Wenzgasse 12, April 2016, oder Versuch, meinem Sohn das Haus seines Urgroßonkels zu erklären

Die Brüder Robert, Julius und Richard Beer, geboren respektive 1881, 1884 und 1892, die ersten beiden noch in Mähren, der jüngste dann bereits in Wien, erbten von ihrem Vater zahlreiche Gummifabriken, sie waren also Unternehmer, spezialisiert auf Gummisohlen, später –reifen und -waren aller Art. Erfolgreiche Fabrikanten, aus einer der aufstrebenden, assimilierten jüdischen Familien, wie sie für das Wien der Jahrhundertwende bis weit in die Zwischenkriegszeit typisch waren. Zu diesem gesellschaftlichen Aufstieg gehörte nicht nur die Übersiedlung in die Hauptstadt, sondern auch die Aneignung eines fortschrittlichen kulturellen Habitus. Ich weiß nicht, ob mein Großvater und seine Brüder Theater- und Konzertabonnements besaßen, der eine jedenfalls unterstützte frühe Stummfilmproduktionen, wenn auch weniger aus mäzenatischen, als aus erotischen Motiven. Aber das ist eine andere Geschichte.

Zu diesem neuen kulturellen Habitus gehörte es auch, sich – wie im Falle der vernünftigeren Brüder Robert und Richard – die repräsentativen Wohnungen vom damals modernen, ebenfalls jüdischen Architekten Josef Frank einrichten zu lassen. Der unvernünftigere Bruder, der wohl gerne etwas über die Verhältnisse eines Gummisohlenfabrikanten lebte, aber ließ sich von Josef Frank ein eigenes Haus bauen: das Haus Beer in der Wenzgasse 12, Wien-Hietzing. josef-frank-haus-beer-wenzgasse-wienDas war 1929, doch bereits wenig später müssen die Bauherren, also Großonkel Julius samt Familie, schwer verschuldet zuerst Teile, dann das gesamte Haus vermieten, später verkaufen. Bereits Mitte der 30er Jahre ist der Traum von der Villa ausgeträumt, von Arisierung kann also keine Rede sein, es ist eine ganz normale Geschichte von Größenfantasien und finanzieller Selbstüberschätzung eines aufstrebenden, dann politisch diskriminierten jüdischen Fabrikanten. Warum erzähle ich das also?

Im Rahmen der MAK-Ausstellung „Josef Frank. Against Design“ wird die derzeit leerstehende Villa erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, Großonkel Julius‘ überdimensioniertes Wohnhaus wird als „Meisterwerk der Zwischenkriegsmoderne“, als „Baujuwel“ bezeichnet, das will ich sehen, da kann ich meinem Sohn ein bisschen was erklären über die Familiengeschichte, die er nicht kennt. Die Villa ist großzügig, leer, etwas heruntergekommen, elegant. Mein Sohn findet das alles fantastisch aufregend, stell dir vor, Mama, wenn der Onkel das Haus noch hätte, dann könnte ich jetzt hier meine Cousins besuchen, wäre das nicht toll!
Es gibt eine Hausführung, bei der auch erzählt wird, dass Josef Frank 1933 nach Schweden emigrierte, die Bauherren Julius Beer und Familie 1938 nach England, später nach Amerika, allerdings nur mit zwei ihrer drei Kinder. Was nicht erzählt werden kann, ist, dass die dritte Tochter, Elisabeth, als kleines Mädchen Kinderlähmung hatte, von der sie eine schwere Behinderung davontrug, weshalb sie 1938 kein Visum in das rettende Ausland bekam. Julius und seine Frau Grete entschieden, mit den beiden anderen Kindern zu emigrieren, Elisabeth wurde versteckt, gefunden und 1942 in Maly Trostinec umgebracht. Großtante Grete soll, so sagt es die Familiengeschichte, darüber verrückt geworden sein.
Gehört das auch noch zur Geschichte des „Baujuwels“? Müssten wir das an einem sonnigen, der Architekturgeschichte gewidmeten Nachmittag im April 2016, erzählen, wenn es darum geht, warum der etwas größenwahnsinnige Großonkel nicht in der nach ihm benannten Villa wohnen geblieben ist und das mit den Cousins im großen Hietzinger Garten leider nichts wird?

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