„Silvesternacht in Köln“ oder: Wann reden „wir“ über „uns“?

Ein Gedankenexperiment

Die Ereignisse zum Jahreswechsel in Köln hätten ein Anlass dafür sein können, um die unterschiedlichen Formen, das Ausmaß und die Ursachen sexueller Gewalt gegen Frauen in den Blick zu nehmen. Einer von vielen Anlässen.

Die Fakten, die in diesem Fall zur Sprache gekommen wären, sind nicht neu: Einer aktuellen, EU-weiten Studie zufolge hat z.B. jede dritte Frau seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt – das sind EU-weit ca. 62 Millionen Frauen. Die Botschaft ist erschütternd: „Gewalt gegen Frauen: sie passiert täglich und in allen Kontexten“. Mit dieser Alltäglichkeit sexueller Gewalt sind Frauen an unterschiedlichen Orten konfrontiert: am Arbeitsplatz, in der Disco, beim Zeltfest, in der Fahrschule, an der Universität, auf der Straße und ganz besonders im privat-familiären Bereich, denn die statistisch betrachtet größere Bedrohung für Frauen geht weniger vom „fremden Mann auf der Straße“ denn vom eigenen Lebensgefährten oder Ehemann aus.

Die ganze Bandbreite der Gewalt gegen Frauen wäre nach der „Silvesternacht in Köln“ um eine neu ins Bewusstsein gerückte Form erweitert worden, bei der sexuelle Übergriffe im öffentlichen Raum durch eine Gruppe von Männern (auch) in Zusammenhang mit Eigentumsdelikten bzw. Diebstahl stehen. Und nicht zuletzt hätten Zusammenhänge zwischen dem ganz normalen weil selbstverständlichen Sexismus und sexueller Gewalt, diejenigen Strukturen, die Gewalt befördern und Frauen z.B. in ökonomische Abhängigkeitsverhältnisse bringen, thematisiert werden können.

In den öffentlichen Debatten hätte darüber nachgedacht werden können, was es bedeutet, wenn inmitten einer großen Menschenansammlung so viele Frauen attackiert werden können, ohne dass jemand einschreitet oder die Polizei überhaupt erfasst, was hier vor sich geht. Es hätte darüber nachgedacht werden können, was nun verstärkt zu tun wäre, v.a. im Bereich der gewaltpräventiven Maßnahmen und des Opferschutzes: geschlechterkritische Mädchen- und Bubenarbeit, Selbstverteidigungskurse, eine ausreichende finanzielle Absicherung von Frauenhäusern, Notrufen und Beratungsstellen, Schulungen der Polizei, eine Reform des Sexualstrafrechts in Deutschland und nicht zuletzt Maßnahmen, die – aufgrund von gesellschaftlichen Machtverhältnissen – besonders verwundbare soziale Gruppen adressiert, z.B. Frauen, Kinder und Jugendliche mit Behinderungen oder in Flüchtlingsunterkünften.

Das zugewanderte Frauenbild, „unsere Werte“ und die Naivität der „Gutmenschen“

Die Ereignisse zum Jahreswechsel in Köln dienten offensichtlich nicht als Anlass, um die Problematik der sexuellen Gewalt gegen Frauen ernsthaft zu thematisieren. Sogar das klingt für manche plötzlich ganz plausibel: „Männer und Frauen sind hier gleichberechtigt“ (Necla Kelek). In den öffentlichen Debatten geht es bis heute nicht um Frauen und ihre Rechte. Wer – im Schatten der „Silvesternacht“ – davon spricht, ist marginalisierter denn je und wird schnell der „Verharmlosung“ und „Relativierung“ bezichtigt. Die öffentliche Aufmerksamkeit richtet sich stattdessen auf Nationalität, Religion oder den „Kulturkreis“ der Täter. Diesem Phänomen gilt das „blanke Entsetzen“, die Wut und Empörung. Die Betonung der Einzigartigkeit – sogar von einem „Pogrom“ war schon die Rede – entnennt das alltägliche Ausmaß von Sexismus und sexueller Gewalt in allen ihren unterschiedlichen Ausprägungen, hier, bei „uns“. Sexuelle Gewalt verschwindet von der Bildfläche in dem Moment, wo sie zum Mittel für einen anderen Zweck wird.

Aber auch das ist nicht neu: Der „Fremde“ als Figur, dem angelastet wird, was aus der „eigenen Gesellschaft“ ausgelagert wird – der Fremde“, der „unsere“ Frauen belästigt und bedroht und von „unseren europäischen Werten“ der Gleichberechtigung keine Ahnung hat. Die Zeit für den „blauäugigen Import von Männergewalt, Sexismus und Antisemitismus“ (Alice Schwarzer) scheint jetzt für manche endgültig vorbei zu sein.

Rassistische Zuschreibungen im Namen der Verteidigung von Würde und Gleichheit der Frauen funktionieren besonders gut, um Gleichstellungsdefizite aus der sogenannten „eigenen“ Gesellschaft auszulagern. Selbst Antifeministen können sich dann zu Kämpfern für Frauenrechte aufschwingen, z.B. besonders beliebt, wenn es um kopftuchtragende Musliminnen geht. Und diejenigen, die sich am meisten über den österreichischen „Grapschparagrafen“ aufgeregt haben, melden sich auch jetzt wieder lautstark zu Wort. In Österreich sind erst seit diesem Jahr sexuelle Übergriffe, wie sie in Köln stattfanden, strafbar, in Deutschland wird zum jetzigen Zeitpunkt ein guter Teil davon von Rechts wegen gar kein Straftatbestand sein. Aber wie war das nochmal gleich? „Unsere“ Werte und „unsere“ Gesetze“ respektieren – „unsere“ Werte, die sich in „unseren“ Gesetzen nicht einmal wiederfinden? Auch der innere Zusammenhang von Antifeminismus und Rassismus faltet sich auf: „Wer sich mit dem Frauenbild der Rechtspopulisten und Rechtsextremen befasst, kann viel über die Gefährdung der Familie durch überschießende Gleichstellungsbestrebungen von Frauen und dadurch ausgelöste Männlichkeits-, wenn nicht gar Gesellschaftskrisen lesen. Partnerschaftlichkeit ist dabei kein Thema, proklamiert wird eine ‚natürliche Ordnung‘ der Geschlechter, die eine Unterordnung von Frauen meint. Die Haltung zu Gewalt gegen Frauen könnte man so zusammenfassen: Entweder sind die Frauen selbst schuld oder ‚die Ausländer‘“. (Alexandra Weiss).

In der (internationalen) Presse wurde das eigentliche Thema, das mit der „Silvesternacht in Köln“ auf die Agenda gesetzt wurde, gleich unmittelbar nach den Ereignissen in Szene gesetzt: Merkls „Willkommenskultur“ hat nun endgültig abgedankt, einer breiten Akzeptanz für die „Obergrenze“ wurde der Weg gebahnt. DAS schaffen wir nicht mehr. Es klingt jetzt ganz plausibel: Es sind zu viele. Und: Wer sich nicht an „unsere“ Werte hält, hat spätestens jetzt alle Rechte verwirkt. Jetzt muss gehandelt werden – auf allen Ebenen! Verschärfung der Asylgesetze, Erleichterung von Abschiebungen, Zutrittsverbote in öffentlichen Hallenbädern oder Nachtklubs… Und auch auf der Straße wird gehandelt: Die einen fühlen sich ermächtigt zu tätlichen Übergriffen auf „Ausländer“, die anderen gründen „Bürgerwehren“, um ihre angekratzte Männlichkeit im Dienste des Schutzes „unserer“ Frauen wieder aufzurichten.

Diese Deutungsmuster über die Ereignisse zum Jahreswechsel in Köln konnten möglicherweise nicht nur deshalb so wirkmächtig werden, weil sie an eine jahrzehntelange Tradition der Hetze gegen Menschen mit Migrations- oder Fluchtgeschichten andocken. Sie treffen auch auf ein Feld politischer Gegnerschaft, das einst von den (extremen) Rechten abgesteckt und nun aber längst schon in der Mitte der Gesellschaft verankert wurde. „Gutmensch“ wurde, in Zusammenhang mit aktuellen Fluchtbewegungen, nicht umsonst zum Unwort des Jahres 2015 erklärt. Erfolgreich wurde ein „Gutmenschentum“ als politischer Gegner erzeugt, dem zu jeder Gelegenheit „Blauäugigkeit“ oder „falsch verstandene Toleranz“ an den Kopf geworfen wird. Die „Silvesternacht in Köln“ bietet eine besonders günstige Gelegenheit: „Wer bis jetzt noch immer nicht verstanden hat, dass es keine gute Idee war, zehntausende junge Männer aus den arabischen Staaten unkontrolliert einreisen zu lassen, dem ist hoffentlich jetzt ein Licht aufgegangen“ (Herbert Kickl) Und angesichts des „großen Schweigens der Feministinnen“ noch eine Klarstellung: „Wer jetzt dazu schweigt, hat jede Legimitation verloren für sich in Anspruch zu nehmen, Frauenrechte zu vertreten.“ Dieser Logik folgend bricht die andere Seite schon seit langem das Schweigen, spricht unbequeme Wahrheiten aus, erduldet dafür sogar geächtet und RassistIn genannt zu werden. Selbst den „Rechtsextremismusvorwurf“ müssen sich diejenigen gefallen lassen, die „die Sorge äußern, dass ein Frauenbild zuwandert in unserem Land, das wir nicht dulden können.“ (Birgit Kelle) Aber sie kämpfen weiterhin um die Freiheit, ihre Meinung doch noch sagen zu dürfen, trotz aller political correctness, während die politischen Gegner alles schönzureden scheinen.

Hat jemals irgendwer ernsthaft z.B. behauptet, männliche Flüchtlinge stünden per se jenseits patriarchaler Männlichkeitskonstruktionen und wären per se gefeit vor Sexismus und Gewalt gegen Frauen? Der „Gutmensch“ ist eine Konstruktion, aber sie funktioniert aufgrund der politischen Kräfteverhältnisse. Nicht nur Flüchtlinge stehen am Rand, sondern auch – in ganz anderer Form – diejenigen, die sich für ihre Rechte einsetzen. Hilal Sezgin hat die damit ausgelöste Dynamik beschrieben, schärft aber auch mit Humor den Blick für das Wesentliche: „Wir ‚Linken’ oder ‚Kosmopoliten’ oder ‚Multikulturalisten’ wurden so oft des ‚Gutmenschentums’ und der Naivität gescholten, dass wir schon seit Monaten ständig Angst haben, es könnte sich herausstellen: Die, deren Menschenrechte wir proklamieren, sind keine Engel. Doch wir brauchen keine Angst zu haben. Denn natürlich sind sie keine Engel! Deswegen heißt es ja Menschenrechte und nicht Rechte für Engel.“

Über das Ringen um Worte

Es ist diese Sprachgewalt der jahrzehntelangen rassistischen Hetze und die Schaffung eines abgegrenzten „Wir“, die es so schwierig machen, in solche Debatten wie diejenige über die „Silvesternacht in Köln“ noch sinnvoll zu intervenieren. Die etablierte Unterteilung in „Wir“ und „Sie“ hat sich auch in kritische Positionierungen hineingefressen. Auch „wir“ ringen um Worte. Bis zum Begriff der „Willkommenskultur“ zieht sich diese Trennlinie durch: „wir“ heißen „sie“ willkommen, „wir“ denken nach der „Silvesternacht in Köln“ dann aber auch darüber nach, ob nicht doch „ihre“ Frauenbilder patriarchaler sind als „unsere“, ob „ihre“ Übergriffe in der Silvesternacht nicht doch anders und schlimmer sind als diejenigen in „unserer“ Gesellschaft, ob der Unterschied zwischen „uns“ und „ihnen“ nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ festzumachen wäre, ob „Sie“ vielleicht aufgrund ihrer traumatischen Erfahrungen oder aufgrund ihrer gesellschaftlichen Marginalisierung „brutalisiert“ worden sind oder einfach nur in „ihrer“ Kultur nie einen respektvollen Umgang mit Frauen erlernen konnten. „Wir“ denken darüber nach, wie „wir“ „sie“ dabei unterstützen könnten, „ihre“ Geschlechterrollen zu reflektieren und welche gewaltpräventiven Maßnahmen speziell für „sie“ gut wären. Und jede Stellungnahme zur „Silvesternacht in Köln“ sollten „wir“ am besten mit der unmissverständlichen Feststellung einleiten, dass „wir“ jede Gewalt gegen Frauen verurteilen, auch dann, wenn „sie“ die Täter sind.

Es ist nur ein kleiner Schritt bis zu dem Punkt, an dem „wir“ „uns“ dann erlauben zu sagen, dass – wenn „sie“ sich nicht an „unsere“ Werte halten und „unsere“ Gesetze nicht respektieren –  „wir“ „sie“ in solchen Fällen lieber doch nicht hier bei „uns“ wissen wollen. Aber die Problematik der sexuellen Gewalt lässt sich nicht abschieben, sie wird „uns“ bleiben. Wann reden „wir“ über „uns“? Oder besser: über das „Uns“ – auch in linken, feministischen, alternativen Kontexten. Quer über die Grenzen von Nationalstaaten und Kontinenten hinweg wären zahlreiche Verbündete, Frauen und Männer, zu finden.

 

Einige Links, auf die sich dieser Text bezieht:

Gewalt gegen Frauen: eine EU-weite Erhebung, http://fra.europa.eu/de/press-release/2014/gewalt-gegen-frauen-sie-passiert-taglich-und-allen-kontexten

Gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus. Immer. Überall. #ausnahmslos, http://ausnahmslos.org/

Wer / Wen definiert „Willkommenskultur“?, http://blog.feministische-studien.de/2016/01/werwen-definiert-willkommenskultur-teilen-von-definitionsmacht-gegen-identitaere-grenzsicherung/

Hilal Sezgin, Deutsche Respektlosigkeiten, http://www.zeit.de/kultur/2016-01/koeln-fluechtlinge-arabischer-mann-sexismus

Sind wir über Nacht zu einer feministischen Nation geworden? Ein Gespräch von Christina Clemm und Sabine Hark, http://www.zeit.de/kultur/2016-01/feminismus-uebergriffe-koeln-clemm-hark-10-nach-8

Alexandra Weiss, Keine Instrumantalisieung sexueller Gewalt, http://mobileapps.tt.com/politik/europapolitik/10996067-91/keine-instrumentalisierung-von-sexueller-gewalt.csp

Kölner Übergriffe werden vielfach straflos bleiben, http://derstandard.at/2000029013688/Koelner-Uebergriffe-werden-vielfach-straflos-bleiben

Presseschau zu Übergriffen in Köln: „New York Times“: Angela Merkel muss gehen!, http://www.focus.de/politik/deutschland/presseschau-zu-uebergriffen-in-koeln-new-york-times-angela-merkel-muss-gehen_id_5202888.html

Henryk M. Broder, War das, was in Köln geschah, ein Pogrom?, http://www.welt.de/debatte/henryk-m-broder/article151535590/War-das-was-in-Koeln-geschah-ein-Pogrom.html

„Darüber müssen wir reden dürfen“, http://kurier.at/politik/ausland/expertinnen-ueber-frauenbild-im-islam-darueber-muessen-wir-reden-duerfen/175.446.167

Alice Schwarzer, Die Folgen der falschen Toleranz, http://www.aliceschwarzer.de/artikel/das-sind-die-folgen-der-falschen-toleranz-331143

Leserbrief Krone.at, auch gepostet auf der Facebookseite von Strache, http://www.krone.at/Das-freie-Wort/.-Story-491779

Herbert Kickl, http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20160105_OTS0046/fpoe-kickl-koeln-sollte-lichtermeer-in-den-koepfen-verursachen oder http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/4898766/Koln_Freiheitliche-warnen-vor-Masseneinwanderung-Grune-vor-Hetze

Birgit Kelle, #Aufschrei 0.0 – Wenn die feministische Empörung ausbleibt, http://nrwjetzt.de/aufschrei-0-0-wenn-die-feministische-empoerung-ausbleibt/

3 Antworten

  1. Beate Eder-Jordan sagt:

    Ich hoffe, dass dieser ausgezeichnete Text der Politikwissenschaftlerin Lisa Gensluckner, (Geschäftsführerin der Initiative Minderheiten Tirol, Mitarbeiterin beim Arbeitskreis Emanzipation und Partnerschaft – AEP, Mitherausgeberin des Gaismair-Jahrbuchs) eine weite Verbreitung findet!

  2. Christine Regensburger sagt:

    klug, differenziert, feministisch. ein absolut wichtiger textbeitrag. danke!

  3. Gerhard Hetfleisch sagt:

    ein ausgezeichneter Text mit einigen Argumenten, die mir in dieser Deutlichkeit bei der Lektüre zu Köln bisher nicht untergekommen sind

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