guestauthor: Hakan Gürses
Zu Anfangszeiten dieser Zeitschrift stand in einem redaktionellen Veranstaltungsbericht folgender Satz, über den wir Mitarbeiter*innen der Initiative Minderheiten selbst laut lachen mussten und der für uns bald zum geflügelten Sinnspruch wurde: „Und im Publikum waren die Minderheiten zahlreich vertreten.“ Es war lustig, obwohl oder gerade, weil der zitierte Satz, im landläufigen Sinn ein Oxymoron, für uns keineswegs widersprüchlich klang. Denn „Minderheit“ war aus unserer Sicht vorerst keine...
Auf Instagram und Facebook gibt es diese Möglichkeit, Videoschnipsel und Fotos aneinanderzureihen und wie einen Kurzfilm der Gefolgschaft zu präsentieren. Obwohl das Tool „Story“ heißt, hatte es eher nur in seinen Anfängen mit Erzählen zu tun. Die Ur-Storys klangen, in die Verbalsprache übertragen, wie die Geschichten des Tages (das Ding verschwindet ja in 24 Stunden): „Heute Vormittag habe ich mir einen Hoodie gekauft, zu Mittag einen besonders...
Ludwig Wittgenstein setzte einen der schönsten philosophischen Sätze an den Anfang seines Traktats: Die Welt ist alles, was der Fall ist. Diese inzwischen nachgerade zum Aphorismus gereifte Formulierung will ich mich erdreisten, hier in politischer Absicht zu erweitern: Wenn sich einzelne Fälle verdichten, treten große Sinnfragen auf. (Jedenfalls für mich.) Täglich konfrontieren uns die Medien mit Zahlen von Getöteten auf verschiedenen Kriegsschauplätzen, zumal auf jenen, die wir...
Die Welt scheint, politisch betrachtet, kopfzustehen. Der Rechtsruck in Europa, die Machtübernahme des Trumpismus in den USA, der weltweite Siegeszug des Autoritarismus, Kriege in geographischer oder emotionaler Nähe, fortgeführter Abbau des Sozialstaates, und all das angesichts der anhaltenden Klimakrise! Es geschieht da etwas Tiefreichendes und Nachhaltiges. Wir können uns indes nicht einmal auf den Begriff für die Lage einigen: Wende? Polykrise? Stadium des Kapitalismus? Ende des Anthropozän?...
Es gehört inzwischen zum guten Ton in den politischen Analysen von Wahlen, welche rechtspopulistische oder faschistoide Parteien für sich entschieden haben, die Linke dafür verantwortlich zu machen. Mal ist es die Sozialdemokratie, die in ihrer wohligen Echokammer die Angst der Leute vor Zuwanderung nicht wahrnehme. Mal die „Kulturlinken“, deren abgehobene Sprache und Arbeiten bei „einfachen“ Bürger*innen nur Kopfschütteln auslöse. Oder die „Woken“, die Transfrauen im Frauensport zulassen...
Vielen Menschen geht es schlecht. Kriege, Klimakrise, Teuerung der Lebenshaltungskosten, der globale Rechtsruck, zunehmende Anzahl autoritärer Regierungen, islamistischer Terror, drohende neue Pandemien und weitere Dauerbrenner der letzten Jahre machen einem Gutteil der Bevölkerung große Sorgen … Viele wiederum nehmen Anstoß an medial aufgebauschten Reißern, seien es „Flüchtlingsströme“, Trans- und Intersexpersonen im Sport, sei es das „Gendern“ oder unpopuläre EU-Maßnahmen. Als Draufgabe kommen die öffentlichen Debatten über solche...
Jüngst erschien im Standard ein Artikel, in dem die Sprache Herbert Kickls auf das NS-Vokabular hin untersucht wird. Eine ganze Seite voller Treffer! Eigentlich wird diese Suchaktion nach Sprachrestln der „Ehemaligen“ in regelmäßigen Abständen veranstaltet, schon seit Jörg Haiders Zeiten: durch unterschiedliche Printmedien, im Nachrichtenfernsehen und naturgemäß von Kabarettist*innen, die, nebenbei gesagt, hierzulande inzwischen die Funktion von „public intellectuals“ übernommen haben. „Da spricht der Geist von damals!“...
Nasreddin Hoca, wie er auf Türkisch genannt wird, ist eine humoristische Figur, die man im Raum vom Balkan bis Zentralasien kennt. Er soll im 13. Jahrhundert im Osmanischen Reich gelebt haben und weist Ähnlichkeiten etwa mit Till Eulenspiegel auf: ein schlagfertiger Volksgelehrter, der sich als dumm oder naiv gibt und anschließend lehrreiche Bonmots äußert. Diese sind im Laufe der Zeit zu geflügelten Worten geworden. So auch seine...
Ich fürchte, ich habe es nie geschafft, weder in politisch guten noch in schlechten Zeiten, verbindende oder ermutigende Worte für meine Mitmenschen zu finden. Das hat wohl mit meinem Dissidentencharakter zu tun. Überall dort, wo ich auch nur einen Anflug von Einstimmigkeit und Gemeinschaftsgeist wahrnehme, versuche ich, diese zu zerstören, oder suche das Weite. Das ist wohl eine verwerfliche Eigenschaft. Ich kenne einige Menschen mit diesem Makel,...
Im März verstarb unser Kollege Erwin Riess. Einige Wochen zuvor hatte er an die STIMME-Chefredakteurin gemailt, dass er für die kommende Ausgabe krankheitsbedingt nicht schreiben werde, und sie um die Weiterleitung folgenden Wunsches an den Vorstand der Initiative Minderheiten gebeten: „Ich hoffe doch sehr, daß jemand über die Faschistenmachtübernehme in NÖ schreibt.“ Ich will hier versuchen, dieses Vermächtnis meines Freundes zu erfüllen. Zumindest einen Teil davon. „Faschismus“ ist...