Von der Kunst provoziert? Oder wieso Erinnerungskultur Kunst braucht.

Wie kann ich etwas sagen, für das es keine Worte gibt?
Wie kann ich Geschehnisse erlebbar machen, die schon vor Generationen passierten?
Und wie unterstütze ich Dialog, aber vermeide Vergessen?

Das 9. Dialogforum der KZ-Gedenkstätte Mauthausen widmete sich dieses Jahr der „künstlerischen Aufarbeitung des Nationalsozialismus“ und lud am 18. und 19. September zahlreiche RepräsentantInnen von Bildender Kunst, Literatur, Film sowie Musik und Theater zur Diskussion ein – nicht zuletzt um die Zusammenarbeit zwischen Kunst, Wissenschaft und Pädagogik zu unterstützen.

Kunst und NS-Erinnerungskultur gibt es schon so lange wie die Gräueltaten selbst, denn ästhetische Ablenkung wirkte auch damals als Gegengewicht zur Vernichtung: bspw. musizierten und dichteten (meist im Geheimen) Gefangene in Mauthausen, während sich TäterInnen in ihren Aufenthaltsräumen mit kitschigen Gemälden ablenkten. Aber auch nach dem Krieg half Kunst der Aufarbeitung traumatischer Erlebnisse, drückte Emotionen aus, die nicht in Worte gefasst werden konnten und ermöglichte Kommunikationschancen. Kunst provozierte Dialoge, zu denen es oft nicht gekommen wäre.

Vermittlungsprobleme

Doch heute, mehr als 70 Jahre nach der NS-Zeit fällt es PädagogInnen immer schwerer, der 3. oder 4. Nachkriegsgeneration das Thema näherzubringen. Gründe dafür können bspw. zeitliche sowie emotionale Distanz oder Angst vor Trauer und Fehlinterpretation sein. Es fehlt an Berührungspunkten. Wissenschaft und Pädagogik stoßen an ihre Grenzen. Doch Erinnerungskultur ist enorm wichtig – und zwar nicht nur für die Opfer und TäterInnen, sondern auch für die Gegenwart und Zukunft, als Prävention, um so etwas Schlimmes, unbeschreiblich Grausames nie mehr passieren zu lassen. Nie wieder!

Was Kunst kann

Kunst erlaubt mehr als eine Interpretationsmöglichkeit und ändert Sehgewohnheiten sowie Perspektiven ihrer BetrachterInnen. Sie dringt in die Öffentlichkeit, provoziert, kommuniziert und evoziert Diskurse im öffentlichen Raum. Sie darf Grenzen überschreiten, darf irritieren und stellt mehr Fragen, als sie Antworten gibt. Und genau diese Fragen ermöglichen dem Individuum eine eigenständige Auseinandersetzung mit der NS-Thematik, denn Antworten darauf können nur selbst gefunden werden. Andererseits setzt Kunst dort an, wo die Wissenschaft aufhört: Kunst vermittelt auf einer emotionalen Ebene und macht Erfahrungen wiedererlebbar – selbst wenn diese schon lange her sind. Diese Vergegenwärtigung schafft wiederum aktuelle Relevanz. Und Identifikation.

Beispiele künstlerischer Erinnerungsprojekte

Als bildende KünstlerInnen stellten Tanja Prušnik und Christian Gmeiner beim 9. Dialogforum der Mauthausen KZ-Gedenkstätte ihre künstlerischen Erinnerungsprojekte vor. Prušniks Großvater, Karel Prušnik-Gašper, war ein Kärntner Widerstandskämpfer, der sich während der NS-Gewaltherrschaft in den Karawanken verstecken musste. Diese Erlebnisse verarbeitete er in seinen Memoiren „Gämsen auf der Lawine“; Tanja Prušnik kreierte bei der Neuauflage das Cover, auf dem sie die Berglandschaft, in der sich die Kärntner Slowenischen PartisanInnen verstecken mussten, künstlerisch verarbeitete. Es folgten 2005 die Projekte UTOPIA_gnp2 und UTOPIA_gnp3, in welchen sie den BetrachterInnen die Relativität des Sichtbaren zeigen möchte – sie möchte den Blick öffnen.

Ein anderes Erinnerungsprojekt stammt vom Kremser Künstler Christian Gmeiner und trägt den Titel „Mobiles Erinnern“. Es handelt sich um eine 2 Meter hohe Stahlplastik, die einen Davidstern symbolisiert, und an insgesamt 40 Orten zwischen Budapest und Oberösterreich präsentiert wurde. Die Route ist dem „Todesmarsch“ nachempfunden, auf welchem unzählige ungarische Jüdinnen und Juden zu Kriegsende von den Wachmannschaften in Arbeits- sowie Konzentrationslager getrieben oder schon am Weg dorthin ermordet wurden. Das Gedenkobjekt löste bei der lokalen Bevölkerung gemischte Gefühle aus und provozierte zahlreiche Diskussionen. Manche erinnerten sich, manche verdrängten, manche erlebten Trauer, Hass oder Schuldgefühle. Eröffnungsreden, Symposien und ein Briefkasten direkt beim Gedenkobjekt unterstützten die Auseinandersetzungen. Das Projekt „Mobiles Erinnern“ fungiert somit als Intervention in der Gesellschaft, kommuniziert vor Ort und hilft dabei, Verdrängtes wieder in Worte fassen zu können.

Zur weiteren Lektüre

Neben dem Bereich der bildenden Kunst diskutierten und präsentierten auch KünstlerInnen anderer Gattungen, wie etwa der Literatur, Musik, Film und Theater, wertvolle Erinnerungskultur-Projekte beim 9. Dialogforum des Mauthausen Memorials. Mehr Informationen zur Tagung sind auf der Website der Gedenkstätte zu finden. Zur weiteren Lektüre und Auseinandersetzung mit künstlerischer Erinnerungskultur empfahlen die Literaten und Literaturwissenschaftler Vldadimir Vertlib, Matthias N. Lorenz und Christian Angerer bspw. folgende Werke:

·      Tamar Radzyner: Nichts will ich dir sagen. Gedichte und Chansons. Theodor Kramer Gesellschaft.

·      Ruth Klüger: weiter leben

·      Imre Kertesz: Roman eines Schicksallosen

 

Abbildung 1: Kunstprojekt von Christian Gmeiner: STALAG XVIIN in Krems Gneixendorf, ehemaliges NS-Kriegsgefangenenlager, 2000

Abbildung 2: Tanja Prušnik, UTOPIA_gnp2/gnp3, seit 2005

Abbildung 3: Christian Gmeiner: Mobiles Erinnern, 2004-2008

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