„Den Nussverkäufer beschenken oder das Leben zu Hause verändern. Da ich das erste nicht getan habe, bleibt mir das zweite.“

Anlässlich der Eröffnung unserer Ausstellung “Was wir fordern! Minderheitenbewegungen in Österreich” und der Feier zu unserem Dreißigsten Geburtstag letzte Woche in der Stadtbibliothek in Innsbruck, bringen wir die Rede des Geschäftsführers der Initiative Minderheiten Tirol, Michael Haupt:

Foto: Alena Klinger

“1991. Während ich das letzte Jahr in meinem Leben die Schulbank drücke und von einer Karriere als Rockgitarrist träume, geht es in der Welt rund. Miles Davies und Roy Black sterben und Nirvana bringt das Album Nevermind heraus. In erstaunlich vielen Ländern der Erde gibt es zum ersten Mal freie Wahlen, wie in Nepal, Albanien oder Russland. Apropos Russland, mit 31.12.1991 ist die Sowjetunion Geschichte. Die UN-Vollversammlung wählt zum ersten Mal mit dem Ägypter Boutros Boutros-Ghali einen Afrikaner zum Generalsekretär und in Brünn, Tschechien wird das Museum der Roma-Kultur gegründet.

An unsere Grenzen rückte der Krieg, national und persönlich. Meine persönliche, emotionale Grenze fiel, als der neue Pizzabäcker im Dorfgasthaus von seinen schlaflosen Nächten und der Entscheidung sprach, nach Österreich zu fliehen, um nicht dazu gezwungen zu werden auf seine Nachbarn zu schießen.

Während also all dies geschieht, sitzen am Bisamberg in Wien einige Menschen zusammen und glauben daran, dass man die Welt verändern kann. Aktivist*innen mit unterschiedlichen Interessen aber einem gemeinsamen Ziel gründen am 20. April 1991 den Verein Initiative Minderheitenjahr. Der Innsbrucker Physiker Michael Oertl trägt die Idee dazu schon Jahre in sich. Er erzählt 1993 in der Stimme von einer Begegnung mit einem indischen Nussverkäufer, der in den Slums lebt und zwei Jahre braucht, um genug Geld verdient zu haben, um zu seiner Familie zu reisen. Das Hotel, in das Oertl am nächsten Tag für einen Vortrag eingeladen wird, kostet etwa die gleiche Summe. Er zitiert eine Entwicklungshelferin, die sagt: „Ihr seid es, die mit eurer Wirtschaftsform die Dritte Welt ruiniert. Wenn ihr etwas tun wollt, dann ändert eure Gesellschaft.“

Oertl schreibt weiter: „Den Nussverkäufer beschenken oder das Leben zu Hause verändern. Da ich das erste nicht getan habe, bleibt mir das zweite.“

Er hatte schon seit drei Jahren Gleichgesinnte gesucht, um ein österreichisches Minderheitenjahr auszurufen. Ausgelöst durch ein Treffen mit Kärntner Slowen*innen dachte Michael Oertl dabei an ethnische Minderheiten und besonders an Volksgruppen. Unter den Aktivist*innen der ersten Stunde waren nun aber einerseits Menschen, die sich nicht einer Volksgruppe zugehörig fühlten oder aber Diskriminierung wegen anderer Gründe erfuhren (vgl. Ursula Hemetek in der Stimme). Diese unterschiedlichen Erfahrungen und Diskussionsbeiträge führten letztlich zu dem breiten Minderheitenbegriff, der die Arbeit der Initiative Minderheiten nun seit 30 Jahren prägt und sich seitdem nur in kleinen Details geändert hat. Er orientiert sich an Diskriminierungserfahrungen und nicht an einer geringeren Zahl der Gruppenmitglieder, sondern ihrer geringeren Macht gegenüber einer hegemonialen Mehrheit.

Wenn die Gründungsmitglieder von den ersten Versammlungen auf dem Bisamberg sprechen, liegt immer ein wenig Nostalgie in der Luft. Ich habe mir den Spaß gemacht und die Homepage des Gasthofs am Bisamberg angeschaut. Man sieht hauptsächlich Werbefotos für Hochzeiten. Ich dachte mir, das wäre eine gelungene Metapher für ein Leitmotiv der Initiative Minderheiten, den minoritären Allianzen. Eine Hochzeit zwischen Minderheiten, unterschiedliche Ausgangspunkte mit einem gemeinsamen Ziel. Das Bild greift aber zu kurz, es geht um die Bündelung gemeinsamer Kräfte, die darauf abzielen auf ähnliche Diskriminierungsformen aufmerksam zu machen, um gemeinsam gegen Rassismus, Homophobie, Antiziganismus, Antisemitismus und weitere gesellschaftliche Unterdrückungsverhältnisse vorzugehen. Der Impuls dazu kam von Hakan Gürses bei der Tagung der Minderheiten im Dezember 1994, die das Minderheitenjahr abschloss.

Es folgte die Umbenennung in Initiative Minderheiten und unzählige Projekte durch die beiden Büros in Wien und Innsbruck. Darunter Ausstellungen des Wiener Büros wie Romane Thana. Orte der Roma und Sinti, oder Gastarbejteri. 40 Jahre Arbeitsmigration oder auch Bildungs- bzw. Mentoringprogramme, wie zuletzt das Projekt Peerment. Es werden Schulprojekte geboren, wie die Minderheitenbox und Bücher herausgegeben. In Innsbruck zuletzt Idomeni. Waiting for Home und Fahrend? Um die Ötztaler Alpen. Aspekte jenischer Geschichte in Tirol. Beide Bücher können im Buchhandel oder direkt über uns erworben werden. Bei uns in Innsbruck sind in den letzten Jahren die Arbeit mit Jenischen und das Filmfestival der Vielheit – Inncontro wichtige Säulen geworden. Zum Vormerken: Inncontro wird vom 17. bis 20. November unter dem Titel „Migration. Widerstand. Aktivismus“ stattfinden.

Auch wenn einen hin und wieder das Gefühl beschleicht, dass wir heute in einer polarisierten Gesellschaft leben, in der die reaktionäre Seite Übergewicht bekommt, kann man auch deutlich positive Entwicklungen sehen. Vorgestern war ich bei einer Beiratssitzung des Dokumentationsarchiv Migration Tirol, wo berichtet wurde, dass einerseits immer mehr Anfragen kommen und andererseits das Thema Migration bzw. Diversität in der wissenschaftlichen Forschung mittlerweile etabliert ist. Vor fünf Jahren sprach der damalige Bundeskanzler Kern die Worte: „Ich bin auf der Regenbogenparade, na und?“. Unter der türkis-grünen Bundesregierung soll zum ersten Mal die Anerkennung der Jenischen als Volksgruppe geprüft werden. Und seit diesem Jahr fällt mir immer mehr auf, dass in offiziellen Anträgen mehr als zwei Geschlechter ausgewählt werden können.

Man braucht aber auch nichts beschönigen, von einer minderheitengerechten Gesellschaft, wie sie die Initiative Minderheiten fordert, sind wir noch weit entfernt.

„Die Initiative Minderheiten tritt ein für eine minderheitengerechte Gesellschaft, in der individuelle Lebensentwürfe unabhängig von Merkmalen wie ethnischer, sozialer oder religiöser Zugehörigkeit, sexueller Orientierung und Behinderung als gleichberechtigt und gleichwertig anerkannt sind.“

Das Jahr 1998 wird von den Vereinten Nationen zum Internationalen Menschenrechtsjahr ausgerufen, Cornelia Kogoj wird Generalsekretärin der Initiative Minderheiten und ich mache in Indien eine ähnliche Erfahrung wie Michael Oertl. Die Motorrikscha, mit der wir durch Neu Delhi fahren, muss bei einer Ampel stehen bleiben, eine Bettlerin mit einem Kind auf dem Arm kommt zu uns und ich bleibe aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen hart und gebe nichts. Wie der Verkehr wieder in Gang kommt, sehe ich, wie die Frau sich mit einem weiteren Kind an den Straßenrand setzt und vor lauter Verzweiflung zu weinen beginnt. Das Bild hat sich tief in mir eingeprägt, mich politisiert und die eigene privilegierte Position vor Augen geführt.

Wieder einmal auf Kosten von Menschen im globalen Süden.

Auch wenn der Schritt vermutlich nicht bewusst war, komme ich zum selben Schluss, wie Michael Oertl, dass das Leben zu Hause verändert werden muss. Dass ich im Rahmen der Initiative Minderheiten dazu beitragen darf, freut und ehrt mich sehr. Ich bin da auch nicht allein, sondern eigentlich nur ein kleines Rädchen in einem Team an großartigen Menschen, die sich zum großen Teil ehrenamtlich und mit viel Herzblut engagieren. Einige davon sind heute hier und ich möchte mich bei dieser Gelegenheit aufrichtig und herzlich bei euch für euer Engagement bedanken.

Happy Birthday, alles Gute zum 30er, liebe Initiative Minderheiten! Wenn jemand Geburtstag hat, dann wünscht man ihm oder ihr noch viele weitere Jahre. Ich wünsche mir für die Initiative Minderheiten keineswegs viele weitere Jahre, sondern dass es ihre Arbeit so schnell wie möglich nicht mehr braucht. Dass wir bald in einer minderheitengerechten Gesellschaft und einer fairen Welt für alle leben werden.

Dafür müssen auch Kämpfe geführt werden, wie die Ausstellung „Was wir fordern!“ eindrücklich zeigt.”

 


Michael Haupt, Studium der Erziehungswissenschaften in Innsbruck. Geschäftsführung Initiative Minderheiten Tirol, Mitglied des Kulturbeirats für Kulturinitiativen des Landes Tirol (seit 2018), Vorstandsmitglied TKI – Tiroler Kulturinitiativen/IG Kultur Tirol, langjährige Kulturarbeit in verschiedenen Feldern. Redakteur beim freien Radio Innsbruck, FREIRAD, Ausstellungen und Veröffentlichungen als Fotograf.

 

 

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