Erinnerungsgemeinschaften an den Nationalsozialismus in Kärnten/Koroška

In Kärnten/Koroška treffen zwei Erinnerungsgemeinschaften aufeinander, die sehr unterschiedliche Erinnerung an den Nationalsozialismus pflegen:

Auf der einen Seite steht die hegemoniale Erinnerung an den Abwehrkampf von 1920 und die Übergriffe der Partisan_innen auf deutschsprachige Familien bzw. Kollaborateur_innen der Nazis. Auf der anderen Seite stehen slowenischsprachige Familien und ihre Nachfahr_innen, die aufgrund ihrer Sprache verfolgt und deportiert wurden oder im Widerstand aktiv waren. Diese pflegen seit 1945 ein aktives Gedenken an die Opfer des NS.

Studie der Universität Klagenfurt/Celovec

Diese besondere regionale Situation von zwei konträren Erinnerungsgemeinschaften steht nun im Fokus einer bemerkenswerten Publikation: Vier Wissenschaftler_innen der Universität Klagenfurt/Celovec, Nadja Danglmaier, Andreas Hudelist, Samo Wakounig und Daniel Wutti, haben eine empirische Studie durchgeführt, die danach fragte, wie gegenwärtige Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus in der Schule aussehen bzw. aussehen sollten. Und kamen zu einem wichtigen Schluss: die zwei Fronten zwischen slowenisch- und deutschsprachigen Erinnerungsgemeinschaften weichen in Schule (und Gesellschaft) langsam auf.

Das Buch „Erinnerungsgemeinschaften in Kärnten/Koroška“ geht aber auch ganz allgemein der Frage nach, wie Methodik und Didaktik über den NS gestaltet werden sollte, welche Ziele und Ausrichtungen die sogenannte Holocaust Education haben sollte und mit welchen Hindernisse und Schwierigkeiten die Institution Schule in diesem Zusammenhang konfrontiert ist.

Wie Erinnerung vermitteln?

Aufschlussreich sind die Interviews mit den Lehrer_innen, die aus ihrer Praxis berichten, ebenfalls bemerkenswert ist das Kapitel, in dem die Wissenschaftler_innen herausragende Schulprojekte zum Thema NS vorstellen.

Dabei wird immer von einem zeitgemäßen Ansatz ausgegangen. Allein das für die Publikation ausgewählte Cover-Foto des slowenisch-stämmigen Fotografen Stefan Reichmann zeugt von einem hohen Bewusstsein der Herausgeber_innen für die sich verändernden medialen Formen der Erinnerung: Es zeigt das 2015 errichtete zweisprachige (!) Denkmal im Burghof von Klagenfurt/Celovec, dem ehemaligen Sitz der Gestapo, das auf die Opfer des NS hinweist. Das Objekt wird von Jugendlichen mit ihren Smartphones fotografiert – und somit produktiv in ihren Lebensalltag aufgenommen.

 

Das Buch ist im Verlag Hermagoras/Mohorjeva založba erschienen: https://www.mohorjeva.com/knjige_buecher/detail/erinnerungsgemeinschaften-in-kaernten-koroshka

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