„Jetzt machen alle Podcasts. Wir machen das schon seit 20 Jahren!“

Anlässlich des 20. Geburtstags von Radio Stimme, der Sendung der Initiative Minderheiten, bat Cornelia Kogoj die RadiomacherInnen Alexandra Siebenhofer, Katharina Bacher, Alexander Pollak und Gerd Valchars zu einem Gespräch.

Gerd, du warst von Anfang an bei Radio Stimme mit dabei. Wie war die Situation damals? Gab es eine Art Aufbruchstimmung, da es nun möglich war, dass jede/r Radiomachen konnte?

Gerd Valchars: Ich glaube, wir haben das damals nicht als eine Aufbruchstimmung erlebt. Wir waren ja alle auch sehr jung, so um die 18, 19, 20 Jahre. Da haben wir nicht seit Jahren auf ein Freies Radio gewartet und gedacht, jetzt ist es endlich so weit. Wir haben erfahren, dass die Initiative Minderheiten eine Sendung in einem Freien Radio, das es mal geben wird, aufbauen möchte, und uns gedacht, aha, was ist das überhaupt, ein Freies Radio? Das klingt interessant, da machen wir mit. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich mich, als ich das erste Mal in das Studio von Orange 94,0 gekommen bin – das war damals noch in der Schubertgasse im 9. Bezirk –, gewundert habe, dass es hier nicht wie in einem Radiostudio aussieht. Am Anfang waren da zwei Minidisc-Player, ein kleines Mischpult und zwei CD-Player. Der Zugang für RadiomacherInnen war also sehr niederschwellig.

Welchen Qualitätsanspruch habt ihr damals gehabt? Und wie hat sich dieser entwickelt?

Alexander Pollak: Wir haben uns immer an Ö1 gemessen. Und waren dann sehr froh, wenn wir eine Ö1-Sendung gehört haben, in der Fehler passiert sind. Da haben wir gewusst, aha, auch denen passieren Fehler. Aber ansonsten war es das Wichtigste, Sendungen zu machen, die für uns interessant sind. Ich bin 2003 zu Radio Stimme gekommen und das Faszinierende am Radio machen war für mich, dass wir selber Sendungen gestalten konnten, dass wir selbst Fragen gestellt haben, die uns interessierten, dass wir alternative Perspektiven auf Themen werfen konnten und dass wir auch jene Veranstaltungen hervorheben konnten, die wir cool fanden. Das hat die Faszination ausgemacht.

Stichwort „eigene Themen“: Welche Themen waren es, die euch interessiert haben und haben sich diese im Laufe der Zeit verändert?

Alexandra Siebenhofer: Ich glaube, es war immer ganz stark von den Persönlichkeiten und Interessen der RadiomacherInnen abhängig. Jede/r hat halt seine/ihre Themen und Schwerpunkte mit reingebracht …

Valchars: … oder hat auch erst seine Schwerpunkte entwickelt. Es ist immerhin zwanzig Jahre her und manche waren über einen längeren Zeitraum dabei. Die Themen sind grob gesagt zwar dieselben geblieben, aber wie man an ein Thema herangeht, was man als interessante Fragestellung empfindet, das verändert sich natürlich. Also, bei mir war es so, dass ich am Anfang des Studiums zum Radio gekommen bin und wenig Ahnung hatte von den großen Themen wie „Minderheiten, Mehrheiten und Machtverhältnissen“, wie wir Radio Stimme im Untertitel genannt haben. Und natürlich haben wir uns auch durch das Engagement bei Radio Stimme weiterentwickelt.

Siebenhofer: Wobei ich sagen muss, dass wir schon ein gutes Händchen für Themen hatten. Etwa das Thema „Gay Cops“, darüber haben wir schon sehr früh auf Radio Stimme berichtet. Oder dann das Thema „Frauenfußball“. Oder auch die Debatten rund um das Thema Barrierefreiheit. Diese Themen sind dann so langsam in den Mainstream eingesickert.

Kann man sagen, dass Freie Radios eine Vorreiterrolle für bestimmte Themen haben, die dann später auch von anderen Medien übernommen werden?

Pollak: Wir haben immer wieder geglaubt, dass wir es sind, die die wichtigen Themen aufgreifen, und der Mainstream diese dann von uns übernimmt. Außerdem haben wir uns immer auch als abseits des Mainstreams definiert. Also, es war für uns auch voll ok, über Themen zu berichten, die sonst keine Beachtung finden. Für die hatten wir immer Platz.

Katharina Bacher: Ja und vor allem viel mehr Platz als in den Mainstreammedien. Unsere Beiträge, die themengebend für die Sendung waren und sind, dauern oft 20 bis 30 Minuten.

Siebenhofer: Was mir immer getaugt hat, war die Möglichkeit des Experimentierens. Wir haben schon auch viel mit Formen experimentiert. Das ist in anderen Medien nicht so leicht möglich.

Katharina, wie geht ihr heute mit der Möglichkeit des Ausprobierens und des Experimentierens um?

Bacher: Natürlich möchten wir die Freiräume, die das freie Radio bietet, so gut wie möglich nützen und tun das auch – zum Beispiel hat Radio-Stimme-Redakteurin Petra Permesser letzten Dezember ein fiktives Interview mit dem Kollektivvertrag zum 12-Stunden-Tag geführt. Der Blick ins Archiv oder in Richtung anderer freier Redaktionen ist aber immer ein Ansporn, noch ein bisschen kreativer zu werden in der Beitragsgestaltung.

Pollak: Was bei Radio Stimme immer noch toll ist – ich habe mir jetzt wieder mal Archivbeiträge angeschaut –, sind die Sendungstitel. Sie sind extrem kreativ und witzig. Allein sich nur die Sendungstitel anzuschauen, da kommt man ins Schmunzeln. Man denkt sich, hey, da war was los!

Valchars: Die Vermutung lag aber immer auch nahe, dass nur wir die Titel verstehen.

Gut, ganz so war es ja nicht. Ihr wart ja doch einige Male für den Radiopreis der Erwachsenenbildung nominiert, bzw. ihr habt auch einige Preise bekommen. War das eine Anerkennung für eure Arbeit?

Pollak: Klar freut man sich über diese Anerkennung. Und es war auch lustig, die Gelegenheit zu haben, vor einem Publikum im Radiokulturhaus zu sprechen, das anfangs nicht an alternative Medien gewöhnt war.

Valchars: Über die Jahre hat sich das aber dann geändert. So sind in den letzten Jahren immer mehr Beiträge, die auf freien Radios gelaufen sind, nominiert und auch ausgezeichnet worden. In ganz unterschiedlichen Kategorien. Am Anfang waren wir ja eher in der Kategorie „Experimentelles“ nominiert.

Stichwort „über die Jahre“: Als ihr angefangen habt, Radio zu machen, war die Mediensituation eine völlig andere. Es gab nur den ORF. Später sind dann die kommerziellen und freien Radios dazugekommen. Und dann das Internet. Wenn man heute eine Öffentlichkeit erreichen will, macht man das über Facebook, Twitter oder Instagram. Seht ihr Social Media als eine Konkurrenz für die Radios?

Bacher: Was auf Social Media passiert, ist in der Regel Ergebnis von Einzelnen. Es gibt meist keine redaktionellen Diskussionen oder ein gemeinsames Erarbeiten von Themen über einen längeren Zeitraum. Die Arbeit in einer Redaktion folgt anderen Mechanismen und hat auch einen anderen Anspruch. Du bringst ein Thema ein und bekommst Feedback von deinen RedaktionskollegInnen und man kann dann nachschärfen. Der kollaborative Gedanke ist hier viel stärker.

Siebenhofer: Und natürlich ist bei YouTube oder anderen Social-Media-Kanälen der Live-Charakter nicht so stark. Also, ich bin jetzt im Studio, ich mache jetzt eine Sendung und die wird jetzt im dem Moment ausgestrahlt. Das finde ich schon einzigartig.

Valchars: Das Internet ist keine Konkurrenz, sondern eher unterstützend, weil alle Sendungen von Radio Stimme im Online-Archiv im Nachhinein on demand nachzuhören sind. Das ist wichtig! Am Anfang hatte man nur die Möglichkeit, diese on air zu hören oder gar nicht. Jetzt haben wir ein Online-Archiv mit 400 Sendungen, die über Facebook und Twitter beworben werden können.

Seit einiger Zeit sind sogenannte Podcasts populär. Meist führen BloggerInnen Interviews zu bestimmten Themen und stellen diese dann auf ihre Blogs. Audio ist also wieder sehr beliebt. Was sagt ihr dazu?

Pollak: Es bringt ein bisschen Ruhe in eine hektische Zeit. Man muss sich halt die Zeit nehmen, um sich so einen Podcast anzuhören. Es ist manchmal ganz angenehm. Man kann etwas daneben tun und einfach nur zuhören, ohne die Augen anzustrengen.

Und glaubt ihr, dass eure HörerInnen Radio Stimme auch auf diese Weise nutzen, wie es Alexander eben beschrieben hat?

Bacher: Im Prinzip stellen wir die Sendungen so zur Verfügung, dass diese auch downloadbar und in diversen Podcatchern anzuhören sind. Und wir freuen uns natürlich, wenn die Sendungen auch so genutzt werden.

Valchars: Die Statistiken zeigen ja auch, dass Sendungen von uns oft heruntergeladen werden. Jetzt machen halt alle Podcasts. Und wir machen das schon seit 20 Jahren!

Siebenhofer: Und wir selbst haben das ja auch so genutzt. Es war in der Regel nicht so, dass sich die gesamte Redaktion am Dienstagabend vor den Radiogeräten versammelt hat.

Valchars: Ein wichtiger Punkt in diesem Zusammenhang ist der Austausch zwischen den Radiostationen. So können auch Sender, bei denen wir keinen fixen Sendeplatz haben, unser Programm übernehmen und wir andere Sendungen oder einzelne Beiträge.

Zum Abschluss unseres Gesprächs die klassische Frage: Wie schätzt ihr die Zukunft von Radio Stimme und der Freien Radios ein?

Pollak: Radio Stimme war und ist immer auch ein guter Ort, um Leute kennenzulernen und Beziehungen zu knüpfen. Es hatte auch immer etwas Gruppendynamisches. Und ich glaube, davon leben teilweise die freien Radios. Weiters finde ich es immer noch sehr wichtig, dass es so etwas wie ein kritisches Abseits des Mainstreams gibt. Wir haben jetzt ja auch andere Abseits-des-Mainstreams-Medien, die heutigen Hassmedien, die sich auch als Gegenmedien definieren, aber natürlich eine ganz andere Intention haben.

Bacher: Ich glaube auch, dass ein BürgerInnenradio mit einem demokratischen Anspruch sehr wichtig ist. Da kann man der eigenen gefühlten Ohnmacht etwas Aktives entgegensetzen.

Siebenhofer: Und es macht einen Unterschied, ob man Medien nur als ZuseherInnen oder als ZuhörerInnen konsumiert oder ob man auch Programme aktiv gestalten kann. Dann fällt einem so viel mehr auf. Man bekommt mit, welche Entscheidungen notwendig waren, um Sendungen zu gestalten: Wie nehme ich eine Person auf, welche Hintergrundgeräusche sind zu hören, wie spreche ich über diese Situation, wie steige ich ein? Und natürlich beim Fernsehen die Frage, welche Bilder verwende ich? Aber auch beim Radio, mit welchen Bildern spreche ich? Da stehen immer Überlegungen dahinter. Und wenn man das mal selbst gemacht hat und selbst diese Entscheidungen getroffen hat, dann nimmt man als ZuhörerIn Medieninhalte ganz anders wahr.

Valchars: Und auch: Wie gehe ich mit Gesprächs- und InterviewpartnerInnen um? Wie binde ich sie ein, wie lasse ich sie reden? Also deshalb hoffe ich – weil du die Zukunft angesprochen hast –, dass es sowohl Radio Stimme als auch Orange 94,0 und die anderen freien Radios noch lange geben wird. Nicht nur, um Öffentlichkeit herzustellen, sondern auch, um einem Bildungsauftrag nachzukommen, selbst Radio ausprobieren zu können und damit zu verstehen, wie Medien funktionieren. Und auch, um zu verstehen, was es heißt, eine Stimme zu haben oder keine zu haben.

Siebenhofer: Ich bin als ORF-Redakteurin oft damit konfrontiert, dass sich ZuhörerInnen oder ZuseherInnen darüber ärgern, dass ein Beitrag so und nicht anders ist. Ich glaube schon, dass diese Kritik oft aus einem Ohnmachtsgefühl herrührt und dass es anders wäre, wenn die HörerInnen sagen würden: ich ärgere mich zwar über diesen Beitrag, aber ich verstehe auch, wie der zustande gekommen ist und könnte es anders machen. Das Wissen, wie Radiosendungen produziert werden, kann sehr viel zu einer kritischen Medienöffentlichkeit beitragen und ich glaube, dass das freie Radio mehr ist als nur eine Spielwiese für Leute, die sich für Medien interessieren. Freie Radios erfüllen schon einen wichtigen Bildungsauftrag.

Alexander Pollak ist Sprecher von SOS Mitmensch und war von 2003 bis 2013 bei Radio Stimme.

Gerd Valchars ist Politikwissenschafter und seit 1998 Redakteur bei Radio Stimme.

Katharina Bacher ist Lektorin bei einem juristischen Fachverlag und seit 2015 Redakteurin bei Radio Stimme.

Alexandra Siebenhofer ist Redakteurin beim ORF und war von 2007 bis 2013 bei Radio Stimme.

Radio Stimme ist zu unterschiedlichen fixen Sendezeiten auf freien und nicht-kommerziellen Radiosendern zu hören. Den Beginn macht jeweils Wien, hier wird jeden ersten und dritten Dienstag im Monat um 20 Uhr live auf Orange 94.0 gesendet. Jederzeit nachgehört werden können die Sendungen unter www.radiostimme.at

Das Interview erschien in der “STIMME – Zeitschrift der Initiative Minderheiten 109/2018. Fotos: Ebru Uzun

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