Kategorie: Nachlese: Stimmlage

W-Fragen im Untertitel

Kennen Sie den „Kellnerpunkt“? Das ist ein Wort aus Die Tante Jolesch. Der Autor umschreibt den Terminus, der im Café Herrenhof entstanden sei, wie folgt: „Er ergab sich immer dann, wenn ein pompös überdrehtes Gespräch aus den Höhen einer Selbstgefälligkeit zu einer entlarvend primitiven Schlußfolgerung abglitt, die sogar dem Kellner einleuchten mußte.“[1] Ist das nicht elitär? Na sicher, aber zumindest ehrlich. Diese Woche hörte ich auf Ö1...

Die pandemische Verwerfung

Im März 2020, zu Beginn der Covid-19-Pandemie, schrieb ein italienischer Philosoph im Rahmen einer Online-Debatte folgenden Satz: Je mehr die anderen Distanz zu mir halten, desto näher fühle ich mich ihnen.[1] Eine neue Form der Nächstenliebe. Solidarität in Zeiten der Pandemie. Der Satz sollte wohl die „soziale Distanz“, die als imperative Parole just in jenen Tagen in Mode kam, ethisch begründen und zugleich dazu aufrufen. Nun, nach...

Das dreißigste Jahr

Wenn er in sein dreißigstes Jahr geht und der Winter kommt, wenn eine Eisklammer November und Dezember zusammenhält und sein Herz frostet, schläft er ein über seinen Qualen. Ingeborg Bachmann: Das dreißigste Jahr[1] Mein Kollege wird in diesem Monat 30. Ich habe ihm versprochen, an seinem Geburtstag mit den spätadoleszenten Boomer-Witzen über sein junges Alter für immer aufzuhören. Inzwischen nerven diese („Was, du weißt wirklich, wer Michael...

Angst in der Pandemie

Entgegen der sprichwörtlichen Annahme ist die Angst kein schlechter Ratgeber. Für Leute, die beängstigt werden, mag ja das Sprichwort noch gelten. Nicht aber für die, die Angst machen. Für sie ist Angst lukrativ und verkauft sich als die beste Ratgeberin. Mit Angst betreiben die meisten Parteien Wahlkampf und die meisten Regierungen Politik. Interessant nur, dass es dabei fast immer um die Angst anderer geht. Ich als Politiker...

Autobiografische Notiz in Stimmungsbildern

Vor 40 Jahren, im März 1981, verließ ich Istanbul in Richtung Wien. Das war der Beginn meines halbfreiwilligen Exils. Das Militär hatte sechs Monate zuvor geputscht und eine Schreckensherrschaft mit Massenverhaftungen, Folter und vollstreckter Todesstrafe errichtet. Ich wurde nicht unmittelbar verfolgt, in meinem Fall war es dennoch ratsam, das Land zu verlassen. Der Ausnahmezustand mitsamt den nächtlichen Ausgangssperren, die stets präsente Angst und die depressive Kollektivstimmung boten...

Politische Seelenleiden im Herbst

Hinter all diesen Ereignissen, vom Umgang mit der Pandemie über die ideologische (Selbst-)Legitimation autoritärer Regierungen bis hin zum angeblich wienerisch-gemütlichen „Schleich di, du Oaschloch“-Slogan dieser Tage als Terrorabwehr und zur offiziellen Handhabung der globalen Gefahr durch die Klimakrise, sehe ich stets die hässliche Fratze des immerwährenden Nationalismus frech grinsen.