History must restore what slavery took away – Eine Untersuchung amerikanischer Museen

Auf vier ausgedehnten Forschungsreisen durch die amerikanischen Südstaaten, aber auch nach Chicago oder Washington D.C., haben Cornelia Kogoj und Christian Kravagna über 80 Museen besucht, die sich mit Schwarzer Geschichte in den USA beschäftigen.

Die Autor*innen waren zunächst von einer Frage geleitet, die sich aus der eigenen wissenschaftlichen und kuratorischen Praxis ableitet: der Frage nach der (Selbst)Repräsentation von unterdrückten Minderheiten in musealen Kontexten. Damit einher geht selbstverständlich auch die Frage nach einem kuratorisch kritischen Umgang mit jenen Dokumenten und Objekten, die diese Unterdrückung darstellen bzw. aus ihr entstanden sind – von den Werkzeugen und Schauplätzen grausamer Repression bis hin zu Karikaturen oder alltagskulturellen Gegenständen, die jene Repression verharmlosen.

So unterschiedlich wie ihre Größe, ihre Ursprünge, ihre Sammlungen und ihre Herangehensweisen, sind auch die politischen Intentionen, die sich mit den verschiedenen Museen verbinden. Es gehört zu den großen Vorzügen des „Amerikanischen Museums“, das es uns gewissermaßen auf eine Entdeckungsreise durch diese so breitgefächerte Museumslandschaft mitnimmt. Dem forschenden Blick der Autor*innen folgend, können wir sie auf ihrem Weg durch Community-Museen, Heritage-Center, Kunstausstellungen staatliche Civil Rights-Museen oder Plantagenmuseen begleiten und nachvollziehen, wie Urteile und Erkenntnisse im Angesicht von Exponaten und in Gesprächen entstehen oder aus diesen Erfahrungen auch revidiert werden müssen.

So offenbart sich erst anhand einiger kleinerer, aus Community-Initiativen entstandener Museen in Florida die wesentliche Funktion, die diese Orte im Kampf gegen die Gentrifizierung und gegen die Unterwerfung eines ganzen Landstrichs unter seine touristische Nutzung haben. Eine weitere spannende Erkenntnis ist die Tatsache, dass gerade jene Sammlungen und Präsentationen, die aus dem Bedürfnis Schwarzer Communitys entstanden sind, ihre eigene Geschichte zu dokumentieren, zu erzählen und weiterzugeben, niemals nur museale Orte sind: Es sind lebendige Bildungsorte, Gemeindezentren, Schulen, Treffpunkte, Cafés – öffentliche Orte, an denen die Alltagspraxis dieser Communitys heute stattfindet.

Am anderen Ende des Spektrums befinden sich, auch touristisch konzipierte, Großprojekte wie das 2016 eröffnete National Museum of African American History in Washington DC oder das National Civil Rights Museum in Memphis, die mit großen Budgets, ebensolchem Aufwand und dem Anspruch nationaler Repräsentation die US-amerikanische Geschichte (um)schreiben wollen. Oder auch jene Plantagenmuseen, die nicht die Geschichte der versklavten Menschen erzählen, die hier ausgebeutet und misshandelt wurden, sondern eine alte Südstaatenherrlichkeit zu restaurieren trachten.

Was diesem gut lesbaren Hybrid zwischen wissenschaftlicher Untersuchung und Reisebericht aber seine äußerste Relevanz verleiht, ist der politische Hintergrund, vor dem die beiden Autor*innen ihre Reisen unternommen haben. Zwischen 2015 und 2018, in den letzten Jahren von Barack Obamas Präsidentschaft und dem Beginn derjenigen von Donald Trump, konnten die besuchten Museen mit ihren unterschiedlichen Zugängen nur vor der Folie der brutalen Widerlegung der behaupteten post-racial society durch die gesellschaftliche Realität gelesen werden. Die polizeilichen Morde an Schwarzen Jugendlichen wie Michael Brown in Ferguson oder Tamir Rice in Ohio oder das rassistisch motivierte Massaker in der Kirche in Charleston 2015, aber auch Trumps gesamter Wahlkampf beweisen auf das deutlichste, dass race und rassistische Diskriminierung nach wie vor ebenso auf der Tagesordnung stehen wie der Kampf dagegen.

Und so wird die Frage, mit welchen Strategien des Sammelns, Ausstellens, Verhandelns und Vermittelns Museen an diesem Kampf teilhaben und welche Funktionen sie dabei erfüllen können, zur eigentlichen Frage, die die Lektüre des „Amerikanischen Museums“ aufwirft. Und die auch für uns geltende Erkenntnis, dass es darauf zwar nicht nur eine, sondern zahllose Antworten gibt, dass aber eine Definition des Museums als Ort, in den man eine problematische Geschichte abschieben kann, um sie abzuschließen, zweifelsohne nicht dazu gehört.

 

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