Wer nichts sehen will, muss auch nichts fühlen

Foto: Matheus Bertelli

Tausend Augen starren mich von allen Seiten her an, sie entspringen grellen, von vor Trauer und Wut verzogenen Gesichtern. Ihr offenkundiges Leid lässt mich unerbittlich erschaudern und innerlich verstummen. Am liebsten würde ich mich augenblicklich umdrehen und die Galerie verlassen. Doch zu groß ist mein Respekt, meine Würdigung, meine Achtung gegenüber dem Werk Adolf Frankls, gegenüber der „Kunst gegen das Vergessen“.

 

Denkanstoß

Mittlerweile sind fast 2 Monate vergangen, als Adolf Frankls Sohn Thomas und seine Gattin Inge Ruth zur Pressekonferenzen luden und die Schließung der einzigen Kunst-Ausstellung eines Holocaust Überlebenden in Österreich ankündigten. Das Ehepaar, das sich von jeher um Archivierung, Ausstellung und Vermittlung der Sammlung Frankl bemühte, eröffnete im Jahr 2006 am Wiener Judenplatz das Art Forum, welches die Kunstwerke des Holocaust-Überlebenden Adolf Frankl öffentlich zugänglich machte.

Das Bestreben ist unmissverständlich: Die über 250 Gemälde dürfen nicht im Keller verschwinden, sondern müssen weiterhin für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Obgleich zahlreiche Erfolge erzielt wurden und einige der Bilder immer wieder in internationalen Ausstellungen zu sehen sind, fehlt es an finanzieller Unterstützung und Personal.

Abbildung: Adolf Frankl: Ca 1954, Öl auf Leinwand „Die Köpfe unzähliger Mithäftlinge haben sich in meinem Kopf eingemeißelt und verfolgen mich Tag und Nacht. Selbstbildnis ist in der dritten Reihe, auf linker Seite das vierte Gesicht.“

Der eskapistische Blick
Doch wie schon gesagt, obgleich ich die Arbeit Frankls voll und ganz anerkenne und unterstütze, schaue ich mir die Bilder nicht gerne an. Weil es mir eben schaudert und weil ich Angst bekomme. Zugleich finde ich die Bilder aus künstlerisch, evokativer Perspektive äußerst gelungen: Sie transportieren starke Emotionen, irritieren und zwingen den/die BetrachterIn zur intensiveren Auseinandersetzung. Ich habe lange Zeit über diesen „eskapistischen Blick“ (so möchte ich ihn nennen) reflektiert und denke, dass die Erwartungshaltung der Gesellschaft gegenüber Kunst eben nicht Frankls Werken entspricht. Ästhetik und Kunst bedeutet doch für die meisten Genuss, also „Kunstgenuss“, Schönheit, Entspannung und Flucht vor dem grauen Alltag.

Und genau das ist wohl das Problem: Die Betrachtung der Werke Frankls verlangt nach emotionaler Arbeit, schafft Wissen und verlangt nach Verantwortung. Ich meine, stellen Sie sich vor, Frankls Porträt von Adolf Eichmann hinge als Touristenattraktion inmitten goldener, zierlich verschnörkelter Klimt Gemälde und zwischen den erotischen Schönheiten von Schiele. Unvorstellbar. Oder denken Sie an unsere digitale Eskapismus-Kultur à la Instagram und Netflix. Wunderschön! Chia-Samen-Drink, Fitness Summer Body Challenge und Fashion Show! Vielleicht zu schön, um wahr zu sein.
Eben genau deshalb: Das ist unser Auge gewohnt. Wir lenken uns ab, wir flüchten uns in ästhetisierte, heile Welten und wenden uns dabei von tatsächlichen Geschehnissen ab. Und damit wenden wir uns von Mitmenschen ab, vom gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Nicht immer kann alles schön und ästhetisch sein. Nicht einmal in der Kunst. Und das ist auch gut so!

Zu guter Letzt stellt sich noch immer die Frage, was nun mit der Sammlung Adolf Frankl passiert. „Bitte, bitte nicht im Keller verschwinden lassen. Und auch nicht am Dachboden oder in einer Kartonkiste“, möchte ich appellieren – aber ohne gehobenem Zeigefinger, denn auch ich habe lernen müssen: Nachdem ich zwei Monate lang (solange ist die Pressekonferenz her) eben nicht über die Schließung der Galerie geschrieben habe, weil mir so sehr vor den Bildern schauderte, habe ich es nun nach wochenlanger Aufschiebung endlich geschafft, mir die Bilder nochmals genauer anzusehen und darüber zu schreiben. Immerhin.

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