guestauthor: Hakan Gürses

Autobiografische Notiz in Stimmungsbildern

Vor 40 Jahren, im März 1981, verließ ich Istanbul in Richtung Wien. Das war der Beginn meines halbfreiwilligen Exils. Das Militär hatte sechs Monate zuvor geputscht und eine Schreckensherrschaft mit Massenverhaftungen, Folter und vollstreckter Todesstrafe errichtet. Ich wurde nicht unmittelbar verfolgt, in meinem Fall war es dennoch ratsam, das Land zu verlassen. Der Ausnahmezustand mitsamt den nächtlichen Ausgangssperren, die stets präsente Angst und die depressive Kollektivstimmung boten...

Systemrelevanz und Gesellschaftskritik

Das Virus hat uns neben vielen anderen Zores in nur wenigen Wochen auch ein ganzes Wörterbuch beschert. Da sind Neologismen und Anglizismen ebenso drin wie Fachbegriffe, die nun unseren Alltag beherrschen nebst Mund-Nasen-Schutz, Baby-Elefant und Germ-Suche. Ende April las ich eine Zeitungsmeldung, wonach die „Corona-Krise“ (selbst einer dieser Termini) 700 neue Wörter mit sich gebracht haben soll. Hier gebe ich mal eine Liste meiner Lieblings-Corona-Begriffe: Testung, Durchseuchung,...

friedhofsrose auf rhodos

Das kleine Reisetagebuch oder Vom Zugehören

Nun bin ich also auf Rhodos. Der Name zerrt seit Kindheit märchenhafte Bilder vor mein geistiges Auge: Breite kopfsteingepflasterte Gassen – umsäumt von Rosensträuchern und Zypressen –, in denen kleine Gruppen von dunkelhaarigen Männern in Leinenanzügen und jungen Frauen in knielangen Kleidern lachend umherschweben. Eigentlich ist es nur eine junge Frau, nämlich die Mutter von Serdar, meines Freundes seit der Volksschule, die da lacht und zum duftenden...