Sprache als Spiegel von Deutungshoheit

… so merkt man spätestens am Ende einer langen Studienzeit, dass man neben einem Berg Schulden zwar wichtige Analyseinstrumente und Terminologien zur Hand hat, aber nicht die relevanten „Gatekeeper“ kennt, um an die Orte zu gelangen, um dieses Wissen zu teilen und damit das kollektive Gedächtnis mitzugestalten. (Tunay Önder: „Ain’tegration – Work in Progress. Perspektiven aus dem migrantenstadl“, in Hill/Yıldız (Hg.): Postmigrantische Visionen, 224)

Dieser Satz von Tunay Önder fasst wie kein anderer die Essenz des Sammelbandes zusammen, dem er entnommen ist: Postmigrantische Visionen. Erfahrungen – Ideen – Reflexionen, erschienen als Band 1 der Reihe Postmigrantische Studien im August 2018 im Bielefelder Transcrpt Verlag. Als Herausgeber der Reihe und des Bandes zeichnen Marc Hill und Erol Yıldız verantwortlich, zwei aktuell an der Universität Innsbruck tätige Erziehungswissenschaftler und Soziologen.

In insgesamt 17 Beiträgen von WissenschaftlerInnen unterschiedlicher Disziplinen und KünstlerInnen analysiert der interdisziplinär angelegte Band auf 253 Seiten gesellschaftliche und politische Strategien von Exklusion, die sich gegen MigrantInnen und deren Nachkommen in zweiter und dritter Generation richten, und präsentiert wissenschaftliche sowie künstlerische Ansätze, diese Strategien sichtbar zu machen, verbunden mit dem Imperativ einer auf den Erkenntnissen aufbauenden zukünftigen Veränderung der analysierten Strukturen.

Den Anfang macht dabei die Einleitung von Marc Hill und Erol Yıldız (als einem von vier Beiträgen, die ganz oder teilweise von einem oder beiden der Herausgebern verfasst worden sind), die wie der übernächste Beitrag „Die postmigrantische Perspektive: Aushandlungsprozesse in pluraler Gesellschaft“ von Naika Foroutan zum einen die begrifflichen Grundlagen klären und den Begriff des Postmigrantischen kritisch in den Kontext konkurrierender Ansätze und Analyseperspektiven einordnen und zum anderen die gesellschaftliche Notwendigkeit eines Perspektivenwechsels im Sinne eines nachhaltigen Zusammenlebens darlegen. Den historisch-chronologischen Aspekt der Methodendiskussion skizzieren die folgenden Beiträge „Wann war ‚die Postmigration‘. Denken über Zeiten und Grenzen“ von Dirk Rupnow und die Ausführungen zum Weg „Vom methodologischen Nationalismus zu postmigrantischen Visionen“ von Erol Yıldız.

Zentral für das Verständnis der gesellschaftlichen und politischen Strategien von Exklusion und Inklusion im Umgang mit MigrantInnen und PostmigrantInnen sind die Beiträge von Regina Römhild („Konvivialität – Momente von Post-Otherness“), Mark Terkessidis („Komplexität und Vielfalt“) und insbesondere der Beitrag „Urbanität ist Mobilität und Diversität“ von Wolf-D. Bukow, der sehr präzise jene (nationalstaatlich definierten und implementierten) Mechanismen und Strategien der Exklusion an Fallbeispielen seziert und ihnen die historisch gewachsenen Inklusionsstrategien der Städte (man fühlt sich bei der Lektüre an den alten Satz von der Stadtluft, die frei macht, erinnert) als gesellschaftlich nachhaltigeres Prinzip gegenüberstellt, ein Ansatz, der anschließend nochmals in einer Zusammenschau in Marc Hills Beitrag „Eine Vision von Vielfalt. Das Stadtleben aus postmigrantischer Perspektive“ referiert wird. Gleichzeitig arbeiten die vier genannten Beiträge ebenso wie der von Jens Schneider („Generation Mix – der Versuch einer Annäherung“) heraus, wie sehr MigrantInnen im politisch-medial-öffentlichen Diskurs als pars pro toto fungieren im Kontext einer von Anti-Diversitäts-Strategien gekennzeichneten gesellschaftlichen Grundhaltung.

MigrantInnen-Biografien als museale Objekte und als Objekte postmigrantischer Forschungsprojekte stehen im Mittelpunkt der Beiträge von Karl C. Berger und Gerhard Hetfleisch („Endlich angekommen?“) sowie von Anita Rotter und Frauke Schacht („Bewegte Biografien in der postmigrantischen Gesellschaft“).

Den postmigrantisch-analytischen Blick auf Film, Architektur und Tanz richten die Beiträge von Müzeyyen Ege („Jenseits und diesseits der Grenzen. Transdifferente Verschränkungen in den Kinofilmen ‚Auf der anderen Seite‘ und ‚Almanya – Willkommen in Deutschland‘“), Stefanie Bürkle („Migration von Architektur. Eigenheime deutsch-türkischer Bauherren in der Türkei“) und Sandra Chatterjee („Kulturelle Gleichzeitigkeit – zeitgenössischer Tanz aus Postmigrantischer Perspektive“).

Die Beiträge von Azudeh Sharifi („Antirassistische Interventionen als notwendige ‚Störung‘ im deutschen Theater), Tunay Önder („Ain’tegration – Work in Progress. Perspektiven aus dem migrantenstadl“) sowie Marc Hill und Tunay Önder („Solo für Viele. Ein Hörerlebnis durch Innsbruck“) präsentieren im Schlussteil des Bandes postmigrantisch-offensive Kunstprojekte. Der unmittelbar auf die Einleitung folgende Text von Wladimir Kaminer *Wie die Syrer mit den Finnen schwitzten* hebt Migration (der Text kreist um die Fahrradüberquerungen der russisch-finnischen Grenze durch Geflüchtete im Herbst 2015) und den Blick auf Strategien von Integration, Inklusion und Exklusion auf eine literarische Ebene.

Dass Sammelbände wie der vorliegende gelegentlich auch Redundanzen aufweisen, liegt in der Natur von Sammelbänden begründet: Jeder Beitrag ist eine Einheit in sich. Dies tut den präsentierten Erkenntnissen jedoch keinen Abbruch.

Möchte man den Band aber in seiner Gesamtheit, also über die dargelegten Einsichten hinaus, begreifen, ist der Blick auf die Sprache der Beiträge unumgänglich. Wie keine andere Deutungsperspektive, die sich in den vergangenen Jahren zu etablieren versucht hat, arbeitet der postmigrantische Ansatz, und im speziellen der Herausgeber des vorliegenden Bandes, Erol Yıldız, mit Wortschöpfungen, die gängige Bedeutungszuschreibungen und damit verbundene Deutungshoheiten unterlaufen. Die intelligente Rückführung von Wörtern auf die Bedeutungen ihrer lexikalischen Elemente (z.B. „mehrheimisch“ im Gegensatz zu „einheimisch“) und die Beifügung von Vorsilben („ent-lernen“ in Parallelkonstruktion zu „ver-lernen“) sind nur zwei Beispiele dafür.

Lexikalischer und grammatikalischer Sprachusus bedeutet Deutungshoheit. Den Sprachusus zu durchbrechen, bedeutet die Deutungshoheit zu durchbrechen. In diesem Sinne könnte auch die Wahl der Titelillustration des vorliegenden Bandes interpretiert werden, die dem Theaterstück DOYÇLENDER: ALMANCI (Premiere 2015 im Wiener Werk X in der Inszenierung von Aslı Kışlal) entnommen ist: Im Deutschen hat man das sprichwörtliche Brett vor dem Kopf. Der gehende Mann im Anzug hat den Koffer vor dem Kopf.

Neben der Sprache mit ihren Neologismen sind es die netzartig ausgeprägten Bezugnahmen der einzelnen Beiträger auf einander (im Zentrum stehen hier Yildiz, Terkissidis, Foroutan und Bukow), die den Band kennzeichnen und die den Eindruck einer fast schon eingeschworen wirkenden Gemeinschaft von WissenschaftlerInnen und KünstlerInnen erwecken, die ein gemeinsames Anliegen in ihrem Forschungsfeld zusammenhält. Was die Frage aufwirft nach der Wirkung des Analysierten über die Grenzen des Forschungsfeldes hinaus. Schließlich endet jeder der Beiträge mit der Hoffnung, der Aufforderung, dem Hinweis auf die Notwendigkeit, die Perspektive auf das gesellschaftliche Zusammenleben im Sinne der erfolgten Analyse zu verändern.

Die Erfahrung zeigt aber, dass Apelle dieser Art meist nur jene erreichen, die bereits offen sind für die angedachte Veränderung, während eher in traditionellen Bahnen Denkende sich der Lektüre enthalten. Es ist meist die eigene Diversitätserfahrung die einen zum Leser von Bänden wie dem von Hill und Yıldız herausgegebenen macht.

Zu sehr reiben sich hier emotionale Befindlichkeiten aneinander: Während sich die einen mehr Diversität und Öffnung (also Inklusion) wünschen, empfinden andere dieses angedachte Mehr an Diversität und Inklusion als Bedrohung. Es würde Veränderung des Gewohnten bedeuten, und Veränderung macht meist jenen Angst, die sich in ihrem Hier und Jetzt aufgehoben fühlen, nicht nur materiell, sondern ebenso sehr sentimental-emotional, und die deshalb jede Veränderung in ihrem Lebensumfeld als eine von außen herangetragene Störung erleben, weil sie kein Bedürfnis nach Veränderung haben, und sie gilt jenen als Ausweg, die sich in ihrem Hier und jetzt aus welchen Gründen auch immer eingeengt fühlen.

Die Überbrückung dieser Kluft ist argumentativ kaum möglich. Den Versuch zu unternehmen, ist es trotzdem wert. In diesem Sinne kann man dem Band Postmigrantische Visonen von Marc Hill und Erol Yıldız nur viele Leser außerhalb des eigenen Forschungsfeldes als Multiplikatoren der präsentierten Erkenntnisse wünschen.

©2018

Marc Hill, Erol Yıldız (Hg.): Postmigrantische Visionen. Erfahrungen – Ideen – Reflexionen (= Postmigrantische Studien, Band 1). Bielefeld: Transcript Verlag 2018. 253 Seiten. ISBN 978-5-8376-3916-2 (Print),  ISBN 978-5-8394-3916-6 pdf zum runterladen

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