Von alten Monden und neuen Sternen

Nasreddin Hoca, wie er auf Türkisch genannt wird, ist eine humoristische Figur, die man im Raum vom Balkan bis Zentralasien kennt. Er soll im 13. Jahrhundert im Osmanischen Reich gelebt haben und weist Ähnlichkeiten etwa mit Till Eulenspiegel auf: ein schlagfertiger Volksgelehrter, der sich als dumm oder naiv gibt und anschließend lehrreiche Bonmots äußert. Diese sind im Laufe der Zeit zu geflügelten Worten geworden. So auch seine berühmte Antwort auf die eigenwillige Frage, was man denn aus den alten Monden mache, die bereits abgenommen haben: „Man stutzt sie zurecht und macht Sterne daraus.“

Ich fange die Kolumne nicht deswegen mit der gerissenen Pointe des Nasreddin an, um meiner Umgebung in diesen Unmut stiftenden, traurigen Zeiten ein wenig Fröhlichkeit zu spenden. Eigentlich erinnert mich die Geschichte an eine Frage, die mich seit eh und je beschäftigt: Was macht man aus Diktatoren, bösen Autokraten (beide Spezies sind bis dato überwiegend männlich, darum kein Genderstern) oder korrupten Politiker*innen, wenn ihre Zeit abgelaufen ist und sie noch leben?

Jedes Mal, wenn ich mir diese Frage stelle, sehe ich ein Haus vor mir: eine Art Altersheim, das aber nichts Heimeliges an sich hat. Es ist vielmehr ein Ort, der meinen Vorstellungen von der Hölle gleicht, extrem heiß, dunkel, übelriechend. Die Pfleger dort sind streng und die Betten steinhart.

In meiner Imagination bekommen die Insassen täglich drei Mal Schimpftiraden vorserviert, direkt ins Gesicht gesprochen. Mehrere Stunden müssen sie zudem in der „Erziehung“ verbringen, wo man ihnen Videos, Audiodateien oder Fotos von Menschen zeigt, die sie einst foltern, unter der Aufsicht der Exekutive „verschwinden“ oder hinrichten ließen. Dann spielt man ihnen – wie es in der Unterhaltungsbranche so schön heißt – Visuals vor, die das große Glück der Einwohner*innen ihres jeweiligen Landes nach ihrem Abgang dokumentieren. Dann müssen sich die Ex-Diktatoren körperlich betätigen: laufen, turnen, klettern, Vorhof und Umgebung putzen; dem folgt … Nun gut, bevor mein Strafkonzept selbst Züge von Folter annimmt, höre ich auf, meiner Phantasie zu folgen.

Und schon muss ich leider das Realitätsprinzip hereinholen: Im echten Leben geht es nicht gerecht zu. In der Regel werden ehemalige Diktatoren in Weltregionen untergebracht (oder zwischengeparkt), die das diametrale Gegenteil meiner Phantasie-Strafkolonie anbieten: sonnige Gegenden mit lieblicher Flora und handzahmer Fauna, am Meer gelegene, klimatisierte Häuser samt einheimischer Dienerschaft, überfüllte Bankkonten, die per Smartphone erreichbar sind, und restlebenslange Aussicht auf die Rückkehr. Pensionierte Autokraten und korrupte Politiker*innen wiederum bekommen Manager- oder Vorstandsposten inklusive Aktienpakete im jeweiligen Ausland. Sie halten Vorträge über Politik, Frieden und erfolgreiche Lebensführung, veröffentlichen ihre Memoiren, bekommen Auszeichnungen und Preise verliehen, irgendwann werden auch Plätze nach ihnen benannt.

Wenn die Realität es aber gewöhnlich nicht zulässt, Diktatoren und Kohorten ihrer gerechten Strafe zuzuführen, und da sie selten von selbst abdanken, müsste ich meine Frage von oben vielleicht nicht auf die Zeit nach ihrem Abgang richten, sondern auf jene davor. Wie analysiert und beurteilt man jene, die – wie man gemeinhin zu sagen pflegt – „ihre Macht missbraucht“ haben? Wie kritisiert man sie, was setzt man ihnen entgegen? Und zwar während ihrer Herrschaft bzw. Dienstzeit? Die Antwort auf diese Frage ist auch ausschlaggebend für die Zeit danach.

Ich habe den Eindruck, dass gegenwärtig Moral und Justiz, bisweilen auch Wissenschaft, zunehmend das Politische überlagern bzw. verdrängen. Einerseits findet eine „Epistemisierung der Politik“ (Alexander Bogner) statt, eine Art „Expertokratie“, andererseits löst Empörung fundierte Kritik ab. Juristische Fehltritte unliebsamer Politiker*innen lassen schnell die Hoffnung auf deren politisches Ende aufflammen. Man wartet darauf, dass politische Karrieren im Gerichtssaal enden. Am meisten verbreitet ist das Setzen auf moralisch verpönte Handlungen, Äußerungen und Entgleisungen, die man Politiker*innen nachweisen kann. So wollen heute viele Menschen und Gruppen diese entsorgen und dadurch politische Änderungen einleiten.

Zugegeben, es ist nicht leicht, einen Diktator nur mit politischen Mitteln zu bekämpfen – denn Politik braucht ein Mindestmaß an Freiheit. Ohne jede Möglichkeit öffentlicher Kritik, ohne Meinungsfreiheit, Recht auf Versammlung und unabhängige Medien ist es schwer, gegen die Gehirnwäsche anzukämpfen. Darum scheinen hier moralisch durchmengte Argumente oder juristische Gegenwehr vonnöten – und das Politische tritt zuweilen zurück. Korrupte Politiker*innen wiederum lösen oft eine Rückbesinnung auf moralische Grundsätze und juristische Ordnung aus. In einer Zeit, in der Politik immer mehr zur Inszenierung verkommt, ist es ja nicht grundfalsch, hinter die Kulissen zu verweisen, auf die unsichtbaren Sphären der Politik.

Doch müssen wir auch zur Kenntnis nehmen, dass man mit einzelnen Politiker*innen nicht das ganze System der Korruption, interessengeleitete Herrschsucht oder faschistoide, illiberale bzw. autokratische Tendenzen loswird. Diese Strukturen müssen politisch zerschlagen werden, wenn wir in einer Gesellschaft leben wollen, die der Freiheit, Gleichheit und Solidarität näherkommt als heute.


Die Kolumne “Stimmlage” erschien in der STIMME Nr. 128/2023

Illustration: Fatih Aydoğdu

Hakan Gürses ist in der politischen Erwachsenenbildung tätig. Von 1993 bis 2008 war er Chefredakteur der Zeitschrift Stimme von und für Minderheiten, von 1997 bis 2011 Lektor und Gastprofessor für Philosophie an der Universität Wien. Seine Kolumne “Stimmlage” erscheint regelmäßig in der STIMME.

 

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