„So wird das Leben.“

Ein Lesetipp zur Bundespräsidentenwahl

„Bei der Wiederholung der Wahl zum österreichischen Bundespräsidenten steht die Entscheidung für oder gegen die Demokratie an.“

 

Mit dieser Botschaft begleitet die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz seit August nun auch den Wahlkampf für die Bundespräsidentenwahl mit einem Fortsetzungsroman: Jeden Donnerstag um 20:00 Uhr erscheint auf ihrer Webseite eine neue Folge von Wahlkampfroman 2016. „So wird das Leben.“

Die Protagonistin, die Studentin Vroni, lebt vorübergehend in Wien, in der Wohnung ihres schwulen Großonkels. Sie gerät irrtümlicherweise in einen gewalttätigen, homophob motivierten Übergriff, der eigentlich ihren Onkel treffen hätte sollen, und wird dabei verletzt. Schließlich überwindet sie doch ihre Ängste und macht sich auf die Suche nach den Tätern im rechten, burschenschaftlichen Milieu, in dem auch ihr Nachbar, der bösartige, hasserfüllte Herr Chrobath, verortet ist. Auf die Polizei will sie sich dabei lieber nicht verlassen: „Vroni mußte auch die ganze Zeit überlegen, ob sie nicht doch bei der Polizei etwas über diesen Studenten sagen sollte. Vroni hatte aber gehört, daß die Polizeigewerkschaft von der FPÖ beherrscht wurde, und sie dachte, daß der Chrobath und seine Burschenschafter von denen geschützt werden würden und sie nicht.“

In die Geschehnisse, die in dem Wiener Wohnhaus ihren Ausgang nehmen, sind aktuelle politische Ereignisse und Zustände hineingewebt, manchmal erschreckend realitätsnah und manchmal konsequent weitergedacht. Was wäre z.B. wenn Kernaussagen aus dem „Handbuch freiheitlicher Politik“ umgesetzt werden würden, wie würde sich das Leben dann gestalten? Mit welchen Ängsten hätte dann z.B. Vronis Mutter, eine gebürtige Slowenin, zu kämpfen? Schon alleine die Aussicht auf einen möglichen freiheitlichen Bundespräsidenten – „Ihr werdet schon sehen.“ – ermächtigt Vronis Nachbarn zu zahlreichen Grenzüberschreitungen und diese Karte zieht auch Höflein, der rechte Anwärter für dieses Amt, dem Vroni bei einer Wahlkampfrede begegnet: „und weil es dann einen freiheitlichen Präsidenten, einen freiheitlichen Bundeskanzler und einen freiheitlichen Parlamentspräsidenten geben wird, da werden Sie sich wundern, was alles gehen wird.“ Kein Wunder, dass einige der Romanfiguren von vielen Sorgen und Ängsten verfolgt werden.

In der Folge 6 erzählt Vroni einer anderen jungen Frau aus der Nachbarschaft von den Geschehnissen rund um den gewalttätigen Übergriff und was sie von den Tätern wusste. Niemand würde ihr glauben oder darüber berichten. Und die jungen Frauen sorgen sich nicht zuletzt um die Zukunft der Demokratie:

Vroni nahm ausnahmsweise Zucker für ihre Nerven in den Kaffee. „Das ist so wie damals“, sagte sie. „Man weiß heute, daß die Menschen in den 30er Jahren sehr viel mehr ahnten und wußten als es im Nachhinein den Anschein hat.“
„Ist das so?“ fragte Mia. „Es schaut doch immer so aus als hätte nie jemand etwas gegen die Nazis gesagt.“
„Wenn man zum SCHUTZ DES VOLKES nur noch mit Verordnungen regiert und alle Gegner verhaftet hat und alle Medien gleichgeschaltet sind, dann kann nicht mehr viel gegen die Regierung gesagt werden.“ antwortete Vroni. „Ich wüßte nicht, was ich getan hätte, wenn ich damals auf der Welt gewesen wäre.“ sagte Mia und schenkte Kaffee nach. „Meine Mama sagte, daß es bei uns auch so kommen könnte. Daß der Bundespräsident die Macht genauso ergreifen könnte wie das mit diesem Hindenburg und dem Hitler passiert ist. Das hast du doch gemeint, Vroni. Oder?“ Vroni nickte nur. Sie war wieder schrecklich müde und sie kam sich dumm vor, weil sie alles erzählt hatte und sich ja doch nichts geändert hatte.

Für alle, die wissen wollen, wie es weitergeht: Folge 7 erscheint heute abend auf der Webseite von Marlene Streeruwitz.

 

Foto: Monika K. Zanolin

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