpft und angegriffen, was zum Teil dokumentiert wurde.

Diese Ereignisse sollten zumindest einige Fragen aufwerfen, denen Handlungen folgten sollten. Welche Geschichte wird in Österreich erzählt, welche wird gehört und welche Stimmen sollen zum Schweigen gebracht werden.

Karl Lueger war nicht nur ein Wiener Bürgermeister. Er war einer der einflussreichsten politischen Antisemiten seiner Zeit. Sein Antisemitismus war politisches Programm, in dem Juden systematisch zu Sündenböcken für alle Probleme der Gesellschaft, wirtschaftliche und soziale, gemacht wurden. Sein Antisemitismus wirkte weit über seine Lebenszeit hinaus. Nicht zufällig bezeichnete Adolf Hitler Lueger später als einen Politiker, von dem er viel gelernt habe.

Dass ausgerechnet ein jüdischer Künstler, der sich kritisch mit diesem Erbe auseinandersetzt, zum Gegenstand eines massiven Polizeieinsatzes wird, verbreitet eine bittere Symbolik. Während das Denkmal eines Antisemiten weiterhin den öffentlichen Raum beansprucht, wird die temporäre (wasserlösliche Farben!) künstlerische Kritik daran kriminalisiert. Die historische Schieflage wird in den Schatten gestellt und durch eine aktuelle gesellschaftliche Schieflage ergänzt.

Die Geschichte lehrt, sollte sie uns überhaupt etwas lehren können, dass Antisemitismus selten mit spektakulären Gewalttaten beginnt. Er beginnt mit der Gewöhnung, mit einem banalisierenden Alltag, in dem relativiert und bagatellisiert wird. Es ist beängstigend, wie antisemitische Hetze wieder sagbar geworden ist. Und heute wird ausgerechnet die temporäre Kreidezeichnung als Angriff auf die öffentliche Ordnung behandelt. Mir stellt sich die Frage, welche öffentliche Ordnung verteidigt wird?

Die Schieflage des Lueger-Denkmals sollte ursprünglich dazu dienen, den Blick auf die Geschichte zu verändern. Die eigentliche Schieflage liegt jedoch nicht im Denkmal, sondern in einer Gesellschaft, die noch immer Schwierigkeiten hat, Antisemitismus konsequent zu benennen, historische Verantwortung auszuhalten und kritische Kunst als Ausdruck demokratischer Freiheit zu begreifen. Solange das so bleibt, fällt der Schatten der Geschichte nicht auf das Denkmal allein.

Link zum Projekt: angewandtefestival

Alle Fotos: Vlatka Frketić


Vlatka Frketić arbeitet zu den Themen Queer Migration, Kritische Diversity, Sprache und Macht, Mehrsprachigkeit und Rhetorik. Sie ist zudem im Vorstand der Initiative Minderheiten