Aspekte der österreichischen Migrationsgeschichte

Das Buch „Aspekte der österreichischen Migrationsgeschichte“, erschienen im März 2019, hat große Ziele – und eine Vision: eine Gesellschaft, in der alle Geschichten zählen.

Wenn Geschichten nicht erzählt werden, verlieren sie ihre Bedeutung. Und jene, die diese Geschichten erleben, leiden darunter; sie fühlen sich nicht gehört, nicht verstanden. So geht es hunderttausenden Menschen in Österreich: vor allem Migrant*innen, geflüchteten Personen und ihren Nachkommen. Deren Geschichten haben bisher kaum Eingang in die österreichische Geschichtsschreibung gefunden, die damit einfach nicht vollständig ist. Wie können wir diese schmerzhafte Leerstelle füllen? Indem wir die österreichische Geschichte neu erzählen – auch mit den Stimmen jener, die bisher kaum Gehör gefunden haben. Das ist der erklärte Anspruch des neuen Buches „Aspekte der österreichischen Migrationsgeschichte“.
Der Sammelband erzählt die österreichische Migrationsgeschichte aus vielen verschiedenen Perspektiven. Das Besondere daran: Das Buch entstand aus einem Lehrgang der Wiener Bildungsakademie (an dem auch ich teilgenommen habe) und lässt bekannte Stimmen ebenso zu Wort kommen wie noch kaum wahrgenommene.

Die Beiträge im Buch werfen zunächst einen Blick in die Vergangenheit: Österreich ist schon bedeutend länger ein Einwanderungsland, als vielen von uns bewusst ist. Der Historiker Michael John beleuchtet beispielsweise die Migration nach Wien in der Habsburgermonarchie; Lehrgangsteilnehmer Gregor Breier untersucht die Fluchtbewegungen vor dem NS-Regime nach Kolumbien. In meinem eigenen Beitrag zeige ich auf, wie Österreich seit 1945 mit den sechs anerkannten Volksgruppen umgeht – und welche Lehren die Migrant*innen von heute daraus ziehen können. Dann verhandelt der Sammelband in etlichen Beiträgen die vielfältige Geschichte der sogenannten Gastarbeiter*innen. Der Politikwissenschafter Thomas Schmidinger etwa nähert sich der Geschichte der Kurd*innen in Österreich an, während Lehrgangsteilnehmerin Franziska Strasser anhand der Lebensgeschichte einer Frau aus Jugoslawien Stereotype über Migrantinnen hinterfragt.
Im letzten Teil geht es schließlich um Fragen rund um aktuelle Migrationsbewegungen: Lehrgangsteilnehmerin Stella Asiimwe denkt beispielsweise darüber nach, warum vermehrt Afrikaner*innen nach Europa kommen; ihr Kollege Ara Badrtarkhanian ermöglicht uns aus der Perspektive eines Betroffenen Einblicke in die Wahrnehmung von syrischen Geflüchteten.

Diese und viele weitere Geschichten waren bisher einer breiteren Öffentlichkeit kaum bekannt. Bei dem Band „Aspekte der österreichischen Migrationsgeschichte“ handelt es sich also um ein äußerst wichtiges Buch. Neue Impulse vermag es ebenso zu geben wie eine Einladung: Lasst euch doch ein paar wirklich spannende Geschichten erzählen!

Das Buch
Grasl-Akkilic Senol, Schober Marcus, Wonisch Regina (hrsg. 2019):Aspekte der österreichischen Migrationsgeschichte.Herausgegeben von der Wiener Bildungsakademie in Kooperation mit dem Karl-Renner-Institut. Wien: edition atelier

Zur Autorin
Eva Wohlfarter hat Kultur- und Sprachwissenschaft in Klagenfurt/Celovec, Ljubljana und Wien studiert. Sie ist Vorstandsmitglied der ARGE Volksgruppen, der Wiener Arbeitsgemeinschaft für Volksgruppenfragen.

Fotos
Buchcover © edition atelier

Buchpräsentation © Wiener Bildungsakademie

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