Wir tun gut daran, die Feinde dort zu sehen, wo sie sind. Zur Causa Max Czollek

Mitte August veröffentlichte Maxim Biller in der ZEIT unter dem Titel „Partisanenlieder“ eine Kolumne, in der er von einem (fiktiven?) Gespräch mit Max Czollek berichtete: Er, Biller, habe Max Czollek mit Verweis auf dessen Abstammung (Czollek hat einen jüdischen Großvater) und die jüdische Tradition, nach der die Zugehörigkeit ausschließlich matrilinear vererbt wird, eben diese Zugehörigkeit zum Judentum abgesprochen („Check deine Halacha.”). Kurz darauf hat Max Czollek auf Twitter genau das öffentlich gemacht, und damit wurde eine Debatte ausgelöst, die sogar für die Verhältnisse der beiden streitbaren Publizisten eine vielleicht größere Öffentlichkeit erreicht hat als beabsichtigt.
Es gab Solidaritätsbekundungen mit Max Czollek von Seiten zahlreicher, oft auch nicht-jüdischer linker Intellektueller, es gab Instrumentalisierungen dieser Debatte von Seiten konservativer Publizisten wie Jacques Schuster (WELT) und Michael Wolffson (NZZ), denen Czolleks radikale Position („Desintegriert euch!“) immer schon ein Dorn im Auge war, es gab Unterstützung für Billers Argumentation von Seiten namhafter jüdischer Autor*innen wie Annetta Kahane oder Mirna Funk, und es gab den Versuch einer Deeskalation von Nele Pollatschek, die alle Beteiligten zur Verantwortung mahnte (wären wir nicht in Deutschland, könnte „man vieles als ödipalen Kampf zweier Hähne, als circumcised cock fight abtun“, schrieb sie in der Süddeutschen) – die meisten dieser Stellungnahmen aber kreisten um die Fragen, ob und wenn ja, wann, ein Jude dem anderen sein Judentum absprechen könne und ob die Diskussion um patri- oder matrilineare Weitergabe in Zeiten von Identitätspolitik und dringend notwendigen Allianzen überhaupt noch sinnvoll oder legitim sei.

Was aber weitgehend ausgeblendet wurde, ist der eigentliche Inhalt von Billers Kritik, die den Verweis auf Halacha und Beschneidung als polemische Leuchtrakete benutzte – wohl wissend, dass ihm damit die Aufmerksamkeit des deutschen Feuilletons sicher war: Was Biller im Grunde kritisierte, war Czolleks radikale minderheitenpolitische Position, die gegen Antisemitismus gleichermaßen antritt wie gegen antimuslimischen Rassismus: Wäre er tatsächlich Jude, wie er behauptet, so würde Czollek laut Biller „garantiert keine BDS-Dschihadisten mehr verteidigen, die acht Millionen Israelis im Mittelmeer ertränken wollen. Und es würde ihm nicht im Traum einfallen, die Verfolgung der europäischen Juden mit der Situation von Frauen, Schwulen und Muslimen von heute gleichzusetzen…“
Hinter dieser Polemik verbirgt sich die sehr wichtige Frage, wie wir mit den Widersprüchen innerhalb minderheitenpolitischer Allianzen umgehen – in diesem Fall mit dem muslimischen Antisemitismus –, und das ist, im Gegensatz zu Fragen von Patri- und Matrilinearität, tatsächlich eine mehr als aktuelle Frage, die uns abseits von Instrumentalisierungen und Solidaritätsbekundungen immer wieder aufs Neue beschäftigen muss.

Der Gastkommentar von Leah Carola Czollek und Gudrun Perko bezieht zu dieser Debatte in sehr deutlicher Weise Stellung.

 

Gastkommentar von LEAH CAROLA CZOLLEK und GUDRUN PERKO

Cancel Culture

“Ein Mitglied unseres Institutes wird angegriffen. Max Czollek ist Mitglied unseres Institutes „Social Justice und Radical Diversity“. Ungeachtet der innerjüdischen Debatte über Mutter- und Vater-Juden_Jüdinnen, in die wir uns nicht einmischen, verwehren wir uns entschieden gegen Praktiken von cancel culture, denen er ausgesetzt ist. Max Czollek wird – ob seines Erfolges in neidischer Manier – diffamiert, der Lüge bezichtigt. Dabei werden als Quelle private, nicht nachweisbare Gespräche herangezogen. In seinen Publikationen und öffentlichen Auftritten wird deutlich, dass Max Czollek ein Verbündeter im Kampf gegen Rechtsextremismus, Anti-Muslimischen Rassismus und Antisemitismus ist, der nie einen Hehl aus seiner familiären Herkunft gemacht hat. In diesem Sinne sind die Aussagen als Fake News zu werten. Das ist nachzulesen, nachzuhören und nachzuweisen. Aber ungeachtet dessen, führen wir politische Kämpfe, die nicht identitätsgeleitet, sondern themengeleitet sind – zugunsten der pluralen Demokratie. Beendet die Praxen von cancel culture.” Institut Social Justice und Radical Diversity

Max Czollek
Foto: Stephanie Haerdle

Das war unsere sofortige Reaktion auf die Diffamierungskampagne gegen Max Czollek (siehe Facebook, Twitter und hier), die Mitte August begann. Ausgehend davon pointieren wir hier Fragen, die sich Abstand nehmend von der Person Max Czollek ergeben. Dabei wiederholen wir die einzelnen Eskalationsstufen in der Kampagne gegen ihn nicht; schreiben auch nicht über die vielen unterstützenden Beiträge, die sich zurecht schnell gegen die Angriffe gegen den erfolgreichen Autor, Lyriker und Politikwissenschaftler aussprachen.

Bei der beispiellosen Diffamierungskampagne geht es um die Frage, wer bestimmt den Diskurs, wer darf reden? Die Deutungshoheit darüber haben zu wollen, wer über welche Themen sprechen darf, folgt in jenem Diffamierungsdiskurs der Logik, dass es nur jene dürfen sollen, deren Identitätsmerkmale vermeintlich eindeutig sind. In diesem Bestreben zeigt sich das Festhalten an althergebrachten Traditionen, vermeintlichen Wahrheiten und Sicherheiten und nicht zuletzt an identitätslogischen Denkstrukturen. Dagegen steht die plurale Gesellschaft mit pluralen Subjekten in ihren Mehrdeutigkeiten. Jenes Festhalten konnte noch nie den Erfolg für sich buchen. Im Gegenteil. Die in den letzten Jahren immer wieder mühsam verdeckten Konflikte brechen längst schon auf; die beschworene Homogenität der Gesellschaft verschwindet in staubigen Ritzen des Gestrigen. Werden die Kämpfe von Homogenität/Eindeutigkeit gegen Pluralität/Radical Diversity mit gewaltvollen Praxen des cancel culture geführt, gibt es kein Ausverhandeln mehr, wie wir gemeinsam leben wollen; vielmehr wird das christliche Motiv des Opfers auf die öffentliche Bühne katapultiert. Nicht mehr Inhalte sind im Blick. Desavouierung in Kampfgestiken sind an der Tagesordnung. Ganz in alter Manier werden Menschen erhöht, um sie dann zum Fall zu bringen. Wobei die Person, die es trifft, zur Projektionsfläche geriert, auf die ungehemmt Pfeile abgeschossen werden können. Mit der Person selbst, hat das nichts zu tun. Die Stimmen der Unterstützer_innen zeigen in der Causa Max Czollek die Vielstimmigkeit der pluralen Gesellschaft und das Aufbrechen von Identitätspolitiken. Und das zurecht.

Die Diffamierungskampagne evoziert die Frage, welche Traditionslinien in den Angriffen sichtbar werden. Die Attacken gegen Max Czollek zeigen stellvertretend den historisch tief verankerten Kampf um die Wahrheit und die „richtige“ Gesellschaft. Hier werden alte Linien des Kalten Krieges zwischen Kommunismus und Antikommunismus stellvertretend von den Söhnen und Töchtern, wahlweise zwischen den Enkel_innen ausgetragen. Anstelle des Kommunismus-Vorwurfs tritt gegen Max Czollek der Vorwurf, links oder linksextrem zu sein. Jenseits des persönlichen Angriffes wird hier ein Phänomen sichtbar, das wir in einem Stimme-Artikel beschrieben haben: Als links werden Gruppen, Communities und einzelne Personen diffamiert, die sich gegen Diskriminierung zugunsten von Menschenrechten, Inklusion, Partizipation und eine plurale Demokratie einsetzen. Als links gelabelt werden sie auch aufgrund eines kritischen und darum unbequemen Denkens. Dies umso mehr als sich Einzelne – in brutalen Verteilungskämpfen um die wenigen Ressourcen – einen Platz auf der öffentlichen Bühne nehmen. Sich öffentlichen Raum zu nehmen, kann immer auch bedeuten, dass Token-Sein, also die Alibifunktion aufzukündigen. Ganz im Sinne von Desintegration, wie Max Czollek vorschlägt. Doch wer das tut, wird nicht selten durch öffentliche Diffamierungen bestraft.

Was nun? Wir müssen aufpassen, nicht in das Fahrwasser gegenseitiger Anschuldigungen und Diffamierungen zu geraten. Wir müssen verbündet sein, auch wenn wir nicht mit Allem einverstanden sind. Wir müssen uns im Feld der Ambivalenzen aushalten. Erst wenn wir die Radikale Vielfalt von Menschen befürworten, können wir die plurale Demokratie radikal demokratisch gestalten.

Wir tun gut daran, die Feinde dort zu sehen, wo sie sind, und unsere Kräfte gegen sie zu bündeln.


Leah Carola Czollek ist Leiterin und Mitbegründerin des Instituts „Social Justice und Radical Diversity“.

 

Gudrun Perko ist Professorin für Sozialwissenschaften an der Fachhochschule Potsdam.

 

 

 

 

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