Ich, meine Kinder und das Slowenische zwischen Kärnten und Wien – persönliche Betrachtungen

Als in Kärnten geborene, slowenisch und deutsch Sprechende, die nach dem Studium in Wien geblieben ist und hier Kinder bekommen hat, stellte ich mir gar nicht die Frage, wie ich mit meinen Kindern sprechen wollte. Ganz logisch und wie mir der Schnabel gewachsen ist: im slowenischen Rosentaler Dialekt.

Die spärlichen Gedanken dazu vervielfältigten sich rasant durch die bloße Tatsache, dass ich mit meinen Kindern in der Öffentlichkeit Slowenisch sprach und spreche. Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich und da wurde mir erst klar, wie viele politische „Rucksäcke“ ich seit Jahren mit mir herumtrage. Mit der slowenischsprachigen Erziehung meiner Kinder habe ich mir ganz viel Kärnten in mein Wiener Wohnzimmer geholt. Was sich oft angenehm vertraut und wohlig anfühlt, ist mindestens genauso oft befremdlich. Die „Distanz zu Kärnten“ wurde, gemeinsam mit dem „starken Bewusstsein“  zur Kärntner slowenisch/deutschen Vergangenheit (Cornelia Kogoj), ein ständiger Begleiter.

Ein paar Beispiele

Da gab es ein einfaches Schuleinschreibungsformular, welches mir, ausgehändigt von der Direktorin, die Entscheidung über nur eine Muttersprache meines Kindes abverlangte. Es war für mich im ersten Moment ein politischer Affront und eine Kampfansage:

Ich: „Meine Kinder sind ZWEIsprachig, was schreibe ich da jetzt hinein?“
Direktorin: „ Ach, wenn das Kind eh auch Deutsch kann, dann schreiben sie Deutsch hinein.“
Ich: „Aber sie sind gleichwertig zweisprachig.“
Direktorin: „Für zwei Sprachen ist da aber kein Platz.“

Ist es nur schlichtes Bürokratentum? Ignoranz? Unwissenheit? Wie viele Menschen gibt es seit jeher in Wien – dem Schmelztiegel der Nation – die mehr als eine Mutttersprache sprechen? Formulare bleiben gleich – egal, ob sie die Realität widerspiegeln oder nicht.

Ein andermal in der Schule: Eine Lehrerin, empfiehlt meiner Tochter auf dem statistischen Beiblatt des Wiener Lesetests „Deutsch“ als Muttersprache zu schreiben.

Meine Tochter: „Ich spreche aber Slowenisch mit meiner Mutter.“
Lehrerin: „Macht nix, aber du sprichst sehr gut Deutsch, also schreib lieber Deutsch.“

Kann es einfach nur Dummheit sein, oder ist es doch auch in einer politischen Dimension zu sehen, dass hier von Personen unseres Bildungssystems politische Ignoranz, wenn nicht sogar Diskriminierung gelebt wird? Der Umkehrschluss für diese Beispiele ist: Kinder, die gut Deutsch sprechen, können keine andere Sprache als Muttersprache haben?

Beseelt von dem Gedanken, den Kindern gleichwertige Sprachkompetenzen zu ermöglichen, Situationen zu schaffen, in denen ein ebenbürtiges Gefühl für Sprachen entstehen kann, fühle ich mich noch zusätzlich mit den Kärntner (politischen) Rucksäcken beladen.

Einerseits ist da das fast krampfhafte Bemühen, nicht zu versagen: Meine Eltern und Großeltern haben „für das Slowenische“ gekämpft und geopfert, ich kann diese Sprache nicht fallen lassen. Andererseits: Meine Kinder sollen offen und frei von besagten politischen Rucksäcken einfach nur eine weitere Sprache von Beginn an lernen können.

Immer, wenn diese zwei Seelen in mir kämpfen, hole ich mir eine Situation von vor einigen Jahren ins Bewusstsein, als ich meine Tochter (damals vier Jahre) vom Kindergarten abholte und wir uns unterhielten, wie der Tag so war. Ein Kindergartenkind hört uns zu und fragt: „Warum redet ihr eine andere Sprache und nicht Deutsch?“ Reflexartig wollte ich schon loslegen und diesem kleinen Kind mit Worten wie „Das ist unser Recht! Es gibt eine Volksgruppe in Kärnten, …“ antworten. Meine kleine Tochter kam mir zuvor und antwortete genial einfach und entwaffnend:

Weil wir es können!

 

Fotos: Katja Weiss

7 Antworten

  1. Jochen Kuhla sagt:

    Auf solchen Missverständnissen wachsen Konflikte. Für eine Sprache muss ich mich nicht schämen. Ich habe auch keinen Grund dazu, stolz auf sie zu sein. Es ist anerkennenswert, wenn jemand mehrere Sprachen beherrscht. Allseitige Bewunderung, wenn die Kenntnisse brillant sind. „Muttersprache“ ist keine Qualitätsangabe, sondern bezeichnet die zuerst – meist von der Person mit den höchsten Kontaktzeiten – erlernte Sprache. Muttersprache kann auch hinter Bedeutung und Beherrschung einer Zweitsprache zurücktreten. Selbst bei gleichwertig mehrsprachigen „Müttern“ hat eine Zunge in der Regel das Übergewicht. Wenn nicht, ja dann muss in Formularen mit einer Angabemöglichkeit letztlich eine Entscheidung getroffen werden. Die darf dann doch aber beruhigt „Slowenisch“ sein. Warum denn nicht? Diese Antwort beweist in keiner Weise, dass der Ausfüller die deutsche Sprache nicht beherrscht. Eine Schande ist es schon zweimal nicht. Also: Abkühlen! Es gibt keinen Grund, die Diskriminierungskeule auszupacken.

  2. Daniela Kocmut sagt:

    Draga Katja, danke für diesen Artikel und die aufrichtigen Worte! … hvala za članek in za iskrene besede! V našem mulitkulti svetu moramo biti samozavestni kot so tudi druge etnične skupine, za katere je samoumevno, da govorijo svoj jezik, dva jezika, več jezikov … in to gre samo, če naš jezik in kulturo posredujemo svojim otrokom in jim damo možnost, da so od malega dvojezični, večjezični … tako tudi jaz upam, da mi to dobro uspeva z mojo malo hčerko … vse dobro tebi in tvoji družini …

  3. Mistelbauer sagt:

    Hallo Katja!
    Ich verstehe deine Probleme sehr gut. Bei mir ist es genau „umgekehrt“. Ich bin geborener Wiener und „assimilierter“ 🙂 Kärntner „Beuteslowene“. Auch ich spreche mit meinen Kindern seit ihrer Geburt Slowenisch! Die Antwort deiner Tochter gefällt mir sehr gut: Weil wir es können. Vor einigen Jahren gab es auch den Spruch: „Več znaš, več veljaš“. ( frei übersetzt:Umso mehr du kannst, umso besser!) Gott sei Dank hat sich die Situation in den 27 Jahren in denen ich jetzt in Kärnten lebe deutlich gebessert. Leider gibt es aber noch immer genug „Vorurteile“ bzw. wird „Slowenisch“ manchmal als etwas Minderwertiges betrachtet.
    Lep pozdrav iz Šentprimoža
    Michael Mistelbauer

  4. Ich beglückwünsche Sie zu Ihren zwei österreichischen Sprachen und Ihrem Töchterchen. Traurig bin ich über die Leute, die Ihnen „von oben“ empfehlen, „‚einfach“ Deutsch anzugeben. Ich hatte gehofft, dass das Kärntner Bewußtsein heute schon ein bißchen weiter entwickelt ist. In meiner Familie ist das Burgenlandkroatische „abgerissen“, weil die Urgroßmutter nicht wollte, dass die Kinder die Dienstbotenschproch Krowodisch lernen. Sehr freundliche Grüße

    • Katja Weiss sagt:

      Danke für Ihren Kommentar. Ich hatte auch gehofft, dass das Wiener (!) Bewußtsein heute schon ein bisschen weiter ist, da meine Kinder ja in Wien in die Schule gehen….

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