Neulich am Siebenbrunnenplatz

Wenn die aus Belgrad stammende und in Wien lebende Autorin Barbi Marković ein neues Buch schreibt, dann ist da alles das drin, was in einen zeitgenössischen Roman gehört und von dem man gar nicht wusste, wie sehr man es vermisst hat, bis man „Superheldinnen“ gelesen hat: alle Städte, in denen sie und ihre Freundinnen je gelebt haben, alle Sprachen, mit denen sie aufgewachsen und die sie gesprochen haben; die ganze Sehnsucht, die Tiefenschärfe, das mehrdeutige Wissen, die Diskriminierungen, die Verluste und das Lachen, die migrantische Biografien mit sich bringen; der Preis des Alltags und die Kritik der Ökonomie; und schließlich Pop und Comic und eine großartige, schmutzige Magie.

Barbi Marković

Barbi Marković

„Superheldinnen“ konnte Barbi Marković daher streng genommen auch nicht alleine schreiben: alle Städte, die Schauplatz ihrer „Ode an den Pessimismus“ sind, haben ihren Text beigesteuert, und auch Mascha Dabic, die die serbischen Originalpassagen ins Deutsche übersetzt hat, damit die Autorin sie weiterbearbeiten konnte, hat ihre drei Sprachen beigetragen und ist auch nicht ganz zufällig namensverwandt mit einer der Hauptfiguren. Daher sind jetzt die beiden am Wort in einem Word-Rap über das, worum es in diesem Buch gehen könnte:

Superkräfte

BM: Ich lese Comics. Dort haben viele Leute Superkräfte. Das ist ganz normal. Das hilft, über machtlose Gestalten zu erzählen, ohne sie zu entwürdigen.
MD: eine Bürde. Wehe dem, der sie hat – er wird sie höchstwahrscheinlich ein Leben lang nicht los. 

Zum Inhalt: „Superheldinnen“ ist die Geschichte von Mascha, Direktorka und Marijas Enkelin mit dem dehnbaren Gewissen und der Rache im Blut, die sich jeden Samstag im heruntergekommenen Café Sette Fontane zu einer Arbeitssitzung treffen. Alle drei verfügen über dunkle, chaotische Kräfte und planen vergeblich ihren Aufstieg in den Mittelstand.

Mittelstand

BM: Träume aus der Werbung, Produkte und Urlaube. Leben aus den spießigen Sitcoms. Die meisten, die mit Fernsehen aufgewachsen sind, finden, dass sie ein Recht darauf hätten.
MD: laut Wikipedia „die Einheit von Eigentum, Leitung, Haftung und Risiko“; ansonsten ein soziales Konstrukt und ein Heilsversprechen, das nie aufgeht. Der Mittelstand ist wie eine belagerte Festung: wer draußen ist, will rein, wer drinnen ist, will raus.

Auch wenn Markovićs Roman zumeist in Wien spielt, haben alle drei Frauen doch gescheiterte Auftritte und schmerzhafte Lehrzeiten in Berlin, Belgrad, Sarajevo und anderen Städten hinter sich. Den „Blitz des Schicksals“ und die „Auslöschung“ – jene Waffen, die sie einsetzen, um Gerechtigkeit in ihr Umfeld zu bringen – haben sie von der halbierten Rabija und von Großmutter Marija gelernt, die damit bereits die Wirtschaft eines ganzen Landes destabilisierte.

Wien (Berlin/Belgrad/Sarajevo)

BM: Städte tragen viele Informationen.
MD: Wien: Vienna, Beč, Viyana
Belgrad: unterschätzt
Berlin: cool
Sarajevo: it’s complicated

Wenn die „Superheldinnen“ schließlich im bösesten aller Happy Ends triumphieren, so ist auch das schwärzeste Magie. Denn: Was ist ein Happy end?

Happy end

BM: Der Zeichentrickfilm „Somewhere in Dreamland“, in dem zwei Kinder sich durch ein Schlaraffenland essen. Und was dann? Und: Man darf nicht viel darüber nachdenken.
MD: Gibt’s nicht.

Genau.

9783701716623

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