Darüber kann ich mit meiner Zahnärztin nicht reden

Fragen Sie Ihren Zahnarzt, Ihre Prophylaxeassistentin, Ihren Apotheker oder Ihren Homöopathen!

Dieser Satz steht auf der Zahnpasta-Tube in meinem Badezimmer. Nehmen wir also an, ich hätte Fragen zur Nutzung oder Wirkweise ebendieser Zahnpasta. An wen kann ich mich dann wenden? Mit Homöopathie kann ich wenig anfangen und kenne daher auch keinen Homöopathen. Und in der Apotheke ums Eck arbeiten nur Frauen. Aber zum Glück bleiben mir zwei Optionen: meine Prophylaxeassistentin, die in der Praxis meiner Zahnärztin arbeitet, oder der Ehemann meiner Zahnärztin, der auch als Zahnarzt praktiziert. Wen ich nicht fragen kann? Meine Zahnärztin. Schließlich ist sie auf der Zahnpasta-Tube nicht genannt.

Ich höre schon die ersten, die meinen, ich solle nicht so kleinlich sein, schließlich wäre meine Zahnärztin eh sicher „mitgemeint“. Nur wo? Der Zahnpasta-Satz verwendet männliche und weibliche Formen, ist dementsprechend nicht im generischen Maskulinum – a.k.a. „mitmeinend“ – geschrieben. Damit unterscheidet er sich vom bekannten Satz

Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker

Dieses generische Maskulinum klang schon in meiner Kindheit gleich und meint wohl auch heute noch Frauen* mit. Dabei wäre es so einfach, diesen Satz geschlechtergerecht zu formulieren. Die Website http://geschicktgendern.de/ empfiehlt:

Holen Sie sich ärztlichen oder pharmazeutischen Rat.

Sprache prägt Denkmuster

Der Zahnpasta-Satz spielt allerdings in einer anderen Kategorie. Natürlich ist die Frage des geschlechtergerechten Formulieren auch hier relevant. Aber noch auffallender ist, wie männliche und weibliche Formen hier eingesetzt werden. Dass „Zahnarzt“ und „Apotheker“ männlich und  „Prophylaxeassistentin“ weiblich formuliert sind, zementiert jahrzehntealte Denkmuster ein. Schließlich war den Anteil an ausgebildeten Zahnärztinnen und Apothekerinnen aufgrund patriarchaler und gesellschaftlicher Strukturen Mitte des 20. Jahrhunderts niedrig. Aber heute?

In meiner Kopf war schon das Beschwerdeschreiben an das Zahnpasta-Unternehmen formuliert. In bissigsten Ton hätte ich ihnen geschrieben, was ich von dem Weltbild halte, das auf der Zahnpasta-Tube transportiert wird. Und dann war ich einkaufen und habe entdeckt, dass meine Tube zuhause wohl aus einer alten Charge kommt. Auf sämtlichen Zahnpasta-Produkten dieser Marke – das ergab mein Lokalaugenschein in zwei unterschiedlichen Geschäften – findet sich ein neuer Satz. Er ist abseits von patriarchalen Denkmustern und geschlechtergerecht formuliert. Da steht nämlich ab jetzt:

Fragen Sie Ihr zahnärztliches Praxisteam!

Damit ist zumindest die Sprache auf der Zahnpasta-Tube auch im 21. Jahrhundert angekommen.

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