Ein Fahrrad und einen Seidenrock habe ich mir gekauft – Kärntner Arbeitsmigrant*innen in der Schweiz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am 19. März 1956 wurde die „Vereinbarung über den Austausch von Gastarbeitnehmern zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und der Republik Österreich“ abgeschlossen. Diese Vereinbarung war eine Reaktion auf einen Prozess, der bereits Ende der 1940er Jahre eingesetzt hatte: die Arbeitsmigration von Kärntner*innen und Steirer*innen in die Schweiz. Die meisten von ihnen wurden durch Annoncen in der Kleinen Zeitung angeworben. Später kamen sie durch Mundpropaganda.

Auch aus meinem Dorf, der zweisprachigen Südkärntner Gemeinde Globasnitz/Globasnica, wanderte fast ein Zehntel der insgesamt 1.500 Einwohner*innen zwischen 1949 und 1962 aus. Viele Kinder im Dorf hatten in den 1970er Jahren – so wie ich auch – eine Tante oder einen Onkel in der Schweiz. Sie kamen in den Sommerferien mit Schokolade, Raclette und einer fremden Sprache. Die neue Sprache schuf Distanz zu ihrer ärmlichen Herkunft. Den slowenischen oder den deutschen Kärntner Dialekt sprachen nur mehr die wenigsten.

Für den Großteil war diese Übersiedlung nur von kurzer, saisonaler Dauer, doch einige sind geblieben. Sie arbeiteten neben den italienischen, jugoslawischen und türkischen „Gastarbeitnehmern“ – wie die Gastarbeiter in der Schweiz genannt wurden – vor allem im Kraftwerks- und im Tunnelbau, in der Landwirtschaft, in der Textilindustrie und im Gastgewerbe. Für das wirtschaftsschwache Kärntner Grenzgebiet bedeutete diese Arbeit – vor allem für die Frauen –  die Möglichkeit eines eigenen Verdienstes.

Eine meiner Tanten, die in den 1950er Jahren in die Schweiz ging, erinnert sich: „Es war das erste Mal, dass ich so weit weg war von zu Hause. Das war schon schlimm. Ich hab gedacht, ich bin am Ende der Welt. Ich hab am Anfang nichts verstanden. Ich hab aber trotzdem in meiner Sprache weitergeredet. Ich hab mich da nicht gefügt. Von meinem ersten Geld hab ich mir ein Fahrrad und einen Seidenrock gekauft“.

Was würde uns diese Geschichte in einem österreichischen Migrationsmuseum erzählen? Wohl einiges über den Druck der Aneignung einer neuen, dominanten Sprache und über den Verlust der alten. Aber auch von widerständischen Praktiken, sich die eigene Sprache nicht wegnehmen zu lassen.

Auch in der Schweiz werden – wie in Österreich – Wahlen mit dem Thema Zuwanderung gewonnen. In ein Migrationsmuseum gehört daher auch die aktuelle politische Auseinandersetzung mit diesem Thema. Denn Österreich versteht sich nach wie vor nicht als Einwanderungsland. Sichtbar wird das unter anderem daran, dass 15% der Menschen, die hier leben, nicht wählen dürfen.

Die Geschichte der Migration nach Österreich ist eine Geschichte von Diskriminierung und Exklusion. Aber auch eine des Kampfes dagegen. Diese Geschichte ist Teil unseres kollektiven Gedächtnisses und muss daher auch als Teil der österreichischen Geschichte verstanden werden. Den Seidenrock und das Fahrrad gibt es nicht mehr. Geblieben sind die Erinnerungen.

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Dieser Text wurde am 16. November 2019 im Rahmen der Ö1-Sendung “Diagonal – Radio für Zeitgenoss/innen” zum Thema “Das Diagonal Migrationsmuseum Österreich – eröffnet in Wien Favoriten” ausgestrahlt und ist noch bis zum 29. November 2019 nachzuhören auf: Ö1-Diagonal

Zugrunde liegt dem Text der gleichnamige Beitrag in der Ausstellung “Gastarbajteri. 40 Jahre Arbeitsmigration”

Zur Frage: “Welchen Beitrag können Migrationsmuseen für die Gesellschaft leisten?” diskutiert ebenfalls im Rahmen von Ö-Diagonal Vida Bakondy mit dem Leiter des Volkskundemuseums, Matthias Beitl und mit Negin Rezaie, Fellow am Volkskundemuseum.

 

 

 

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