Die Geographie der Zweisprachigkeit

Auf den Spuren der Verwicklungen zwischen Sprache, Ort und Raum: Die Kulturwissenschafterin DI Nada Zerzer erkundet in einem Stadtgespräch die Bedeutung der Repräsentation von Minderheitensprachen. Auf der Suche nach der Bedeutung von Sprache geht es bis in die kleinsten Dörfer. Und wo fängt ein Dorf an? Bei der Ortstafel natürlich, die es in Österreich zu zweifelhaftem Ruhm gebracht hat. Die Kärntner Slowenin spricht über die durchaus schmerzhafte Symbolik topographischer Aufschriften und die Verortung im Raum durch Sprache.

Eva: Um die zweisprachigen Ortstafeln in Kärnten/Koroška ist in der Vergangenheit bekanntlich heftigst gestritten worden. Warum sind ausgerechnet die topographischen Aufschriften so sehr zum Brennpunkt aller Debatten um Minderheitenrechte geworden, dass jahrzehntelang keine Einigung möglich war?

Nada Zerzer: Einerseits gibt es hier wenig Spielraum für Kompromisse: Ortstafeln sind entweder zweisprachig oder einsprachig. Da muss man sich entscheiden. Andererseits sind sie ein Symbol für die Konfrontation mit der gesellschaftlichen Vielfalt. In den Köpfen gibt es nach wie vor dieses Konzept von Reinheit – basierend auf diesem unglaublich veralteten und politisch-gesellschaftlich so überholten, nicht nur schwachsinnigen, sondern verbrecherischen Ideal eines sprachlich homogenen Nationalstaates. Unter dieser Flagge ist in den vergangenen 150 Jahren so viel Leid verübt worden, so viel gemordet worden. Aber dieses Ideal der Reinheit besteht immer noch! Es ist völlig absurd. Und da sind natürlich zweisprachige topographische Aufschriften und Menschen, die diese Zweisprachigkeit öffentlich machen, ein Stachel im Fleisch.

Eva: Aber gerade in Kärnten ist es doch offensichtlich, dass diese angestrebte Reinheit gar nicht herstellbar ist. Ich kann doch nicht in Dörfern wie Dragositschach oder Tichoja wohnen und behaupten, das seien urtypische deutsche Ortsnamen.


Die Geographie der Zweisprachigkeit

Nada Zerzer: Viele Leute merken das gar nicht. Wenn eine Ortschaft Goritschach heißt – Goriče auf Slowenisch –, nehmen sie das als Namen dieser Ortschaft hin. So heißt das eben. Es ist ihnen aber nicht bewusst, dass das ja eine Bedeutung hat im Slowenischen. Das ist ja nicht nur eine Aneinanderreihung von Lauten, sondern eine geographische Beschreibung – es steckt gor drinnen, das heißt ‚oben‘. Ein solcher Name – andere Beispiele sind Pogöriach oder Goritschitzen – ist ein Hinweis auf eine Ortschaft am Hügel oben, am Berg. Im Tal hingegen gibt es oft Ortschaften namens Dellach, Dölach oder Dolintschitschach – von dol, ‚unten‘. Das ist vielen nicht bewusst. Dadurch ist ihnen auch die Absurdität der Eindeutschung nicht bewusst.


Čemernica wird Tschemernitzen

Eva: Spannend, wie die Namen Relationen im Raum kodieren. Wenn die Sprache nicht mehr gesprochen wird, geht diese Verortung im Raum auch irgendwie verloren.

Nada Zerzer
: Das schon, aber die zahlreichen Ortsnamen slowenischer Herkunft in Kärnten funktionieren ja auch dann, wenn man sie nicht entschlüsseln kann. Das gilt übrigens nicht nur für Kärnten: Auch viele andere Ortsnamen in Österreich wie zum Beispiel jener der Stadt Graz stammen aus dem Slawischen (von gradec ‘kleine Burg’).


Porečje heißt ‚Flussgebiet‘ auf Slowenisch

Eva: Ich habe mal in einem Artikel darüber gelesen, dass es nach dem Ortstafelsturm von 1972 – bei dem zweisprachige Ortsschilder gewaltsam entfernt wurden – teilweise jahrzehntelang keine Ortstafeln in Südkärnten mehr gegeben hat.

Nada Zerzer: Ja, das war so. Bei mir gibt es noch immer keine Ortstafel. Ich wohne in der Nähe von Latschach/Loče, das bei den Verhandlungen rund um die ach so formidable Ortstafellösung ein großes Thema war. Der zweisprachige Bevölkerungsanteil hätte zwar den geforderten Kriterien entsprochen. Aber es hat einen Nachtteil: Es liegt an der Bundesstraße.

Eva: Warum ist das ein Nachteil? Vermutlich, weil man das Schild auf der Bundesstraße dann auch zweisprachig beschriften müsste?

Nada Zerzer: Es ist so gelöst worden, dass es einfach keine Ortstafel gibt. In den Weilern rundherum gibt es kleine, weiße Tafeln am Ortsbeginn, und die sind zweisprachig. Dieses Schema zieht sich durch die Gemeinde, und zwar schon seit Jahrzehnten. Aber damals, 2011, als die zweisprachigen Ortstafeln flächendeckend aufgestellt worden sind, bin ich mal hinunter ins Rosental gefahren, um sie mir anzuschauen. Da stand dann auf einmal: Sankt Jakob im Rosental – Šentjakob v Rožu, Mühlbach – Reka, Maria Elend – Podgorje. Und ich kann mich noch sehr an das Gefühl erinnern, als ich das gesehen habe: Ich war so gerührt, dass da plötzlich die Ortsnamen in der Sprache stehen, die ich spreche. Die Sprache, deren Existenzberechtigung seit ich mich erinnern kann und soweit die Erzählungen der Alten zurückreichen, immer bestritten wurde! Die Sprache, um die es immer Konflikte gab. Und plötzlich stehen da die Ortstafeln mit den slowenischen Namen unter den deutschen! Ich war so gerührt, wirklich. Ich kann es nicht anders beschreiben. Und auch das ist absurd, weil es letzten Endes nur Ortstafeln sind.

Eva: Ja, an denen hat sich eben alles festgemacht.

Nada Zerzer: Die Ortstafeln waren dermaßen überladen mit Symbolik und zum Teil sind sie es immer noch. Da wurden mit fast schon religiösem Eifer so viel Scheingefechte geführt.

Eva: Dabei ging es um ganz was anderes.

Nada Zerzer: Na klar. Gegangen ist es darum, dass ein paar Leute nach wie vor nicht wollen, dass in Kärnten Slowenisch gesprochen wird. Da kamen dann so abstruse Argumente wie: Da kennt sich doch kein Mensch aus, wenn zwei Namen auf der Ortstafel stehen!


Was nicht Deutsch ist…

Eva: Dabei hat die Phase ohne Ortstafeln ja nur funktioniert, weil sich in dem Gebiet hauptsächlich Einheimische bewegen, die sich ohnehin auskennen.

Nada Zerzer: Genau, es hat schon auch diesen Aspekt: Wer sich nicht auskennt, hat hier nichts zu suchen. Es ist eine weitere Spielart von ‚Nur Einheimische erwünscht‘. Und außerdem: Wenn wir keine zweisprachigen Ortstafeln aufstellen, fällt keinem auf, dass hier – trotz aller Bemühungen von deutschnationaler Seite – immer noch Slowenisch gesprochen wird.

Eva: Ja, es ist längst an der Zeit, dass wir die Bedeutung der slowenischen Sprache in Österreich und die widerständige Kraft ihrer Sprecher*innen zu schätzen lernen. Danke Nada, für das Gespräch! Najlepša hvala, Nada, za tvoje iskrene in bistre besede!


Der mühsame Weg zur sichtbaren Zweisprachigkeit

Bei diesem Gespräch mit Nada Zerzer handelt es sich um einen Ausschnitt eines Beitrags aus der Reihe “Stadtgespräch” – demnächst in voller Länge auf meinem Blog zu lesen: http://stadtstreunen.at

© Eva Wohlfarter, 2017

1 Antwort

  1. Mirko sagt:

    Mir gefällt der ausschnitt aus dem stadtgespräch zwischen Nada und Eva.
    Die geschichte und die entwicklung der zweisprachigen topographie ist für viele eine „einsprachige realität“. Solche einstellungen sind möglich, weil menschen zum teil mit behauptungen aufwachsen oder aufgewachsen sind, „um uns herum ist alles einsprachig – deutsch.“
    Wie oft passiert es mir bei den studierenden, dass sie behaupten, sie haben „mit dem“, also zweisprachigkeit, nichts zu tun. Und wenn ich sie nach dem namen ihres herkunftsortes frage, der bspw. Müllnern / Mlinče (mlin = Mühle) heißt, haben sie kaum die leiseste idee, dass ortsnamen etwas mit ihrer realität, umgebung usw. zu tun haben und menschen aufgrund einer bestimmten realen umgebung dem ort einen namen gegeben haben. Slowenischsprachige haben dem ort einen slowenischen namen gegeben.
    Sich mit entstehungen, entwicklungen und geschichte von gebieten und orten zu beschäftigen, ist für manche schwierig oder nicht notwendig. Was für sie wichtig ist, ist der jetzige zustand und der ist oft, trotz zweisprachiger topographie, nur mehr deutsch. Daher die unbegreifliche frage: warum sollte Goritschach, Glantschach, Pogertschach, Damtschach, Görtschach, Göriach usw. auch slowenische wurzeln haben? überall wird doch nur deutsch gesprochen und das ist die realität, aus deren perspektive alles gesehen und bewertet wird.
    Lep dan / schönen tag.
    mirko

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