Wörter und Unwörter

Jedes Jahr im Januar werden sie bekanntgegeben: die Wörter und die Unwörter des vergangenen Jahres, vorgeschlagen von BürgerInnen, ausgewählt von Jurys und Beiräten aus LinguistInnen, JournalistInnen und PolitikerInnen.

Die jährliche Kür findet mittlerweile seit fast 50 Jahren statt. Das erste Wort des Jahres wurde in Deutschland für das Jahr 1971 gewählt.  Ab dem Jahr 1991 folgten die Unwörter des Jahres in beiden Ländern, das erste eigenständig österreichische Wort des Jahres gab es für das Jahr 1999. Das Jahr 2008 brachte Deutschland das erste Jugendwort des Jahres, in Österreich war es das Jahr 2010. Ergänzt wird das Spektrum in Deutschland durch das Börsenunwort (seit 2001), das Unwort des (20.) Jahrhunderts, in Österreich  durch den Spruch (seit 2002) und den Unspruch des Jahres (seit 2010), in Deutschland durch den Satz des Jahres (seit 2001) und die Anglizismen des Jahres (seit 2010). Ähnliche Auswahlverfahren gibt es in der Schweiz und in Liechtenstein.

Die von der Gesellschaft für deutsche Sprache definierten Auswahlkriterien für das Wort des Jahres besagen, dass es sich um Wörter und Ausdrücke handeln müsse, die in der öffentlichen Diskussion des jeweiligen Jahres prominent vertreten gewesen seien, relevante Themen aufgriffen oder aus anderen Gründen als „charakteristisch“ erschienen seien. Betrachtet man unter diesem Aspekt die zwischen 1971 und heute getroffene  Auswahl, erkennt man das Wort des Jahres als geeignetes Instrument, um in der Rückschau gesellschaftliche und politische Entwicklungen und Phänomene in ihrer Zeitgebundenheit – und auch in ihrer Überzeitlichkeit  (2005 und 2018 gab es in Österreich mit „Schweigekanzler“ dasselbe Wort des Jahres) – zu bewerten und einzuordnen.

„Aufmüpfig“ war das erste Wort des Jahres überhaupt. Gewählt wurde es für das Jahr 1971; als Wort geprägt, um das anti-obrigkeitsgläubige Verhalten der politisch und gesellschaftlich aktiven jungen Leute der Jahre nach 1968 zu charakterisieren.  Was damals mit dem Adjektiv „aufmüpfig“  als nicht-opportunes Verhalten (moralisch) gebranntmarkt wurde,  hat seither im Kontext von Zivilgesellschaft und zivilem Ungehorsam seine soziale Akzeptanz erfahren.  Als „aufmüpfig“ bezeichnet man heute, wenn überhaupt, in disziplinierender Weise Minderjährige, die sich in einem edukativen Kontext Ermahnungen  gegenüber uneinsichtig zeigen, aber keinesfalls politisch Aktive, deren Engagement sich auf die Hinterfragung und Erneuerung tradierter, tabuisierter und/ oder als un-demokratisch empfundener Strukturen richtet.

Der überwiegende Teil der Wörter des Jahres gehört inzwischen zum Standardvokabular des gesellschaftlichen und politischen Diskurses. Sie haben damit ihre ursprünglich exklusive Position zugunsten einer Alltäglichkeit eingebüßt und stehen so für Akzeptanz im Positiven und Gewöhnung an bestimmte Phänomene im Negativen, die eigentlich der „Aufmüpfigkeit“ des Jahres 1971 bedürften. Holocaust (D, A 1979), Rasterfahndung (D, A 1980), Nulllösung (D, A 1981), Ellbogengesellschaft (D, A 1982), heißer Herbst (D, A 1983), Umweltauto (D, A 1984), Glykol (D, A 1985), Tschernobyl (D, A 1986), Aids/ Kondom (D, A 1987) Gesundheitsreform (D, A 1988), Reisefreiheit (D, A 1989), die neuen Bundesländer (D, A 1990), Besserwessi (D, A 1991), Gesundheitsreform(D, A 1992), Politikverdrossenheit (D, A 1992), Sozialabbau (D, A 1993), Sparpaket Sozialabbau (D, A 1996), Sondierungsgespräch (A 1999), Nulldefizit (A 2001), Teuro (D, A 2002), das alte Europa (D 2003), Hacklerregelung (A 2003), Schweigekanzler (A 2005 und 2018), Penthouse-Sozialismus (A 2006), fremdschämen (A 2010), situationselastisch (A 2014), Willkommenskultur (A 2015), Flüchtlinge (D 2015), Bundespräsidentenstichwahlwiederholungsverschiebung (A 2016), postfaktisch (D 2016), Vollholler (A 2017) und Heißzeit (D 2018) zeichnen in diesem Sinne nach, was zumindest jene während der vergangenen vier Jahrzehnte beim Blick auf Politik, Gesellschaft und Lebensstil bewegte, die es für relevant erachteten, ihren Beitrag zu dem Auswahlprozess zu leisten.

War die Kür zunächst wertfrei im Sinne der oben genannten Kriterien – „Wort des Jahres“ impliziert zunächst weder eine positive noch eine negative Konnotation – hat mit der, Usus gewordenen, Wahl des Unwortes des Jahres seit 1991 in der Wahrnehmung des Wortes des Jahres eine Verschiebung in Richtung einer positiven Konnotation stattgefunden. Müssen die Unwörter des Jahres doch die Kriterien der Diskriminierung, der Verschleierung und/ oder Irreführung und/ oder des Anti-demokratischen erfüllen und/ oder in ihrer Aussage gegen das Prinzip der Unantastbarkeit der Menschenwürde verstoßen. Volksverräter (D, 2016), Lügenpresse (D, 2014), Gutmensch (D, 2015), N.konglomerat (A, 2014), inländerfeindlich (A, 2013) reihen sich hier unzweifelhaft ein, und sie dokumentieren das kontroverse Bild einer Gesellschaft, die sich im öffentlichen Bekenntnis über Werte wie Menschenwürde, Demokratie, Diversität von „anderen“ Gesellschaften abzugrenzen behauptet, im alltäglichen Diskurs – und in der dahinter stehenden Geisteshaltung – hier aber in Teilen durchaus Defizite aufweist. Durch die Bezeichnung Wort und Un-Wort wird eine inhaltliche Opposition konstruiert, die dem Wort des Jahres implizit positive Attribute zuweist, allerdings, ohne dass die ausgewählten Wörter des Jahres in Vergangenheit und Gegenwart in Einklang mit dieser substantiellen inhaltlichen Abgrenzung stehen würden.

So kontrastiert für das Jahr 2018 etwa in Deutschland das Unwort „ Anti-Abschiebeindustrie“ die auf die Auswirkungen des Klimawandels Bezug nehmende „Heißzeit“ als Wort des Jahres, und in Österreich wurden 2017 die „alternativen Fakten“ zum Unwort gewählt, während „postfaktisch“ das Wort des Jahres 2016 in Deutschland war.

Vergleicht man die seit 1991 gelisteten Unwörter insbesondere mit den Wörtern des Jahres zwischen 1971 und 1991, erkennt man, dass durch die Re-Strukturierung des Auswahlspektrums hier Grenzen unscharf und Bagatellisierungen zum – unbewussten, in Kauf genommenen oder gar bewussten?? – Aspekt der Botschaft geworden sind; einer Botschaft, die ursprünglich gedacht war, das Bewusstsein zu wecken und zu schärfen für das, was sich in unserer Gesellschaft ändert und als Abkehr vom allgemein Akzeptierten in gesellschaftlichem Verhalten und politischem Diskurs wahrgenommen wird.

Veronika Bernard © 2019

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