Danse macabre

Dann tritt er auf.

Der Kameraschwenk vom Doppelbild auf sein Gesicht gleicht der Erfüllung einer Bestimmung. Was das Publikum darauf zu sehen bekommt, kann nicht in Begriffen der Physiognomik wiedergegeben werden, obwohl diese gewöhnlich den Wortschatz der Fernsehunterhaltung bilden. Die Öffentlichkeit kennt das Gesicht viel zu gut, um es rein nach ästhetischen oder phänotypischen Kriterien zu bewerten. Es ist ein Gesicht mit widersprüchlicher Geschichte, er war einst Person des öffentlichen Interesses.

Man hat ihn schon weinen sehen, nachdem sein „Lebensmensch“ als einsame Sonne untergegangen war, ohne ihn ein letztes Mal braun zu färben. Seine frei dahinfließenden Tränen gemahnten an nackte Menschlichkeit. Ebenso nackt war indes die Kälte der Gleichgültigkeit gewesen, mit der er gerade noch ein paar Monate zuvor auf menschliche Schicksale hinuntergeblickt hatte. Unvergesslich die höhnisch grölenden Lachfalten an diesen Augen, während er über die „Ausländer“ geschimpft und sich als Herr über deren Leben aufgespielt hatte. Später wiederum lauschte man den Worten der Läuterung, die aus seinem Munde zwar noch immer nach Hohn klangen, die man ihm aber gerne abkaufen wollte. Schließlich verschluckte ihn das schwarze Loch der nachlassenden Prominenz.

Jetzt lächelt er. Zugegeben, das ist wider besseres Wissen ein Mitleid erregendes Lächeln. Der Anblick des schlaksigen, unbeholfen wirkenden Mannes im roten Kostüm schreit geradezu nach Empathie: Man bemerkt, er ist nicht wie die anderen.

Dann bewegt er sich. Die Musik, die Bemühungen der Tanzpartnerin, die Mut klatschenden Studiogäste – all das hilft nicht weiter. Schon beim ersten Schritt dieses Mannes, der sich wie eine etwas zu groß geratene Puppe bewegt, stellt man fest: Er gehört nicht hierher. Dem ersten gesellen sich weitere Schritte dazu, die dafür konzipiert worden waren, Intervall und Rhythmus, Tempo und fließenden Ablauf darzustellen. Es entsteht aber etwas anderes. Es hat etwas vom Danse macabre an sich, den man von den mittelalterlichen Abbildungen kennt.

Das Mitleid verwandelt sich – wie bereits seit sieben Wochen Freitag für Freitag – in Verwunderung (darüber, dass er überhaupt …), die sich als Belustigung einen Weg durch den Gefühlsdschungel bahnt, um nicht in Melancholie auszuarten. Das Publikum grinst, ohne genau zu wissen, warum. „Des gibt’s net“ wird zu „Das habts ihr davon, wenn ihr den einladet“. Bald ist es ein Grinsen der Schadenfreude, dass es ihm passiert und nicht ihnen selbst, die unsichtbar vor ihren Geräten sitzen und ihm zusehen.

Bald jedoch ändert die Schadenfreude ihre Zielrichtung: „Gut, dass er es denen heimzahlt!“ Man bewundert nun den Mann – für seine Ausdauer, seinen Mut, seine Chuzpe. Er bietet denen die Stirn, die nur das Schöne, Hochstilisierte, Ästhetische loben. Denen, die für das Derbe, das Volkstümliche, Wahre und Gespürte nur Tadel oder Hohn übrighaben. Im Laufe des Tanzes, der nur einige Minuten dauert, verwandelt sich der Mann vom Objekt des Mitleids und der Belustigung in einen Volkshelden, für den man dann gleich auch anruft, um ihn bei der Punktwertung zu unterstützen, um ihn gegen diese Jury zu schützen, in der lauter „Fremde“ sitzen, die nicht einmal richtig Deutsch können – und das im österreichischen Gebühren-TV!

Er weiß es. Er hat es von Anfang an gewusst. Vielleicht war es kein exaktes Wissen, keine bewusste Taktik oder – wenn wir es wohlwollend betrachten – kein Kalkül. Aber jahrelange populistische und faschistoide Politik muss dem Mann ins Blut übergegangen sein. Er muss es nicht wissen, sondern ahnt es, schlimmer noch, er kann nicht anders, als diese Strategie in jeder Lage von Konkurrenz anzuwenden. Er spürt, das Publikum, sein Publikum, wird ihn darüber hinwegtragen, dass er in einer Tanzshow auftritt, obwohl er nicht tanzen kann und es ihm auch gar nicht ums Tanzen geht. Dieser Mensch hat eine andere Mission.

Ich sah letzten Freitag Stefan Petzner beim Tanzen zu und dachte an die blau-orange-türkise Politik in diesem Lande, an die regierende Politik in so vielen Ländern der Erde. Ich dachte an die lange und an Beispielen reiche Geschichte populistisch-bonapartistisch-rechter Politik.

Lassen wir es nur für einen Augenblick beiseite, welches Weltbild die unsägliche Tanz-Ratingshow namens „Dancing Stars“ kolportieren will, wie alle ähnlichen Formate auch: Naturalisierung des Wettbewerbs und der Subjektoptimierung in einer langwierigen Kampfhandlung; Forcieren der Illusion, dass wir alles erreichen können, wenn wir es nur wollen; schließlich die bunte Welt des Glitzers und Glamours, in der alle Unterschiede durch den Zauber des Tanzes aufgehoben werden, usw. Das ist allzu bekannt, sehen wir eben für einen Moment davon ab. Was Stefan Petzner in dieser Show sieben Wochen lang geliefert hat, ist ein Sinnbild jener Politik, die gemeinhin „Rechtspopulismus“ genannt wird.

„Ich bin nicht Teil des Systems“: Seine Performance war, sachlich gesehen, miserabel. Er nahm das ganze Regelwerk wie hartes Training, Kritisierbarkeit und Lernfähigkeit ostentativ nicht ernst und demonstrierte dies auch durch Aktionen wie das Nichterscheinen beim Besuch eines Jurors im Trainingsstudio.

„Ich vertrete das Volk, über mich kann nur das Volk urteilen“: Petzner deutete in den ersten Wochen noch einen Lernwillen an, reagierte aber bald zuerst gekränkt, dann offen angriffslustig auf die Kritik. Allmählich spürte er, dass die Bewertung der Jury nicht das letzte Wort in diesem Spiel bedeutete und dass er mit dem Publikumsvotum weiterkommen würde.

„Elite gegen Volk“: In der letzten Show, wo er noch auftreten durfte, hörte er schließlich der Kritik mit steinerner Miene zu, sagte zu der „Russin“ und zum „Ungar“ ganz offen, dass ihr Urteil ihm egal sei und er nur für sein Publikum tanze. So wurde die Jury nicht nur entwertet, sondern auch zur verhassten Elite abgestempelt, wie im Jargon aller Rechtspopulisten üblich. Petzner schuf zugleich ein „Volk“, das – wie die meisten Populismusforscher_innen betonen – keine empirische Entsprechung hat und nur nach dem Belieben des Populisten existiert: „Das Volk sind die, die für mich voten.“

„Sie betrachten mich und das Volk als ihren Feind“: Während er der professionellen Jury seine Missachtung zeigte, vollzog Petzner die klassische „Lastumkehr“ und stilisierte sich zum Opfer der Jury (der Elite). Er verlangte Liebe statt Hass und Feindseligkeit, um im gleichen Atemzug die Juror_innen zu seinen Feinden zu erklären.

„Mir geht es um die guten Taten, nicht um die eigenen Interessen“: Auf die Frage, was er nächste Woche zeigen würde, wenn er weiterkomme, antwortete er mit verklärtem Blick: Er wolle eine Show zusammenstellen mit den Liedern seines Idols Udo Jürgens. Er wolle die Bewunderung für diesen Mann mit seinem Publikum teilen. Darum habe er überhaupt beim Ganzen mitgemacht – nicht um zu gewinnen.

Dann schied Petzner aus. Auch das Publikumsvoting brachte ihn diesmal nicht weiter. Er blickte zum Abschied in die Kamera mit derselben Kälte in den Augen, mit der er einst nebst seiner „Sonne“ angekündigt hatte, Kärnten „tschetschenenfrei“ machen zu wollen. Wer glaubte, diesem Blick würde ein Zusammenbruch in Tränen folgen, wurde Lügen gestraft. Petzner packte die beiden Moderator_innen, zog sie samt Mikrofon an sich und sprach sein Publikum direkt an: „Schauts aufeinander und auf den ORF!“ Was er uns damit wohl sagen wollte?

Angeblich zeigte er dann der Jury, fürs Publikum nicht sichtbar, den Stinkefinger und trat ab.

Bild: Ausschnitt eines Ölgemäldes aus dem 18. Jh. über Totentanz. WELLCOME IMAGES, LONDON/ CC BY 4.0

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