„Aber es ist noch nicht alles getan“ Van der Bellens Entschuldigung ist ein Versprechen

Am 10. Oktober 2020 wurde in Kärnten/Koroška das 100-jährige Jubiläum der Kärntner Volksabstimmung begangen. Bundespräsident Alexander Van der Bellen sprach bei der Veranstaltung historische Worte und entschuldigte sich bei den Kärntner Slowen*innen für das bisher erlittene Unrecht:

„Ich möchte den Artikel 8 der Österreichischen Bundesverfassung noch einmal in Erinnerung rufen. Darin bekennt sich die Republik Österreich zu ihrer gewachsenen, sprachlichen und kulturellen Vielfalt, die in den autochthonen Volksgruppen zum Ausdruck kommt. Sprache und Kultur, Bestand und Erhalt dieser Volksgruppen sind zu achten, zu sichern und zu fördern. Haben wir uns immer daran gehalten? Haben wir unsere sprachliche und kulturelle Vielfalt gelebt und deren Erhaltung immer entschlossen gesichert und gefördert? Leider muss ich zugeben: Nein, das war nicht immer der Fall. Vieles ist erst nach langem Drängen, spät, sehr spät erfolgt. Für das erlittene Unrecht und für die Versäumnisse bei der Umsetzung von verfassungsmäßig gewährleisteten, garantierten Rechten, möchte ich mich hier und heute als Bundespräsident bei Ihnen, liebe Angehörige der slowenischen Volksgruppe, entschuldigen. Kot zvezni predsednik bi se vam želel iskreno opravičiti za krivice in zamude pri uresničitvi vaših ustavnih pravic.“

Die deutlichen Worte haben überrascht und berührt. Viele haben diesen wichtigen Ausschnitt aus der Rede auf Sozialen Medien geteilt, die Zeitungen in Slowenien und Kärnten/Koroška titelten damit. Die Entschuldigung war Balsam für die Seele und vermittelte, dass jahrzehnte- und jahrhundertelange Diskriminierung nun tatsächlich als solche gesehen und empathisch anerkannt wird.

Für die politische Dimension der Aussage ist jedoch ebenso bedeutend, was danach folgte. Van der Bellen setzte nämlich fort: „Aber es ist noch nicht alles getan. Volksgruppenpolitik muss immer weiterentwickelt werden, in jedem Land der Welt. Sie muss den aktuellen Lebensbedingungen und Bedürfnissen angepasst werden.“

Für das Fortbestehen der Kärntner Slowen*innen ist dieser Teil der Rede im Grunde der bedeutsamere. Für Kärnten/Koroška bedeutet er, dass in Zukunft nicht nur der Status quo erhalten wird, sondern die Sprach- und Kulturpolitik weiterentwickelt werden kann. Noch fehlt in Kärnten/Koroška bei der Mehrheitsgesellschaft die Einsicht, dass auch sie dafür zuständig ist, noch steht eine radikal andere Geschichtspolitik und Erinnerungskultur in Kärnten/Koroška aus. Die Rückkehr der slowenischen Sprache in die Öffentlichkeit muss auch von Deutschsprachigen aktiv unterstützt werden. Das Slowenische müsste in alle bedeutenden Lebensbereiche Einzug halten können, sei es in der durchgängigen Bildung, der topographischen Beschilderung in allen Dörfern und Städten im Land, in der durchgängigen Verwendung beider Landessprachen bei öffentlichen Auftritten, auf Formularen und immer wieder auch in den Mehrheitsmedien. Nur so kann eine tatsächliche Gleichstellung der beiden Sprachen gelingen. Andrina Mračnikars aktuelles Filmprojekt Verschwinden/Izginjanje legt nahe, dass der Verlust des Slowenischen nur dann aufgehalten werden kann, wenn es ein mutiges Bekenntnis zur Zweisprachigkeit in der ganzen Region geben wird.

Die Anpassung an aktuelle Lebensbedingungen, wie sie Van der Bellen angesprochen hat, müsste schließlich auch eine Ausweitung auf andere Teile Österreichs bedeuten. Immer mehr Angehörige der slowenischen Volksgruppe leben, wie auch andere Minderheitenangehörige, in den Städten Graz und Wien. Burgenländische Kroat*innen fordern Möglichkeiten der Bildung und Bewahrung ihrer Sprache deshalb schon seit Jahrzehnten auch außerhalb des Burgenlandes/Gradišće.

Es ist noch nicht alles getan. Danke/hvala, Herr Bundespräsident, für diesen Teil Ihrer Rede!

Die gesamte Festveranstaltung gibt es zur Nachsicht auf der Website der Kärntner Regionalmedien


Jana Sommeregger, geboren in Klagenfurt/Celovec, ist Lehrerin in Wien/Dunaj. Sie ist seit 2008 im Vorstandsteam der Initiative Minderheiten tätig.

 

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