Steine der Erinnerung

Der Verein „Steine der Erinnerung” setzt seit 2005 Gedenksteine für jüdische Wienerinnen und Wiener, die in den Jahren 1938 bis1945 von den Nazis deportiert und ermordet worden sind, vor deren ehemaligen Wohnhäusern. Er erinnert auch an das jüdische Leben und an die reiche jüdische Kultur. Die Form, die gewählt wurde, sind im Pflaster eingelassene gravierte Messingplatten oder Wandtafeln an den Häusern.

„… for those whose lives had been brutally cut short“

Für viele Angehörige steht die Steinsetzung am Ende einer langen Auseinandersetzung mit dem Schicksal ihrer Lieben, die im Holocaust ermordet wurden. Die Steine werden für viele Familen zum symbolischen Grabstein und geben dem Gedenken einen realen Ort. Wir bemühen uns, einen würdigen Rahmen für die Einweihung der Steine der Erinnerungzu schaffen, bei dem die Angehörigen die Möglichkeit haben, auf ihre Weise zu gedenken. Die Eröffnungsfeiern finden bezirksweise und im öffentlichen Raum statt. Wir laden Bezirkspolitiker_innen ein, die aus der ganzen Welt angereiste Angehörige wieder in Wien willkommen heißen.

Eine solche Eröffnung fand im September 2017 vor dem Gymnasium Wasagasse im 9. Wiener Gemeindebezirk statt. Die erste Station von insgesamt vier war die Hörlgasse 3. Vor ihrer Eröffnung lag ein langer Weg. Die Urenkelin Barbara Robinson aus Schottland hatte uns gebeten, ihrer Urgroßmutter Flora Rosanes zu gedenken. Immer wenn wir eine Anfrage für ein Haus erhalten, recherchieren wir, ob in diesem Haus weitere Opfer gelebt haben.
In der Hörlgasse 3 stießen wir noch auf die Namen Alice und Bernhard Strassberg. Leider konnten wir nicht mehr Informationen über das Ehepaar Strassberg erlangen, als die Einträge in der Opferdatenbank des Österreichischen Dokumentationsarchivs des Widerstandes enthalten. Auch die Suche nach lebenden Angehörigen blieb zunächst ergebnislos. Als Verein sehen wir es als unsere Aufgabe, auch jener zu gedenken, die keine lebenden Verwandten haben. So fanden die beiden ebenfalls einen Platz auf der Wandtafel.

Die Hörlgasse 3 ist der Nebeneingang des Gymnasiums Wasagasse. Wir kontaktierten den Gymnasialdirektor Johannes Bauer, da wir immer bemüht sind, einen Kontakt zu den Hausbesitzer_innen herzustellen. Einerseits, um Bewusstsein für die Geschichte ihres Hauses zu schaffen, andererseits, um anzufragen, ob wir eine Wandtafel anbringen können, wie sie von manchen Angehörigen bevorzugt wird. Der Direktor unterstützte die Idee einer Wandtafel.
Das Gymnasium ist sehr engagiert in der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit des Hauses. In einem Schulprojekt wurde die Geschichte des Gymnasiums unter Anleitung der Haushistorikerin Renate Mercsanits mit den Schüler_innen aufgearbeitet. Viele Mitglieder des jüdischen Bürgertums besuchten vor 1938 das Wasagymnasium. Von 1938 bis 1945 befandensich in dem Gebäude die Gauleitung von Niederdonau und Büros der NSDAP. Durch unsere Recherchen konnte ein weiteres, bisher unbekanntes Kapitel zur Geschichte des Hauses hinzugefügt werden, und zwar, dass es im Schulgebäude auch Wohnungen gegeben hatte.

Die Schule erklärte sich gerne bereit, bei der Eröffnungsfeier mitzuwirken. Auch Schüler_innen beteiligten sich. Frau Robinson gestaltete mit ihren Kindern eine Gedenkzeremonie für ihre Urgroßmutter. Die Familie trug gemeinsam ein Gedicht von Flora Rosanes vor, und Frau Robinson erzählte über ihre Urgroßeltern.

Familie von Flora Rosanes vor dem Haus, in dem sie gelebt hat

Barbara Robinson (3. v. l.) und Nicola Stainton (2.v.r.), Urgroßenkelinnen von Flora Rosanes mit ihren Kindern und Enkelkindern | Foto: Ernst Fitzka.

Flora Rosanes wurde 1868 als Flora Ehrenzweig geboren und lebte mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in der Hörlgasse 3. Sie war Schriftstellerin und Poetin und brachte drei pazifistische Gedichtbände heraus.[1]
Ihr Mann Ignaz Rosanes war Direktor des K.k. Kronprinzessin-Stephanie Spitals in Wien Ottakring. Er stellte die erste Ärztin Österreichs, Gabriele Possanner, an und war ein Befürworter des Röntgenapparats. Er starb 1922.
Obwohl die meisten Mitglieder der Familie 1938 Visa beantragten, entschloss sich Flora, in Wien zu bleiben. Die Nazis zwangen sie, in eine Sammelwohnung in der Josefinengasse 4 zu ziehen, wo sie auf beengtem Raum mit vielen anderen Menschen leben musste, bis sie im Juli 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert wurde. Unter schwierigsten Bedingungen überlebte sie bis zum Mai 1944. Sie wurde nach Auschwitz deportiert und ermordet.
Wie wichtig die Eröffnung der Wandtafel für die Familie war, drücken am besten diese Zeilen von Barbara Robinson aus: „I felt we were all taking part in fulfilling an important right of passage for those whose lives had been brutally cut short.“

Zwei Monate später erreichte uns das folgende Email von Tony Grenville aus London: „Ich bin der Enkel von Bernhard Heinrich und Alice Strassberg, die vor ihrer Deportation nach Theresienstadt in der Hörlgasse im 9. Bezirk wohnhaft waren. Als ich vor Kurzem das Haus in der Hörlgasse besucht habe, war ich erstaunt und erfreut zu entdecken, dass eine Gedenktafel zum Andenken meiner Großeltern an der Fassade des Hauses angebracht worden ist.“
Er bot an, in der Schule über seine Großeltern und das Schicksal der Juden und Jüdinnen im Alsergrund zu sprechen. Frau Mercsanits aus dem Gymnasium nahm den Kontakt auf. Zum Jahrestag des „Anschlusses“ im März 2018 wird Tony Grenville die Schule besuchen.

Glänzende Steine statt dunkler Flecken

Unser Projekt hat zwei gleichwertige Aufgaben. Einerseits wollen wir Angehörigen von Opfern die Möglichkeit bieten, das ihnen und ihrer Familie angetane Unrecht ein Stück weit zu verarbeiten und ihnen einen Ort des Gedenkens geben. Andererseits möchten wir einen Teil zur Vergangenheitsbewältigung der Stadt beitragen. In Wien erinnerte lange sehr wenig an die jüdischen Mitbürger_innen und an das jüdische Leben. Erst ab den 1980er Jahren wurden große Denkmäler errichtet, die anonym aller Opfer gedachten. Diese boten wenig Bezugsmöglichkeiten zu den einzelnen Menschen und deren Schicksalen. Hier setzt unser Projekt an. Wir wollen die Menschen auf einer persönlichen Ebene ansprechen und dadurch Geschichte erfahrbar machen.
Das Projekt Steine der Erinnerungwurde 2005 von der Initiatorin Elisabeth Ben David-Hindler, ihrem Partner Karl Jindrich, den Freunden Vally Steiner und Ernst Fitzka und der Schwägerin Zahava Hindler ins Leben gerufen.
Elisabeth Ben David-Hindlers Onkel Efraim Levanon aus Israel hatte sie gebeten, eine Wandtafel im Gedenken an seine Eltern Armin und Margarethe Weisz an deren ehemaligem Wohnhaus anzubringen. Die Hausbesitzerin verweigerte ihr Einverständnis, und so wurden im Jahr 2005 die ersten Steine der Erinnerungvor dem Haus Porzellangasse 49A gesetzt und feierlich eröffnet.
Im Zuge der Erneuerung des Volkertplatzes im zweiten Wiener Gemeindebezirk 2005 ergab sich die Möglichkeit, hier eine Straße der Erinnerungzu setzen – ein symbolischer Weg, der 84 Frauen, Männern und Kindern aus dem Volkertviertel gedenkt.
Dieses Projekt schlug Wellen. Nachdem sich viele Angehörige meldeten, entschloss sich Elisabeth Ben David-Hindler, das Projekt weiterzuführen. Es sollte jedoch nicht nur einzelner jüdischer Menschen gedacht werden, sondern auch des jüdischen Lebens. So gedenken wir zahlreicher Vereine (z. B. Verein Esther für die Unterstützung armer jüdischer Bräute), Synagogen, Schulen, Waisenhäuser und vieler anderer Stätten des jüdischen Lebens. Mittlerweile gedenken wir auch Widerstandskämpfer_innen sowie Roma und Romnija.
Ein wichtiges Anliegen für uns ist die Verankerung der Steine der Erinnerung in der Wiener Bevölkerung. Von Anfang an haben sich viele Wiener_innen dem Verein verbunden gefühlt. Viele Menschen melden sich als ehrenamtliche Mitarbeiter_innen oder wollen Patenschaften für Menschen ohne Angehörige übernehmen. Auch Hausbewohner_innen und Hausbesitzer_innen initiieren Steine und Wandtafeln. Wir warten und reinigen die Steine regelmäßig. Bei unseren „Touren“ erfahren wir viel Zuspruch, und immer mehr Menschen pflegen die Steine in ihrer Umgebung zusätzlich.
Unser Projekt hat in den letzten zwölf Jahren zur Veränderung des öffentlichen Raums beigetragen. An 430 Stationen der Erinnerung in 15 Wiener Gemeindebezirken gedenken wir mehr als 1500 Menschen.
Es erreichen uns laufend neue Anfragen und wir setzen pro Jahr bis zu 40 neue Stationen. Besonders im 2. und 9. Bezirk sind die Steine mittlerweile Teil des Stadtbilds.
Wie die Gründerin des Vereins immer betonte: „Wir schreiben gemeinsam Geschichte von unten.“

[1] Im Schatten des Völkerhasses. Kriegsstimmungsgedichte (1915), Wunden, Narben und rankende Rosen (1915), Lebensfeier (1917). Alle drei Gedichtbände befinden sich in der Österreichischen Nationalbibliothek und in der Universitätsbibliothek Wien.

 

Kontakt:
Verein Steine der Erinnerung
Neulinggasse 13/12
1030 Wien
info@steinedererinnerung.net
www.steinedererinnerung.net

Patenschaften für Personen ohne Angehörige kosten einmalig €150,-.

Die nächste Steinsetzung findet am Sonntag, 27. Mai um 10:00 Uhr in der Haidgasse 3, 1020 Wien.

 

Daliah Hindler hat Kultur- und Sozialanthropologie studiert. Nach dem Tod ihrer Mutter Elisabeth Ben David-Hindler hat sie den Verein übernommen und ist nun dessen Generalsekretärin.

Matthias Beier hat Internationale Entwicklung studiert und ist langjähriger Mitarbeiter und technischer Koordinator des Vereins.

Dieser Text erschien in der Frühjahrsausgabe (Nr.106/2018) unserer Zeitschrift STIMME.

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