Immer wieder Identität

Das 20. Jahrhundert wurde eingeläutet mit dem Begriff Klasse und endete mit dem Begriff Identität. Zwei schlichte Wörter standen ein „kurzes Jahrhundert“ hindurch im Zentrum von Aufständen, sozialen Bewegungen, politischen Debatten, medialen Inszenierungen und nicht zuletzt wissenschaftlichen Forschungen.

Lassen wir einmal die „Identitätspolitik“ beiseite, die zwar in dieser Zeitschrift oft kritisch besprochen wurde, es indes nicht verdient hat, mittlerweile nur als Schimpfwort Erwähnung zu finden. Während diese Politik und die (mitunter kritische) Literatur darüber fröhliche Urständ feiern, scheinen kollektive Identitäten selbst heute nicht mehr den beliebtesten Gegenstand der Sozialwissenschaften wie in den 1990er und den Nullerjahren zu bilden. Damals wollten die Studien das Wesen sozialer Identitäten verstehen, den Mechanismus der Zugehörigkeit erklären und ihren Anteil an politischen Entwicklungen aufzeigen.

Wenn in den letzten zwei Dekaden wissenschaftliche Texte zu diesem Thema erschienen sind, so in erster Linie als Dekonstruktionsversuch. Amartya Sens Bestseller aus dem Jahr 2006 (dt. 2007) trug den Titel Die Identitätsfalle, Amin Maalouf wiederum nannte sein Essay Mörderische Identitäten (1998 / dt. 2000), und das jüngere Buch Identitäten. Die Fiktionen der Zugehörigkeit (2018 / dt. 2019) von Kwame Anthony Appiah, ein philosophischer Beitrag zum Thema, ist eine Kritik an Identitätskonzepten und deren wissenschaftlicher Würdigung.

Aller Kritik zum Trotz bewegen ethnische oder religiöse Identitäten – und nicht nur bewusste Strategien der „emanzipatorischen“ Identitätspolitik – heute ungebrochen Individuen ebenso wie Gruppen. Sie bewegen Individuen zu Gruppen. Sogar die Klasse erlebt – zumal im wissenschaftlichen Kontext– eine Renaissance: Die Frage nach Klassenzugehörigkeit, inzwischen als marxistische Kategorie aus dem Haus linker Intellektueller verbannt, kommt als erweiterter Habitus-Begriff durch die Hintertür wieder hinein: als Klassen-Identität und als Diskriminierungskategorie Klassismus.

Wenn wir den Blick von westeuropäischen und nordamerikanischen Fachdebatten sowie von sozialen Bewegungen ab- und zur globalen Lage hinwenden: Im Namen der kollektiven Identitäten wird nicht nur soziale Gerechtigkeit angestrebt, sondern weiterhin munter diskriminiert, ausgegrenzt, verfolgt, gemordet. Zugehörigkeit hat uns also als Sehnsucht und Fluch nie wirklich verlassen.

Verschiedenheit ist ein Wesensprinzip aller (Lebe-)Wesen. Unsere auf unversöhnlichen Gegensätzen, auf Zweigliedrigkeit basierenden Sprachen sind jedoch nicht imstande, Differenz an sich auszudrücken. Sie wird als das Andere formuliert: das, was ich nicht bin, was wir nicht sind. Identitäten sind Wörter für Differenzen, die wir nicht in ihrer gesamten Reichweite wahrnehmen können (oder wollen) und auf nur ein Merkmal der Verschiedenheit reduzieren: auf Anderssein.

Identität ist Fremd- und Selbstzuschreibung in einem. Ich werde von anderen als jemand identifiziert, ich versuche aber zugleich, mit einem Selbst ident zu sein, das ich entworfen habe. 

Eine Analogie kann diesen subjektiven/individuellen und objektiven/kollektiven Aspekt besser verstehen helfen: Identität ist wie ein Name, den mir andere (etwa meine Eltern) gegeben haben, der ihre Wünsche, ihre Sehnsüchte, ihre Tradition in sich trägt, aber mich ein Leben lang begleiten wird, mit dem ich irgendwie umgehen, mich herumschlagen, „identifizieren“ muss. Natürlich kann ich den Namen auch ablegen, mir einen anderen Namen geben. Doch sind auch andere Namen nicht frei von Zuschreibungen: Gender, Sprache, Herkunft, Religion, ja sogar soziales Milieu sind in sie eingeschrieben. Das gilt ebenso für Identitäten.

Zudem bedeutet es nicht, dass die Änderung der Selbstzuschreibung eine direkte Auswirkung auf die Fremdzuschreibung haben muss. Wenn ich etwa auf die Frage, welcher Nationalität ich bin, wahrheitsgemäß mit „Österreich“ antworte (denn ich habe ja die und nur diese Staatsbürgerschaft), folgt fast immer die Nachfrage: „Ja, aber woher kommst du wirklich?“

Amin Maalouf drückt diese Sache poetischer aus: „Denn oft ist es unser Blick, der die anderen in ihrem engsten Identitätsmuster einsperrt – so wie es auch unser Blick ist, der sie daraus befreien kann.“[1]

Ob mörderisch oder politisch notwendig, ob bereichernd oder einschränkend – Zugehörigkeit in Gestalt von kollektiven Identitäten ist eine Form der Subjektwerdung, die unsere Gesellschaften beherrscht und so leicht nicht aus der Welt verschwinden wird.


[1] Amin Maalouf (2000): Mörderische Identitäten. Frankfurt/M., S. 24.


Die Kolumne “Stimmlage” erscheint in der STIMME 139/2026

Chefredaktion: Gamze Ongan

Illustration: Fatih Aydoğdu

Hakan Gürses ist in der politischen Erwachsenenbildung tätig. Von 1993 bis 2008 war er Chefredakteur der Zeitschrift Stimme von und für Minderheiten, von 1997 bis 2011 Lektor und Gastprofessor für Philosophie an der Universität Wien. Seine Kolumne “Stimmlage” erscheint regelmäßig in der STIMME.