„Wir gedenken ununterbrochen“

Claudia Prutscher ist seit November 2017 Vizepräsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien und seit 2015 Vorsitzende der Kulturkommission. Im Gespräch mit Gerd Valchars spricht sie über das Jahr 2018, die Bedeutung und die Verantwortung des Gedenkens, den Umgang der IKG Wien mit der Regierungspartei FPÖ und warum sie sich persönlich 2015 in der Flüchtlingshilfe engagiert hat.

Das heurige Jahr 2018 gilt als Gedenk- und Erinnerungsjahr. Der sogenannte „Anschluss“ Österreichs im März 1938 aber auch die Novemberpogrome 1938 jähren sich zum 80. Mal …

… das Ende des Ersten Weltkriegs 1918, 70 Jahre Israel, die Staatsgründung 1948 … Wir haben ein unbeschreibliches Jahr vor uns oder sind schon mitten drinnen.

Welche Bedeutung haben solche Gedenk- und Erinnerungsjahre für Sie und für die jüdische Gemeinde?

Natürlich stellt das Novemberpogrom für uns einen besonderen Anlass dar. Dazu sind heuer auch größere Veranstaltungen als sonst geplant. Auch die Jugendkommission wird sich einbringen, weil das ein Thema ist, das auch die Jugend beschäftigt. Wir gedenken ja eigentlich ununterbrochen. Weil diese Ereignisse in vielen Familien ohnehin ständig präsent sind ‒ über die Familienmitglieder, die nicht mehr vorhanden sind und an die wir denken. Daher liegt es meiner Meinung nach eigentlich auch an der Mehrheitsgesellschaft, dieser Dinge zu gedenken, und nicht an den Opfern und den Nachfahren der Opfer.

Es soll ein Gedenkjahr sein, aber es soll nicht nur ein trauriges Gedenken sein. Es soll auch ein fröhliches Gedenken sein, das es als Gegengewicht braucht. Dafür sind die 70 Jahre Israel ein sehr schönes Beispiel. Das ist für uns auf jeden Fall ein Ereignis, das wir entsprechend feiern wollen. Unser jährliches Festival der jüdischen Kultur wird Israel im Fokus haben und zwei Wochen lang israelische Künstler, Kunst und Geschichte präsentieren. Das wird etwas Positives sein, denn es wäre ja furchtbar, wenn man die ganze Zeit nur im Negativen verweilen würde.

Was können Gedenkjahre bewirken? Was erwarten Sie sich?

Ich erwarte mir von einem Gedenkjahr, dass es das Bewusstsein für die Vergangenheit stärkt. Wir leben derzeit ja in einer durchaus heiklen Zeit. Und ich glaube, dass dieses Gedenken in der Mehrheitsgesellschaft zur Bewusstseinsschaffung beitragen kann.

Österreich hat einen Beirat unter der Leitung des ehemaligen Bundespräsidenten Heinz Fischer zum Gedenk- und Jubiläumsjahr 2018 eingerichtet – ist die IKG in diese Arbeiten eingebunden?

In diese Arbeit sind wir nicht direkt involviert. Das ist eine Sache des offiziellen Österreichs, und ich finde das auch gut und richtig so. Es liegt ja, wie gesagt, hauptsächlich auch an der Mehrheitsgesellschaft, zu gedenken. Wir tun das ohnehin die ganze Zeit.

Wie stellen Sie sich denn ein gelungenes und würdiges Erinnern und Gedenken des offiziellen Österreichs vor?

Ein würdiges offizielles Gedenken stell ich mir so vor, dass man sich die Vergangenheit ganz genau ansieht, dass man ehrlich zu sich selbst ist und schaut, was wirklich gewesen ist und wie die Dinge heute liegen. Dass man sich überlegt, wo es notwendig ist, Geschichte aufzuarbeiten, Erinnerung in Ordnung zu bringen und Schlüsse für die Zukunft zu ziehen.

Die IKG Wien hat im Jänner einstimmig beschlossen, dass sie auch weiterhin zur FPÖ keinen Kontakt pflegen wird, auch wenn diese jetzt in der Regierung ist.

Wir haben auf einen gültigen Beschluss aus dem Jahr 2000 zurückgegriffen, aber diesmal eine ausführlichere Begründung eingeschlossen. Der Antrag wurde einstimmig angenommen, also von allen sieben Parteien im Kultusrat.

Begründet wurde das unter anderem mit den engen Verbindungen zwischen der FPÖ und den Burschenschaften. Die aktuellen Ereignisse scheinen der IKG Wien recht zu geben.

Natürlich. Die „täglichen Einzelfälle“ beweisen, dass diese Entscheidung richtig war. So lange die „Einzelfälle“ nicht aufhören, können wir nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Meiner persönlichen Meinung nach sind wir das unseren Vorfahren einfach schuldig. Wir können nicht einfach drüber hinwegsehen und so tun, als wäre nichts gewesen. Uns erreichen viele Schreiben, auch aus Israel und von namhaften Persönlichkeiten, die uns in dieser Entscheidung bestätigen. Auch der European Jewish Congress, der World Jewish Congress, der Dachverband der französischen jüdischen Gemeinden und diverse amerikanische jüdische Organisationen erachten diesen Weg für richtig.

Gab es auch Kritik?

Natürlich gab es auch kritische Anmerkungen. Wir haben in der Gemeinde großen Zuzug, nicht jeder hat den gleichen historischen Hintergrund. Aber nach ausführlichen Gesprächen waren am Ende Orthodoxe und Säkulare, Linke und Konservative, Aschkenasim und Sephardim einer Meinung. Sonst wäre der Beschluss nicht einstimmig erfolgt.

Angesprochen auf seine Zusammenarbeit mit der FPÖ und die „täglichen Einzelfälle“ erklärte Bundekanzler Kurz in einem Interview, die Grenzen, die nicht überschritten werden dürften, seien das Strafrecht und das Verbotsgesetz. Sehen Sie das auch so?

Das ist eine schwierige Frage. Rein rechtlich gesehen ist das natürlich so.

Aber?

Es gibt auch eine politische Verantwortung. Die deutschnationalen Burschenschafter haben gelernt, haarscharf am Verbotsgesetz vorbeizuschrammen. Da darf man ihnen doch keinen Persilschein für braune Umtriebe geben. Übrigens hat die FPÖ immer wieder die Abschaffung des NS-Verbotsgesetzes gefordert.

Was halten Sie von der FPÖ-Historikerkommission, kann ihre Arbeit ernst genommen werden?

Dazu gibt es das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes. Das DÖW beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Geschichte der FPÖ. Die Einschätzung des DÖW ist ernst zu nehmen, ich vertraue ihm mehr als der FPÖ-Kommission. Die Frage ist aber nicht nur, ob die Aufarbeitung der FPÖ aufrichtig gemeint ist – da bin ich skeptisch – sondern auch, welche Schlüsse die FPÖ aus der Aufarbeitung ziehen wird.

Die IKG Wien wird heuer auch an keiner Gedenkveranstaltung teilnehmen, an der auch FPÖ-PolitikerInnen teilnehmen.

Wir können nicht einstimmig einen Beschluss fassen, dass wir mit FPÖ-Politikern keinen direkten Kontakt wünschen, und dann bei einer Veranstaltung neben ihnen sitzen. Wie soll das gehen? Das geht einfach nicht. Wie Sie gesehen haben, ist bei der Gedenkveranstaltung im Parlament ein Sessel neben einem FPÖ-Politiker frei geblieben, der für uns reserviert gewesen wäre.

Außerdem, noch einmal: Wir müssen nicht erst zu einer Gedenkveranstaltung gehen, um zu gedenken. Wir tun das ohnehin die ganze Zeit. Es liegt an der Mehrheitsgesellschaft und an der Regierung, das zu tun. Die Ereignisse ins Gedächtnis zu rufen. Nicht wir müssen ständig ermahnen oder ständig dahinter sein.

Würden Sie sich erwarten, dass sich auch andere der IKG anschließen und den Gedenkveranstaltungen fernbleiben?

Nein, das erwarte ich mir nicht. Aber ich erwarte mir von der Zivilgesellschaft, dass sie deutliche Zeichen setzt. Es freut mich, dass es Menschen gibt, die ihre Stimmen erheben und sich gegen die Normalisierung untragbarer politischer Zustände verwehren. Das sollte nicht aufhören.

Sie haben sich privat in der Flüchtlingshilfe engagiert.

Ich war in dieser sehr heiklen Zeit 2015 aktiv, als die Flüchtlingsströme vor der Tür standen. Meine Mutter musste mit fünf Jahren Wien verlassen, sie ist in Kuba großgeworden. Sie war zwei Jahre lang auf der Flucht, bis sie mit meiner Großmutter gelandet ist. Angewiesen auf Hilfe von fremden Menschen. Aus diesem Gefühl heraus war es für mich einfach eine menschliche Notwendigkeit zu helfen. Ich habe bei einer Gruppe im WUK mitgearbeitet und dort eine Notschlafstelle eingerichtet. Es war eine sensationelle Zeit, es hat so toll funktioniert, so viele Leute haben mitgeholfen und es war schön zu sehen, wie man miteinander tun kann. Später haben wir zu dritt einen Verein gegründet, Cardamon & Nelke, um geflohenen Künstlern die Möglichkeit zu geben, sich hier zu präsentieren und Fuß zu fassen.

Für sie scheint die Verknüpfung der eigenen und familiären Erfahrung selbstverständlich zu sein. Das gilt scheinbar nicht für alle Menschen. Das aktuelle Thema Flucht und Asyl wird oft völlig abgekoppelt von historischen Erfahrungen, von Holocaust und dem Zweiten Weltkrieg verhandelt. Wie kann das sein?

Das Thema ist von der Politik und teilweise von den Medien aufgegriffen und benutzt worden, um Stimmen zu bekommen. Man hat auf die Unzufriedenheit mancher Menschen fokussiert und versucht, sie zu benutzen.

Das selbe Österreich, dass heuer des Holocaust und seiner Opfer gedenkt, verschärft seit Jahren und zuletzt massiv seit 2015 seine Asylgesetzgebung – ein Widerspruch?

Das ist eine gute Frage. Ich glaube, das sind zwei ganz unterschiedliche Sichtweisen. Zum einen glaubt die Regierung, eine gewisse Bevölkerungsgruppe bedienen zu müssen. Zum anderen ist der Rückblick auf die geschichtlichen Ereignisse ein wichtiger Beitrag, um das Bewusstsein zu schärfen. Ich glaube aber, man kann diese zwei Sachen nicht miteinander vergleichen. Man kann die Ereignisse des Holocaust nicht mit den verschärften Asylgesetzen vergleichen. Damals konnten die Juden nicht überall hingehen und waren nirgends sicher. Heute ist das etwas anders, ein Vergleich daher nicht richtig.

Das ist natürlich richtig. Aber gibt es nicht Lehren, die aus der Geschichte gezogen hätten werden sollen, und eine entsprechende Verantwortung?

Das ist eine sehr schwierige Frage für mich. Ich habe natürlich meine persönliche Sicht der Dinge, die sich nicht unbedingt mit der des offiziellen Österreichs deckt. Die Position der Regierungen zur Geschichte und Verantwortung wird von der Mehrheitsgesellschaft – den WählerInnen – mitbestimmt. Diese hat wiederum offensichtlich Ängste, denen es wohl zu begegnen gilt. Stattdessen werden aber Ängste geschürt und Gesetze verschärft.

Sehen Sie es als Aufgabe der IKG Wien an, sich zu aktuellen Gesetzen wie zum Beispiel dem Asylgesetz kritisch zu Wort zu melden?

Nein, das sehe ich nicht als eine Aufgabe der IKG.

Immer weniger Menschen aus der Generation der ZeitzeugInnen, Opfer und TäterInnen leben heute noch. Wie verändert sich dadurch das Erinnern?

Wir müssen versuchen, einen Zugang zu finden, um das Erinnern ohne erhobenen Zeigefinger lebendig zu halten. Denn niemand, der nicht aus der eigenen Familiengeschichte heraus betroffen ist und in einer guten, nämlich ansprechenden Art und Weise damit konfrontiert wird, kann sich heute in die Situation hineinversetzen oder sich damit identifizieren.

Es gibt ein sehr schönes Projekt, das die Jugendkommission der IKG ins Leben gerufen hat. Im Rahmen von LIKRAT (Anm.: hebr. für „auf jemanden zugehen“) besuchen jüdische Schülerinnen und Schüler andere Schulen und sprechen über sich, das Judentum und über alle möglichen Dinge. Und unwillkürlich kommt immer auch das Thema Holocaust zur Sprache. Es ist ein großartiges Projekt und ein guter Zugang, um das Erinnern wachzuhalten und der Jugend auf Augenhöhe zu begegnen.

Heuer jährt sich auch das Jahr 1988 zum 30. Mal – selbst Gedenkjahr und gleichzeitig auch Höhepunkt der Auseinandersetzungen Österreichs mit seiner eigenen Geschichtsverantwortung rund um Waldheim. Sehen sie diese Debatte in Österreich als abgeschlossen, gibt es einen unumkehrbaren Common Sense über die eigene Verantwortung?

Offiziell gibt es ihn. Von einzelnen Personen wird er aber auch heute noch ständig hinterfragt. Es gibt noch Vieles, was im Hintergrund und im Untergrund da ist. Es liegt jetzt aber daran, sich auf die Jugend zu fokussieren, damit kann auf viele Dinge ein neuer Blick entstehen. Vielleicht überlebt es sich mit der neuen Generation.

Dieses Interview erschien in der Frühjahrsausgabe (Nr.106/2018) unserer Zeitschrift STIMME.

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Fotos: Sabine Schwaighofer

 

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