Das Parlament der Unsichtbaren

Viele von uns sind fassungslos, angstvoll oder wütend in diesen Wochen zwischen der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA und der möglichen Wahl von Norbert Hofer zum österreichischen Präsidenten, umgetrieben von Fragen, denen wir nun nicht mehr ausweichen können, konfrontiert mit Mehrheiten, die wir so wohl nicht erwartet haben. Mehrheiten, die wir vor allem nicht mehr als irregeleitet, als „rechten Rand“ abqualifizieren können. Das ist kein Rand mehr, das ist eine breite Mitte. Was also?

Einer, der versucht, nicht nur Antworten zu geben, sondern auch mit seinen Arbeiten gegenzusteuern, ist der französische Historiker Pierre Rosanvallon. Und weil ich auch nichts Besseres weiß in diesen Wochen, möchte ich einfach einen Auszug aus seinem neu erschienenen Essay „Das Parlament der Unsichtbaren“ hierherstellen. Es ist ein Text, dem ich in diesen Wochen und darüberhinaus in allen Mehr- und Minderheiten so viele Leser_innen wie möglich wünsche. Vielleicht hilft es ja.

Das Land fühlt sich nicht vertreten.

Am stärksten betroffenen sind gewiss die bescheidensten und einfachsten Menschen. Aber das Problem ist viel allgemeiner und gilt für alle Teile der Gesellschaft. Es untergräbt die Demokratie, wenn die vielen leisen Stimmen ungehört bleiben, die ganz gewöhnlichen Existenzen vernachlässigt und die scheinbar banalen Lebensläufe missachtet werden, wenn es keine Anerkennung für jene Initiativen gibt, die abseits des Scheinwerferlichts stattfinden. Die Lage ist alarmierend, denn auf dem Spiel steht sowohl die Würde der Individuen als auch die Lebendigkeit der Demokratie. Als Teil einer Gesellschaft zu leben, heißt in der Tat vor allem zu wissen, dass die eigene Existenz in ihrer Alltäglichkeit wahrgenommen wird.

Leben, die nicht erzählt werden, sind Leben, die wertlos gemacht, geleugnet und im Grunde verachtet werden.

Dieses Nicht-Vorhandensein macht die eigenen Lebensumstände doppelt schwer. Unsichtbar zu sein – denn darum handelt es sich – hat zuallererst einen Preis für die Individuen selbst. Denn ein Leben, das im Dunkeln bleibt, ist ein Leben, das nicht existiert, ein Leben, das nicht zählt.  Repräsentiert zu sein hingegen, bedeutet – im wörtlichen Sinn – den anderen präsent gemacht zu werden. Es bedeutet, relevant zu sein und in der Wahrheit und Besonderheit der eigenen Lebensverhältnisse erkannt zu werden. Nicht bloß auf eine ununterscheidbare Masse oder eine Kategorie reduziert zu werden, die die Realität mit einer klingenden Floskel, einem Klischee oder einer Stigmatisierung karikiert und verschleiert (die Vorstädte, die Problemviertel, die Bobos, etc.). Die Sehnsucht nach einer gerechteren Gesellschaft ist demzufolge heute untrennbar mit dem Wunsch nach Anerkennung verbunden.

Die Unsichtbarkeit hat auch für die Demokratie ihren Preis.

Sie überlässt das Feld einer mit Abstraktionen gesättigten politischen Sprache, die keinen Zugriff mehr auf das wirkliche Leben hat und mehr und mehr in die Ideologie abgleitet, das heißt, in die Konstruktion magischer Scheinwelten. Die Unsichtbarkeit nährt so die wachsende Enttäuschung angesichts des Politischen. Dann ist die Versuchung für die Bürger groß, sich von den antipolitischen und populistischen Bewegungen verführen zu lassen, die vorgeben, selbst die echten Sprecher der Namenlosen und die wahrhaften Verteidiger missachteter Würde zu sein. Aber „das“ Volk, das dann angerufen wird, um all diese Nicht-Vorhandenen, diese den Mächtigen unbekannte Welt wieder in ihre Rechte einzusetzen, ist nur scheinbar ein Wesen aus Fleisch und Blut. Dieser verbale Kraftakt ist nichts weiter als ein Ausdruck aufgestauter Ungeduld und Wut, eine gebieterische Bezeichnung für eine gerechtfertigte Frustration, die diese aber nur verstärkt, statt sie zu begründen. Sie bringt Erwartungen und Zurückweisungen zum Ausdruck, deren Ursachen und genauen Triebkräfte in einem verwirrten, globalisierten Protest aufgelöst werden. Die Anrufung eines einheitlichen, undifferenzierten Volks macht diese Miss-Repräsentation zwar zum Thema, formuliert aber keinerlei positive Bedingungen für eine Anerkennung und Darstellung, die  der sozialen Realität gerecht werden würden. Sie begnügt sich damit, die vergessenen Massen in einer stummen und ohnmächtigen Wut der Arroganz und Teilnahmslosigkeit der Führenden entgegenzustellen.

Es ist also von äußerster Dringlichkeit, sich an die Entzifferung der Gesellschaft zu machen, um ihr wieder ihre Würde und gleichzeitig der Demokratie eine neue Grundlage zu geben.

Es geht darum, dem Wort „Volk“ wieder Konsistenz zu geben, und es in seiner Lebendigkeit zu erfassen. Zu zeigen, dass dieses Wort nur im Plural existiert, dass es nur in seiner Vielfalt und Komplexität begriffen werden kann. Wir müssen daher zur Vielzahl der Existenzen und der Erfahrungen zurückkehren, die uns die alltägliche Wahrheit und die Widersprüche dieses Worts vor Augen führen.

Pierre Rosanvallon ist Historiker und seit 2001 Professor für Neuere Geschichte am Collège de France und Directeur d’Etudes an der EHESS, er ist auch einer der wichtigsten Theoretiker der kollektiven Selbstverwaltung, die vor allem von der Gewerkschaft CFDT gefordert wurde. Die deutsche Übersetzung (von Irene Jancsy und Jessica Beer) ist dank des Engagements von Ernst Schmiederer in seinem Verlag importundexport erschienen.

Foto: Pierre Rosanvallon [©Jérôme Panconi / Ed. du Seuil]

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