Systemrelevanz und Gesellschaftskritik

Das Virus hat uns neben vielen anderen Zores in nur wenigen Wochen auch ein ganzes Wörterbuch beschert. Da sind Neologismen und Anglizismen ebenso drin wie Fachbegriffe, die nun unseren Alltag beherrschen nebst Mund-Nasen-Schutz, Baby-Elefant und Germ-Suche. Ende April las ich eine Zeitungsmeldung, wonach die „Corona-Krise“ (selbst einer dieser Termini) 700 neue Wörter mit sich gebracht haben soll.

Hier gebe ich mal eine Liste meiner Lieblings-Corona-Begriffe: Testung, Durchseuchung, Übersterblichkeit, Herdenimmunität, soziale Distanz, Team Österreich, Fallsterblichkeit, Bleiben Sie gesund!, Lockdown, Lockerungen, Hochfahren, Corona-Party, R-Faktor, Dunkelziffer, Corona-Tausender, Geisterspiel, neue Normalität, Virusschleuder, pandemischer Tsunami – und systemrelevant.

Vor einigen Wochen begegnete ich im Internet einem Bericht über die Aktion von Künstler*innen, die sich unter dem Motto „Wir Künstler sind auch systemrelevant“ zusammengetan hätten. Das erregte meine Aufmerksamkeit, und wie die selektive Wahrnehmung so funktioniert, bin ich in der Folgezeit des Öfteren auf den Spruch gestoßen. Mittlerweile gibt es auch mehrere Hashtags dieses Inhalts, unter anderem #kunstistauchsystemrelevant.

Da die meisten Staaten derzeit versuchen, verschiedene Sparten des Marktes mit Zuschüssen am Leben zu erhalten, wollen auch Künstler*innen ihren Anteil an finanzieller Unterstützung bekommen. Das fordern freie ebenso wie durch öffentliche Hand bezahlte oder subventionierte Kulturschaffende. Viele ohnehin unter prekären Umständen arbeitende Künstler*innen erblicken in der „eventfreien“ Zeit zu Recht eine manifeste Bedrohung ihrer Existenzgrundlage. Andere wiederum, allen voran Intendant*innen, fordern, dass ihre Häuser wieder für die Produktionen und das Publikum geöffnet werden. Auch für uns Konsument*innen ist das ein nachvollziehbarer Wunsch.

Ebenso klar ist, dass man die gesellschaftliche Sphäre der „Kunst und Kultur“ (wie Gesundheitsberufe, Lebensmittelhandel oder Infrastruktur) als zwingend notwendig für das öffentliche Leben, für die Gesellschaft, für die Bildung darstellen muss , um das Überleben der Sphäre, und somit auch das eigene, zu gewährleisten. Wenn ein Wirtshaus dem Publikum wichtig ist, warum dann nicht auch das Theater? Wenn das Bier erst im Gastgarten den sozialen Zusammenhalt so richtig heraufbeschwört, warum soll dann nicht auch Musik die Masse im Konzertsaal erreichen dürfen? Der drastische Hinweis auf die eigene Bedeutung ist eine notgedrungene Strategie. Alles gut.

Aber warum systemrelevant und kein anderes Wort als Schlüsselbegriff der Forderung?

Jene politisch engagierten Künstler*innen, die sich sonst gegen jeden Vereinnahmungsversuch durch das (kapitalistische, neoliberale, patriarchale, rassistische …) „System“ wehren, sich und ihre Arbeit in Interviews stets als „systemkritisch“ definieren, in der Kunst eine Handlung des Protests gegen das „falsche“ Gesellschaftssystem, einen Versuch zur Dekonstruktion und Veränderung dessen erblicken und nicht selten das Motto „Fuck the system“ ihren Katalogen oder Programmheften voranstellen – ausgerechnet diese Künstler*innen wollen nun plötzlich für das „Schweinesystem“ relevant sein?

Wenn aber dieses System ohne Kunst nicht überleben kann, wie das Attribut „systemrelevant“ nahelegen soll, dann stellen sich zwei logische Fragen: Erstens, warum verzichtet es, das System, denn so leicht auf sie, die Kunst? Warum wird sie wie ein Stiefkind behandelt? Zweitens, warum will die kritische Kunst nicht diese günstige Gelegenheit nutzen und dem unbeliebten System einen letzten Tritt geben? Eine radikale Dekonstruktion vom Feinsten quasi.

Ich weiß, Sie denken jetzt: „Wortklauberei!“ Ich würde zwar die Stoßrichtung der Forderung verstehen, aber mich wohl nur am Wort „System“ reiben. Sie haben recht, das ist zutreffend. Mir geht es um dieses Wort; nehmen wir das jedenfalls fürs erste an. Doch was wäre daran so ungewöhnlich? Sind es nicht dieselben Künstler*innen, die bei jeder Gelegenheit von der eminenten Rolle der sprachlichen Performanz, vom „Battlefield Sprache“, von der „Macht der Worte“ und der politischen Relevanz der Sprache reden – und jetzt ihre eigene Arbeit salopp als „systemrelevant“ bezeichnen? Ich tue genau das, was sie in der Vor-Corona-Zeit mit Eifer und Sorgfalt gepflegt hatten: die korrekte Sprachverwendung. Ich will auf dieses eine Wort hinweisen, das den Sinn betrübt, den eigenen Standort tarnt, sich im Machtverhältnis dem Widerstand aufdrängt und ihn korrumpiert. Ein Wort, das für die eigene Tätigkeit zu beanspruchen einfach die eigene Vereinnahmung bedeutet. Man kann sich nicht mit dem Namen des Gegners schmücken, ohne ihm allmählich zu ähneln. Wenn Kunst systemrelevant sein will, leugnet sie sich selbst.

Doch geht es mir letzten Endes freilich nicht um eine Wortklauberei, mir geht es nicht einmal um eine „korrekte Sprache“. Schon gar nicht um die Künstler*innen, deren existenzielle Sorgen ich, wie betont, ohne Weiteres nachvollziehen kann. Ich nehme ihre sprachliche Unaufmerksamkeit oder Unbedachtheit bloß zum Anlass, um auf etwas anderes hinzuweisen: auf die geistige Lage im Lande (und auch anderswo), die ich in den letzten zwei Monaten, in der Zeit der „evidenzbasierten Maßnahmen“, beobachtet habe. Das Fazit meiner Beobachtung lautet: Bereitschaft zum Gehorsam, begleitet von der Selbstkasteiung des kritischen Sinns.

Sehr viele Personen, die ich persönlich oder über die Medien kenne (Intellektuelle, Aktivist*innen, engagierte Gesellschaftskritiker*innen, Journalist*innen, politische Bildner*innen …) traten der „Politik der Pandemie“, die eine Politik des Ausnahmezustandes ist, nicht nur ihre Grundrechte ab, sondern auch ihren kritischen Geist. Wie man seinen Mantel an der Garderobe abgibt, nur diesmal ohne Abholschein.

In den letzten Wochen hörte oder las ich so oft den Stehsatz: „Ja, was hätte die Regierung sonst tun sollen?“ – als Antwort auf die (ohnehin schon seltenen)  kritischen Äußerungen über die Politik der Pandemie à la Türkis-Grün-Regierung, die fundamentale Rechte außer Kraft setzte und dabei Angstmache statt Transparenz als Grundsatz befolgte. Im Namen der sozialen Verantwortung und unter dem Motto, sich mit den vulnerablen Gruppen angesichts der Pandemie zu solidarisieren, haben viele bisher kritische Menschen somit ihren Blick auf Anweisungen der Expertokratie und auf Alternativlosigkeit des Verzichts verengt. Plötzlich mutierten sie, gemeinsam mit großen Teilen der Bevölkerung, zu Hobby-Virologen und Freizeit-Statistikerinnen; Angst wurde zum Gemeinsinn und Wissenschaft zur säkularen Religion (nicht selten höre ich derzeit Leute sagen: „Ich glaube nur an die Wissenschaft.“) Aber vor allem: Jede andere politische Meinung, jeder andere Blick auf die Pandemie, jede Diagnose zur Lage der Gesellschaft und der politisch-sozialen Entwicklung wurde hintangestellt, so als könne man über diese Dinge heute nicht anders reden als die Vier von den türkis-grünen Pressekonferenzen, ohne sich dabei mit dem Virus anzustecken.

Wir stehen nun von Rechts wegen nahezu als „bloßes Leben“ da. Viele unserer Grundrechte sind derzeit ausgesetzt oder an Bedingungen geknüpft. Wenn man – was jeder politisch denkende und kritische Mensch tun sollte – auf diese Evidenz nur hinweist, bekommt man entweder den Stehsatz der Alternativlosigkeit oder aber Vorwürfe zu hören: von „verantwortungslos“ über „unseriös“ bis hin zu „verschwörungstheoretisch“.

Deswegen geht es mir eben nicht eigentlich um das Wort „systemrelevant“, das eine Berufsgruppe unbedacht für sich in Anspruch genommen hat, sondern um etwas, das hinter diesem Wort steckt, eigentlich alle Worte des erwähnten Corona-Wörterbuchs umfasst und dazu noch eine ganze Rede, die täglich „viraler“ wird. Es geht um eine Haltung, eine Denkungsart und einen Diskurs, allesamt durchdrungen vom „nackten Leben“, von der Biomacht, vom Kalkül des Leben-Machens und Sterben-Lassens – sowohl auf Seiten der Maßnahmen wie auch zunehmend auf Seiten der Kritik an diesen. Wir haben es im öffentlichen Diskurs wieder mit dem Malthusianismus zu tun, mit Bevölkerungsgesetzen, mit der „Sozialhygiene“, mit dem „Gattungskörper“ und der Eugenik, wenn auch nicht wörtlich unter diesen Überschriften. Im Rahmen einer Politik der Pandemie lassen Statistik und Bioethik indes keine Kritik des Systems mehr aufkommen. Darum wollen jetzt alle zum System gehören, systemrelevant sein, ja das System sein.

Denn es liegt an der politischen Natur des Ausnahmezustands, dass viele in Zeiten der erklärten Krise „Wir“ sagen wollen. Bloß, das ist ein staatlich verordnetes Wir, das genauso ideologisch aufgeladen ist wie das Wir der „Aufbaugeneration“, der „Trümmerfrauen“ und der Balkanroute-Schließer. Das ist aber nicht die Seite der Vernunft oder der Wissenschaft, wie manche annehmen mögen, sondern die des nationalistisch-autoritären Etatismus. Es ist das Wir der nationalistischen Nächstenliebe und Solidarität nach dem Floriani-Prinzip. Ohne die Lager der Geflüchteten an unseren Grenzen, ohne die Ertrunkenen im Mittelmeer, ohne die „italienischen Corona-Opfer“ und die „falsche britische Corona-Politik“, ohne ukrainische Spargelstecherinnen und rumänische Rund-um-die Uhr-Pflegerinnen, die wieder einmal Spielball der Politik geworden sind, gäbe es kein Wir der österreichischen Corona-Front.

Wenn man angesichts dessen noch immer „systemrelevant“ sein will, hat das mit den Füßen zerstört, was er*/sie* einst mit Händen aufgebaut hatte: die Front der Gesellschaftskritik.

 


Hakan Gürses ist in der politischen (Erwachsenen-)Bildung tätig. Er war von 1993 bis 2008 Chefredakteur der Zeitschrift Stimme von und für Minderheiten, von 1997 bis 2011 Lektor und Gastprofessor für Philosophie an der Universität Wien und ist im Vorstand der Initiative Minderheiten.

 

 

 

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