Nach der Begegnung

Die letzten Eintrittskarten abgerissen, ein letzter Abspann, der Saal erhellt sich. Am Abend erklingt noch die Musik von Noor Eli Khoury sowie die letzten Dankesworte des Teams. Dann ist das INNCONTRO – Film Festival der Vielheit 2018 vorbei. Doch was bleibt?

Publikum beim Inncontro Film Festival 2018Zwei Tage lang setzten sich die Besucher*innen des Filmfestivals mit dem Themenschwerpunkt Frauen* und Migration auseinander, mit Bildern und Erfahrungen, die unter die Haut gehen: die sklav*innenähnliche Beschäftigung eines senegalesischen Kindermädchens in den 60er Jahren in Frankreich – Ausdruck eines postkolonialen Verhältnisses, das sich unter anderen Voraussetzungen auch in heutigen Arbeitsbedingungen wiederfinden lässt; die Flucht- und Verfolgungserfahrungen zweier Jesidinnen in einem Camp in der Türkei; die widrigen Umstände der Binnenmigration zweier junger Frauen in die Metropolen ihrer Heimatländer; die Konfrontation einer Studentin mit rassistischen und sexistischen Übergriffen; der Einsatz von Vergewaltigung als Kriegswaffe im Kongo; der Kampf gegen die Traumata eines noch stattfindenden Krieges; die Suche nach der eigenen Identität und Zugehörigkeit sowie erschreckende Szenen, die Menschen auf der Flucht von Syrien nach Europa erleben müssen.

Wie, fragt eine Besucherin die anwesenden Kurzfilmmachenden, wie kann man umgehen mit so viel menschlichem Leid, mit so viel Elend?

„Leugnung“, sagt Rania Mustafa Ali, die im Kurzfilm Escape from Syria: Rania’s Odyssey mit einer Handkamera ihre eigene Flucht gefilmt hat. „Leugnung und Depression“. Doch dann formuliert sie, was dem gesamten Kinosaal noch sehr viel stärker in Erinnerung bleiben wird:

„But I think it’s very important that we don’t let all those feelings or that shock that you get, just to leave it as feelings and not turn it into actions. It’s very important to try to change something, try to do whatever you can in your power, if it’s movies, if it’s speaking up trying to affect the policy makers, opinions, or if it’s in simple things, like volunteering, helping any kind of organizations. There are many ways that we can help to change it, like you said: We’ve had enough and we can’t just leave the world this way. So whatever we can, whatever you can do, whatever is in your power, I know that sometimes you would think it’s little and it’s not enough, but you’re making a change in your own way.”

Inès Khannoussi, Filmemacherin aus Wien, die ihre Dokumentation Meanwhile in Tunisia am Filmfestival präsentierte, betont, wie wichtig es zudem sei, die Begegnung und Auseinandersetzung mit Menschen, die Migrationsthemen weniger offen gegenüberstehen, explizit zu suchen.

Als Helin Celik, Regisseurin von What the wind took away, gefragt wird, was sie dem Publikum mitgeben möchte, richtet sie den Blick auf die Menschen hinter den Kategorien „Geflüchtete“ oder „Migrierte“: „Ich würde alle bitten, diesen Menschen eine Chance zu geben, sie wirklich kennenzulernen. Nicht aus Mitleid, sondern auf der gleichen Höhe.“ Auch eine Besucherin der Eröffnungsveranstaltung betont dies inbrünstig nach der Filmvorführung von La Noire de…: Egal welcher Herkunft oder Identität sich die Personen zuordnen, „es sind Menschen“.

Mit diesem Appell, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen „und ja, dass es immer Hoffnung gibt“, schließt Helin Celik.

Es sind diese Gedanken an die Kraft zivilgesellschaftlichen Engagements und an die Hoffnung, die nach der diesjährigen Ausgabe des INNCONTRO Filmfestivals bleiben sollen. Denn was neben Kummer und Leid auf den Leinwänden des Kinos am stärksten hervortrat, war die unbändige Kraft und innere wie äußere Stärke der Protagonistinnen; der Mut, den sie bereits zeigten, als sie sich auf ihre Reisen begaben. Ihre Strategien, Methoden und Fähigkeiten, den Widerständen zu trotzen und den eigenen Weg zu gehen, stets voller Würde, stets voller Hoffnung.

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Das INNCONTRO Film Festival der Vielheit 2018 der Initiative Minderheiten Tirol und des Verein Sahel Tirols fand vom 16.-17. November 2018 in Innsbruck im Leokino statt. Weitere Informationen und Eindrücke auf der Homepage sowie auf den Social Media Kanälen Facebook und Instagram.

Fotografie: Alena Klinger

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