Wissenschaftsskeptisch betrachtet

In den letzten Jahren wurde das Thema Wissenschaftsskepsis in Österreich intensiv diskutiert. Immer wieder bescheinigten Personen aus Wissenschaft, Politik und Journalismus der Bevölkerung eine im internationalen Vergleich außergewöhnlich stark ausgeprägte Wissenschaftsskepsis. Belege dafür wurden in Kontroversen um einige Maßnahmen der Regierung während der Corona-Pandemie gesehen, aber auch in den Ergebnissen einer Umfrage aus dem Jahr 2021 zur Einstellung der Europäer:innen zu Wissenschaft und Technik (Eurobarometer 516).[1]

Das Wissenschaftsministerium entschloss sich im Jahr 2022, den Ursachen der vermuteten Wissenschafts- und Demokratieskepsis in Österreich auf den Grund zu gehen. Aus der öffentlichen Ausschreibung einer Studie ging das Institut für Höhere Studien gemeinsam mit der Universität Aarhus erfolgreich hervor. Die im Sommer 2023 abgeschlossene Studie[2] umfasst eine Analyse aktueller und historischer Literatur, eine umfassende Sekundäranalyse bestehender quantitativer Umfragedaten, Fokusgruppen (Diskussionsrunden) mit Personen aus der Bevölkerung und Expert:inneninterviews.

Wie die Studie verdeutlicht, besteht in der Bevölkerung durchaus sowohl Skepsis als auch Kritik und Desinteresse an Wissenschaft. Im Vergleich mit anderen Institutionen ist das Vertrauen der Bevölkerung in die Wissenschaft insgesamt jedoch hoch. Es gibt keine eindeutigen Hinweise, dass die Österreicher:innen im europäischen Vergleich besonders wissenschaftsskeptisch sind oder dass ablehnende Haltungen gegenüber Wissenschaft zugenommen hätten. Die Ergebnisse zeigen aus unserer Sicht, dass es notwendig ist, unterschiedliche Formen von Kritik an Wissenschaft differenzierter zu diskutieren. Aber nicht nur Einstellungen der Bevölkerung, sondern auch die Rolle von Wissenschaft und Politik ist stärker zu beleuchten.

Skepsis und Kritik betreffen meist ausgewählte Bereiche der Wissenschaft

In der öffentlichen Debatte wurde Wissenschaftsskepsis bisher kaum klar definiert. Gemeint war meist nicht eine kritische Grundhaltung als Teil wissenschaftlicher und demokratischer Praxis, sondern die kategorische Ablehnung von Wissenschaft und ihren Erkenntnissen. Auf Basis vergleichbarer Studien haben wir Wissenschaftsskepsis als „systematische und unbegründete bzw. ungerechtfertigte Ablehnung der Wissenschaft“ gefasst.

Anhand der Daten der Eurobarometer-Studie von 2021 haben wir untersucht, wie viele der befragten Österreicher:innen eine solche systematische Ablehnung äußern – also wie viele Personen dem etablierten wissenschaftlichen Wissen aktiv widersprechen. Dazu wurden von uns Antworten zu vier Aussagen herangezogen, aus denen Wissenschaftsskepsis sowie eine Neigung zu Verschwörungstheorien abgeleitet werden kann. Diese betreffen (1) die Verneinung, dass der Klimawandel großteils auf menschliche Aktivitäten zurückzuführen ist; (2) die Leugnung der Evolutionstheorie; (3) die Vermutung, dass Viren staatlich erzeugt werden, um die Freiheit der Menschen zu kontrollieren und (4) die Sichtweise, existierende Heilmittel für Krebs würden aufgrund wirtschaftlicher Überlegungen zurückgehalten.

Wie die Analyse zeigt, beantworten 21 bis 31 Prozent der befragten Österreicher:innen eine dieser vier Fragen entgegen dem wissenschaftlichen Wissensstand. Rund die Hälfte dieser Gruppe äußert sich auch bei einem weiteren Punkt im Gegensatz zum wissenschaftlichen Konsens. Zehn Prozent der Befragten stimmen drei und ca. ein Prozent allen vier wissenschaftskritischen Positionen zu.[3] Die Gruppe derer, die Wissenschaft systematisch, also über mehrere Bereiche hinweg ablehnt, ist somit deutlich kleiner als häufig kolportiert. Österreich liegt in dieser Hinsicht im EU-Mittelfeld.

Kritik an Wissenschaft ist zudem auch in verschiedenen Technologiebereichen unterschiedlich stark ausgeprägt. Wie der Eurobarometer aus dem Jahr 2021 zeigt, schätzt die Bevölkerung die Auswirkungen verschiedener Wissenschaftsbereichen oder Technologiefeldern unterschiedlich ein: So werten die Befragten Auswirkungen von Solarenergie oder Informationstechnologien weitgehend positiv, während es in den Bereichen Künstliche Intelligenz oder Atomenergie sehr viel mehr kritische Stimmen gibt. Besonders kritisch sind die befragten Österreicher:innen im EU-Vergleich bei kontroversiellen Technologien wie Biotechnologie und Genetik und eben Atomenergie und Künstliche Intelligenz.

Kritik zielt oftmals auf die Verbindungen zu anderen Gesellschaftsbereichen

Wie die Studie zeigt, kann nicht jede Kritik an Wissenschaft mit grundsätzlicher Skepsis gegenüber Wissenschaft gleichgesetzt werden. Wissenschaft spielt, auch das ist ein Ergebnis des Eurobarometers 2021, aus Sicht vieler Befragter in ihrem Alltag keine zentrale Rolle. Gleichzeitig besteht ein idealisiertes Bild von Wissenschaft, in dem innerwissenschaftliche und interdisziplinäre Widersprüche und Dissens wenig Platz haben. Oftmals ist unbekannt, wie Wissenschaft in der Praxis arbeitet. Die langsamen und in einem ständigen Auf und Ab des Verwerfens und Bestätigens von Forschungsergebnissen ablaufenden Prozesse der Wissenschaft, die im Rahmen der COVID-19-Pandemie für die Öffentlichkeit sichtbar wurden, standen in gewisser Weise im Gegensatz zu idealisierenden öffentlichen Bildern von Wissenschaft.

Aber auch die enge Zusammenarbeit von Akteur:innen aus Wissenschaft und Politik hat in der Pandemie bei Teilen der Bevölkerung Kritik und einen Ruf nach wissenschaftlicher Unabhängigkeit bewirkt. Unsere Studie bestätigt: Oftmals zielen kritische Äußerungen weniger auf Wissenschaft an sich als auf vermutete unredliche Hintergründe von Wissenschafter:innen aufgrund intransparenter Verbindungen zu Politik und Wirtschaft. Ein Beispiel für eine solche Einstellung ist eine Passage aus einer Fokusgruppe, in der ein/e Teilnehmer:in meinte, „dass die Politik die Wissenschaft instrumentalisiert“. Eine andere Person stimmte zu und begründete das damit, dass „jeder Politiker heute irgendwo in einem Instrumentarium von irgendeiner Firma drinnen sitzt“. Darauf erwiderte die erste Teilnehmer:in, dass Politiker:innen „in erster Linie (…) wieder gewählt werden“ wollen. Dieser Ausschnitt verdeutlicht ein typisches Kritikmuster, wie die Verflechtungen von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik wahrgenommen werden.

Wissenschaftsskepsis ist schwer zu messen und zu vergleichen

Die Diskussion um Wissenschaftsskepsis ist aus unserer Sicht auch deshalb vorsichtig zu führen, weil die meisten wissenschaftlichen Arbeiten auf Umfragedaten beruhen, Wissenschaftsskepsis jedoch schwer zu messen ist. Quantitative Umfragen erheben mit kurzen Fragen komplexe Phänomene. Die gestellten Fragen können mehrdeutig sein und unterschiedlich interpretiert werden. Dieses Problem ist bei internationalen Studien auf Grund von Übersetzungsproblemen nochmals verschärft. In den Gruppendiskussionen hat sich gezeigt, dass der „gesunde Menschenverstand“, der in Studien und in der öffentlichen Debatte oft als im Gegensatz zu Wissenschaft gesehen wird, aus der Sicht von befragten Personen durchaus bedeuten kann, wissenschaftlich fundiertes Wissen in persönliche Entscheidungsfindungsprozesse einzubeziehen. So meinte ein Mitglied der Fokusgruppe, „dass man auf die Wissenschaft vertraut, ist meiner Meinung nach gesunder Menschenverstand“. In einer anderen Fokusgruppe meinte ein/e Teilnehmer:in, „wir sollten [uns] sowohl auf wissenschaftliche Ergebnisse […] verlassen als auch auf den […] Menschenverstand“.

Skepsis ist der Wissenschaft und Demokratie inhärent

Wissenschaftsskeptische Einstellungen können zum gesellschaftlichen bzw. politischen Problem werden, wenn daraus abgeleitete Handlungen und deren Auswirkungen andere in negativer Art betreffen. Dies ist beispielsweise bei der kategorischen Ablehnung von Impfungen der Fall. Wenn politische Maßnahmen, die auf Erkenntnissen der Wissenschaft beruhen, nicht umgesetzt werden, liegt das – wie das Beispiel der Klimakrise verdeutlicht – oft aber weniger an Wissenschaftsskepsis als an hartnäckigen Gewohnheiten und entgegen gesetzten Interessen.

Skepsis hat auch ausgesprochen wichtige Funktionen. Sie ist, was für Wissenschaft und Demokratie zentral ist, aktives Hinterfragen und kritische Reflexion. Skepsis kann damit, neben kategorischer Ablehnung, auch auf das Schaffen wichtiger neuer Ideen und auf Meinungsfreiheit verweisen. Dementsprechend ist es aus unserer Sicht treffsicherer, bei kategorischen Formen der Ablehnung von „Wissenschaftsfeindlichkeit“ zu sprechen.

Neue Ansätze stoßen auch in der Wissenschaft immer wieder auf Widerstand, wie die im 19. Jahrhundert von Ignaz Semmelweis initiierte Debatte zum Kindbettfieber veranschaulicht. Seine Bemühungen, in öffentlichen Kliniken Hygienevorschriften einzuführen, wurden zunächst abgelehnt. Auch die Forschung der diesjährigen Nobelpreisträgerin Katalin Karikó zu Impfungen auf Basis von mRNA wurde in der Vergangenheit von führenden wissenschaftlichen Journalen abgelehnt.

Wissenschaftsskepsis ist ein politisches Problem

Insgesamt zeigt die Studie, wie notwendig eine differenzierte Debatte zu Wissenschaftsskepsis ist – auch im Kontext der multiplen gesellschaftlichen Krisen wie Klima- und Biodiversitätskrise, globale und nationale Ungleichheiten, Pandemie sowie kriegerische Auseinandersetzungen. All das sind gesellschaftlich höchst umkämpfte Themen, bei denen es auch darum geht, welche Art von Gesellschaft, Wirtschaft, Demokratie und Zukunft wir wollen. Es gibt dazu sehr unterschiedliche Sichtweisen, die mit Werten und Interessen verbunden sind. Zudem ist strittig, wer in diesen Zielkonflikten etwas zu sagen hat. Es geht dabei unter anderem um den Platz von Wissenschaft in der Gesellschaft, um den jeweils als richtig erachteten Einfluss von Wissenschaft auf Politik, um den Einfluss wirtschaftlicher Interessen auf Wissenschaft und Politik, die Form der öffentlichen Auseinandersetzung und demokratischer Entscheidungen, kurz, um den Kampf verschiedener Gesellschaftsbereiche um Einfluss auf die gesamtgesellschaftliche Entwicklung. Die Diskussion um Wissenschaftsskepsis ist Teil dieses zweifachen Konflikts. Der Begriff „Wissenschaftsskepsis“ ist daher auch ein „Kampfbegriff“, mit dem der Hegemonie einer Form des Wissens und einer Vorstellung davon, wie Gesellschaft sein soll, Vorrang eingeräumt werden soll. Unsere Studie macht deutlich, dass die Debatte um Wissenschaftsskepsis sich derzeit vorwiegend mit „der“ Bevölkerung und deren möglichen „Defiziten“ befasst. Weit weniger wird diskutiert, welchen Anteil „die“ Wissenschaft selbst, oder auch Politik und Wirtschaft, an der öffentlichen Wahrnehmung von Wissenschaft haben.

 

[1]  https://europa.eu/eurobarometer/surveys/detail/2237 (Stand: 2.11.2023).
[2] Starkbaum, Johannes et al. (2023). Ursachenstudie zu Ambivalenzen und Skepsis in Österreich in Bezug auf Wissenschaft und Demokratie – Endbericht. Wien.

Verfügbar unter: https://go.ihs.ac.at/ursachenstudie (Stand: 6.11.2023). Wir danken unseren Co-Autor:innen für die gute Zusammenarbeit.

[3] Starkbaum et al. 107 ff.


Der Text erschien in der STIMME Nr. 129/2023

Illustration: Fatih Aydoğdu

Johannes Starkbaum ist Soziologe und Politikwissenschafter und forscht seit 2018 am Institut für Höhere Studien (IHS) zum Zusammenwirken von Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft.

Erich Griessler studierte Soziologie und Geschichte an den Universitäten Wien und Maastricht und ist Senior Researcher am Institut für Höhere Studien. Er forscht zum vielfältigen Verhältnis von Wissenschaft, Technik, Gesellschaft und Demokratie.


Der Jahresschwerpunkt 2023 der Initiative Minderheiten “Wissenschaftsskepsis – Folgen für die Demokratie ” wurde vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung und von der Österreichischen Gesellschaft für politische Bildung (ÖGPB) gefördert.

 

 

 

 

 

 

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